Pauline, Marie, Prinzessin von Borghese

Pauline, Marie, Prinzessin von Borghese, Marie Bonaparte, Prinzessin von Borghese, geb. am 20. Oct. 1780 zu Ajaccio in Corsica, war die zweite Schwester Napoleon's. Als die Engländer diese Insel im Jahre 1793 einnahmen, folgte sie ihrer Familie nach Frankreich, um in diesem Lande einen Zufluchtsort zu suchen. Während ihres Aufenthaltes in Marseille war sie im Begriffe, einem gewissen Fréron, Mitglied des Conventes, ihre Hand zu reichen. Diese Verbindung wurde, wie die mit dem General Duphot später beabsichtigte, durch die Ermordung desselben zu Rom 1797 vereitelt. P. vermählte sich nun aus eigener Wahl mit dem General Leclerc, der in den Jahren 1795 und 96 in Marseille stand und sich schon damals von dem Liebreiz P's angezogen fühlte. P. war Mutter eines Sohnes, als ihr Gatte zur Armee nach Portugal berufen wurde, um den Oberbefehl über die unglückliche Expedition nach Haiti zu übernehmen. Auf den Wunsch Napoleon's begleitete sie den General, um mit ihm alle Gefahren der weiten Reise und des ganzen Unternehmens zu theilen, denen sie mit wahrem Heldenmuthe, einer Schwester Napoleons würdig, die Stirne bot. Ende des Jahres 1801 schiffte sie sich zu Brest auf dem Admiralschiffe, der Ocean, ein. P. stand damals in der Blüthe ihrer Schönheit und Anmuth; eben so geistreich, als liebenswürdig in ihrer äußern Erscheinung, fehlte es ihr nicht an Bewunderern, die begeistert ihre Reize priesen. Den auffallendsten Beweis von Muth und Entschlossenheit gab sie bei dem Aufstande der Neger auf Haiti unter Christoph, Clairvaux und Dessalines, der den 16. September 1802 ausbrach. Mit Anbruch des Tages griffen 11,000 Mann das Cap an, wo der Obergeneral residirte, der bei dieser Gelegenheit die Wahl des Consuls glänzend rechtfertigte. An der Spitze einiger hundert Soldaten, des einzigen Ueberrestes eines vom gelben Fieber aufgeriebenen zahlreichen Heeres, gelang es ihm durch unerhörte Anstrengungen die Stadt zu retten. Das Schloß, worin seine Gemahlin mit ihrem Sohne unter dem Schutze eines erprobten Freundes zurück geblieben war, lehnte sich mit der Rückseite an einige Sandhügel, und konnte jeden Augenblick von den Belagerern überrumpelt werden. Als die Gefahr auf der obern Seite des Kaps, wo sich die ganze Heftigkeit des Gefechtes concentrirte, immer dringender wurde, ertheilte Leclerc den Befehl, Frau und Kind an Bord zu bringen. Standhaft weigerte sich P., Folge zu leisten, indem sie, wie eine andere Porcia, erwiderte: »Hat mein Gemahl das Unglück von einer feindlichen Kugel getroffen zu werden, so weiß ich mit meinem Sohne zu sterben.« Den Frauen, die mit Bitten in sie drangen, sich in Sicherheit zu begeben, entgegnete sie: »Sie sind nicht Bonaparte's Schwestern. Ich schiffe mich entweder mit meinem Gatten ein, oder ich sterbe.