Peche, Julie

Peche, Julie. Wie seltsam leitet doch manchmal das Geschick seine Lieblinge auf rauhen Umwegen zu dem Ziele ihres Berufes, wie schmiedet es den Göttersohn oft an einen Steinblock, um ihn später auf dem Purpur des Thrones glänzen zu lassen. Es liegt in Calderons »Leben ein Traum« eine weitgreifende Wahrheit! Julie Peche, geb. 1809 in Prag, die Tochter eines Offiziers, verwaiste mit ihrer jüngern Schwester frühzeitig. Die Armuth stand an ihrer Wiege, und doch war es nur eine Grazie, der Kunstgenius im Bettlergewande: so wollte ihn die bizarre Laune des Geschickes erscheinen lassen. Schläge des Schicksals zertrümmerten den letzten Rest des häuslichen Wohlstandes der verlassenen Familie, und so geschah es, daß ihre Mutter in Noth und Rathlosigkeit sich gedrängt sah – wie die Sage geht – mit ihren beiden wunderschönen, 10- und 12jährigen Kindern einer anwesenden Kunstreitergesellschaft, deren Director auch eine Menagerie besaß, sich anzuschließen. Julie, mit den dunkeln Augen und glänzenden Locken, wurde als Indianerin angeputzt und mußte sich die lebendigen Riesenschlangen um Hals und Leib winden, um den Zuschauern ein schrecklich-schönes Schauspiel zu geben. Die Sache machte Aufsehen, das Spectakel fand Zulauf, und Julie hieß von da an das schöne Schlangenmädchen. So durchzog sie, begleitet von Mutter und Schwester, die meisten Städte Deutschlands, bis etwa nach drei oder vier Jahren ein günstiges Geschick sie nach Bonn am Rheine führte. Zum ersten Male wohnte sie hier einer Vorstellung im Theater bei, mächtig ergriffen blickte sie in eine neue Welt, und der Genius, der ihr gefolgt war bis zur Stunde des Erweckens, warf hier sein Bettler- und Schlangengewand ab. – Julie verließ die Menageriebude und trat mit ihrer Schwester in das Chor des dortigen Theaters. Nicht lange konnte ein Talent von solcher Entschiedenheit unentdeckt bleiben. Man vertraute ihr eine kleine Rolle, und die unbekannte unbeachtete Choristin, das frühere Schlangenmädchen, riß zur Bewunderung hin. Kaum ein Jahr mochte so zwischen Chorsingen und kleinen Röllchen vergangen sein, als eine Schauspielerin erkrankte und Julie die Rolle der »Julia« im Romeo übernehmen mußte. Sie spielte vortrefflich, freilich nicht kunstgerecht, aber mit einer Wahrheit des Gefühles und Ausdruckes, daß das Publikum hingerissen wurde. Unter diesem Publikum befand sich W. A. v. Schlegel! Er sah, hörte und staunte. Ein Aufsatz aus seiner Feder erschien im Morgenblatte, es war ein Freibrief Julie Peche durch ganz Deutschland. Was der Kunstmeister mit so viel Begeisterung gelobt, das konnte keine gewöhnliche Erscheinung sein. Und so erwies es sich auch bald in Hamburg, wo die Kunstjüngerin ein vortheilhaftes Engagement annahm und allgemeine Bewunderung erregte. Bald darauf erhielt sie einen ehrenvollen Ruf von dem damals blühenden darmstädter Hoftheater. Julie, durch ihre Verbindlichkeiten zwar noch in H. festgehalten, nahm, in Rücksicht auf die Lage ihrer Familie, jenes Angebot an. Geschehene Reclamationen, von Seiten der hamburger Direction, erledigte die Munifizenz des damaligen Großherzogs von Hessen, und die junge Priesterin der Musen trat in ein glänzendes, lebenslängliches Engagement. Hier, im Besitze aller ersten Partien, erhob sich ihr Talent zur ächten, künstlerischen Höhe. Zur Weihe fügte sich auch die Form, das gefühlte Wort wurde auch ein gedachtes. – Allein bald verbitterten Zerwürfnisse und Intriguen ihr den Aufenthalt, und sie verließ tief gekränkt freiwillig ihre lebenslängliche Anstellung gegen eine nicht sehr bedeutende Entschädigungssumme, und ging nach Stuttgart. In dieser Zeit vermählte sich ihre gleich schöne, aber die Bühne nur wenig begabte Schwester, an einen reichen Privatmann in Bonn. Von wohlthätiger Einwirkung auf Julien's Höherbildung war auch der stuttgarter Künstlerkreis, dem sie aber auch nur eine kurze Zeit angehörte, um einem Rufe an die wiener Hofbühne, die Erste Deutschlands (die den Namen eines Kunstinstitutes mit Recht führt) zu folgen. Ihre dortigen Debutrollen können ohne Uebertreibung eben so viele Triumphe genannt werden. Seitdem bildet sie mit Julie Rettich und Antonie Fournier das glänzende Dreigestirn des Burgtheaters, welches nur Medea-Schröder als Heroine überragt –: ein Verein weiblicher Talente, wie ihn kein deutsches Theater besitzt, wie keines ihn je vielleicht besaß. – Das tragische Element: der Schmerz, den sie oft mit der Gewalt ihrer Phantasie auf den Brettern in die Schranken gefordert, trat aber auch tückisch in ihr Leben. Ein junger gebildeter Mann, von heißer Liebe zu ihr entbrannt, und wie es heißt, bereits ihr Verlobter.– erschoß sich, als seine zerrütteten Vermögensverhältnisse ihre Vermählung unmöglich machten. – Tief und bleibend war der Eindruck, den diese tragische Katastrophe auf Julien's Gemüth übte. Erst nach einer längern Pause vermochte sie wieder die Bühne zu betreten. – J. Peche ist Meisterin im tragischen Genre wie im seinen Lustspiel; ihr Rollenkreis daher ein weit umfassender. Für den höhern Kothurn dürfte ihre physische Kraft nicht ganz ausreichen, dagegen aber erschüttert sie in den weichern Partien, im Sentimental-Tragischen Herz und Seele! Hier wird ihr Schmerz selbst Wohlklang, ihr ganzes Wesen eine Elegie! Der Macht ihrer Thränen widersteht kein Auge, der Flug ihrer Begeisterung reißt allmächtig hin. Ihre Declamation ist meisterhaft, ihre Worte sind Flötentöne, ihre ganze Persönlichkeit voll Ebenmaß, Schönheit, Grazie. Mögen dereinst die Jahre von den letztgenannten Gaben ihren Tribut fordern; der Genius wird stets wohnen in dieser begeisterten Brust! – Ihre vorzüglichsten Partien (deren Anzahl, wie erwähnt, groß ist), so wie ihre zahlreichen Gastspiele hier anzuführen, gestattet uns die Oekonomie des Raumes nicht.

–n.


http://www.zeno.org/DamenConvLex-1834.

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