« Nachdem der Ober-General von dem Widerstande seiner heldenmüthigen Frau in Kenntniß gesetzt worden war, sandte er einen Adjutanten mit der Weisung ab, sie, wenn es sein müsse, mit Gewalt aus der Stadt auf ein Schiff zu bringen. Es mußte wirklich Strenge angewandt werden, P. mit ihrem Sohne ihrer Wohnung zu entreißen. Auf dem Wege zum Hafenplatz, umringt von allen Gefahren des Krieges, zeigte sie einen Heldenmuth, eine Entschlossenheit, die jedem Manne zur Ehre gereicht haben würde, und diese Ruhe, diese Verachtung der Gefahr, war nicht etwa nur ein erkünsteltes Wesen, sondern sie entsprang in der Tiefe ihrer Seele und aus dem innigen Gefühle ihrer Pflicht. Schon hatte P. die Bucht, wo das Schiff bereit lag, erreicht, als ein zweiter Bote des Generals ihr die Nachricht von der gänzlichen Niederlage der Schwarzen brachte. Mit dem Ausrufe: »ich wußte wohl, daß ich mich nicht einschiffen wurde,« kehrte sie schnell in ihre Wohnung zurück. Ein solcher Charakter erinnert an die schönsten Zeiten Sparta's und Roms. Nach dem Tode des Generals Leclerc begab sich seine Witwe nach Frankreich, wo Napoleon sie wegen politischer Rücksichten mit dem Prinzen Camille Borghese vermählte, der seinerseits diese Verbindung einging, weil sie seinem Eigennutze Vortheil versprach. Bald darauf raubte der Tod der nunmehrigen Prinzessin von Borghese ihren Sohn, den sie schmerzlich beweinte. Napoleon liebte diese Schwester innig, wenn auch zuweilen kleine Streitigkeiten das gute Verhältniß störten; auf die Entzweiung folgte bald eine herzliche Versöhnung, die das Vorhergegangene leicht vergessen machte. Obgleich die Politik ihre Heirath entschieden hatte, schien sie sich derselben nicht unbedingt geopfert zu haben. Ihr Aufenthalt in Neuilly, wo sie in einer angenehmen Zurückgezogenheit lebte, entschädigte sie reichlich für die steifen Förmlichkeiten, welche die Stellung am Hofe ihr auferlegte, und oft wagte sie es von dort aus, sich dem gebietenden Willen des Mächtigen zu widersetzen, in dessen Fesseln ganz Europa lag. Der Widerstand der anmuthigen Frau ergötzte selbst den Kaiser, bis ein Unrecht, das P. öffentlich gegen Maria Luise beging, ihr seine ernstliche Ungnade zuzog und sie vom Hofe verwies. Jene dauerte noch, als die Katastrophe von 1814 Napoleon's Sturz herbeiführte. Das Unglück tritt versöhnend zwischen die Menschen; so geschah es auch hier. P. zeigte sich ganz als Schwester, und willig verließ sie ihren Palast zu Rom, um auf Elba sein herbes Geschick zu theilen. Nach Napoleon's Landung in Cannes begab sich die Prinzessin nach Neapel zu ihrer Schwester, der Königin Karoline, und von da nach Rom. Vor der Schlacht von Waterloo, deren Ausgang eine ewige Scheidewand zwischen sie und ihren Bruder stellen sollte, sandte sie ihm ihren Schmuck von beträchtlichem Werthe. Sie vermochte ihm keinen andern Dienst zu leisten, und doch wünschte sie ihre Dankbarkeit für die von ihm empfangenen Wohlthaten zu bezeigen. Nie hat man erfahren, was aus den Edelsteinen geworden ist; der Wagen, in den Napoleon sie gelegt hatte, um sie bei günstiger Gelegenheit seiner Schwester zurück zu stellen, kam nach der Schlacht in die Hände der Feinde, und wurde in London öffentlich verkauft, Seitdem lebte die Prinzessin in Rom im Palast Borghese, während ihr Gemahl, der nach der unglücklichen Wendung der Dinge sich sogleich von Napoleon lossagte, seinen Wohnsitz in Florenz genommen hat. Das Haus der Ersteren war der Sammelplatz der ausgewähltesten und glänzendsten Gesellschaft, in der P. durch ihren Geist und ihre Liebenswürdigkeit als eine der interessantesten Erscheinungen glänzte. Sie starb den 9. Juni 1825.

E. v. E.


http://www.zeno.org/DamenConvLex-1834.

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