Peking

Peking, die erste Hauptstadt des chines. Reiches, die nordische Residenz (denn Pe heißt Norden, wie Nan Süden, und king bedeutet Residenz), die riesenhafteste Stadt der Erde, die an Umfang selbst das gewaltige London um ein Drittel übertrifft, mit 2 Millionen Ew., liegt in der Provinz Petschheli, in einer weiten Ebene. Hohe, gethürmte Mauern umgeben sie rings und überragen Gebäude, Schlösser und Tempel, umschließen drei verschiedene Städte, mit 10,000 Palästen, 30 Tempeln und zahllosen Häusern, weiten Strecken von Feldern, Plätzen, Seen etc. So chaotisch und dennoch einförmig ihr Anblick in der Entfernung ist, so überraschend ist das Innere – in sofern das Barocke, Bizarre, untermischt mit dem Regelmäßigen, einen ganz eigenthümlichen Eindruck hervorbringt. Zahllose Straßen, oft 50 Ellen breit und eine Stunde lang, durchkreuzen sich fast regelmäßig, die Häuser, fast alle nur ein Stockwerk hoch, von Backsteinen gebaut und mit grauen Ziegeln bedeckt, enthalten unzählige Kaufmannsläden. Der Palast des Kaisers, in der obersten, der Thronstadt, gleicht, da er aus einer Reihe von Gebäuden, Sälen, Gärten, Teichen, Rasenplätzen, Springbrunnen etc. besteht, gewissermaßen dem Serail in Constantinopel. Alle königl. Gebäude haben gelbe, die fürstlichen grüne und die der Privaten graue Dachbedeckung. Innerhalb der zweiten oder Königsstadt (die 3 Stunden im Umfange hat) liegt der parkartige, terrassirte Berg Dsin, der Tempel des Fo, mit der 60 Fuß hohen, vergoldeten Bildsäule des Gottes, die Universität, der Tempel des Confucius und das russ. Missionsgebäude nebst Kirche. In der äußern Stadt, welche die Vorstädte umfaßt, findet man die Tempel des Himmels und des Ackerbaues, beide von ungeheurem, über eine Stunde großem Umfange. An den Letztern grenzt das Feld, welches der Kaiser zu Ehren des Erfinders des Ackerbaues alljährlich mit eigener Hand unter großem Gepränge pflügt; hier befindet sich auch die Sternwarte, die Akademie der kaiserl. Kalendermacher, das große Findelhaus, eine muhamed. Moschee, zwei Christenkirchen, viele Theater, Schulen und andere öffentl. Gebäude. An und zwischen diese reihen sich die zahlreichen Begräbnißplätze und Kasernen der 190,000 Mann starken Garnison an. Die Zwischenräume nehmen die zahllosen Straßen mit ihrem unglaublichen Menschengewühle ein. – Wer sich das Bild dieser Riesen- und Feenstadt versinnlichen will, der muß seine Phantasie an den Mährchen der »Tausend und eine Nacht« entzündet haben! – Wandelt nun der Reisende zwischen diesem Einwohnerstrome von Chinesen, Mandschuren und Mongolen vorüber an den Kramläden, die alle ihre Waaren auf der Straße ausgelegt haben, so ziehen Scenen und Gruppen an seinem Auge vorüber, immer eine überraschender und seltsamer als die andere, hier zwei vornehme Chinesen in ihrer abenteuerlichen Tracht, die einander mit dem üblichen Ceremoniel: Kniebeugungen und Handausstreckungen, gravitätisch-komisch begrüßen; dort kommt ein Mandarin in seiner Staatstracht einhergeschritten, neben sich die Diener seines Departements, welche ihm mittelst des Kantschus durch das Gewühl Platz machen. An einer Straßenecke sind zwei Chinesen erst in Streit, dann in ein lebhaftes Handgemenge gerathen, das aber bei dem feigen und weichlichen Charakter des Volkes nie ein blutiges Ende nimmt; höchstens daß dem Ueberwinder der Zopf des Ueberwundenen in den Händen bleibt, worauf er gravitätisch den Platz verläßt. An der Ecke gegenüber hat ein Buchhändler seine Krambude; er verkauft seine Bücher aber nicht nach dem Werthe oder einem festgesetzten Preise, sondern nach dem Gewichte. Fehlt etwas an Letzterem, so reißt er ruhig eine Anzahl Blätter aus dem ersten besten Werke, wirft sie in die Wagschale und completirt das Gewicht. Jetzt zieht eine Schaar grün gekleideter Soldaten ordnungslos vorüber, neben der Flinte eine Papierlaterne auf der Schulter. Sie kommen vom Exercierplatze, zu welchem sie, wegen dessen weiter Entfernung, lange vor Sonnenaufgang ausgezogen. – So eben wird im Gedränge ein Mann überfahren. Alles ergreift plötzlich die Flucht und der Unglückliche bleibt hilflos allein; denn das Gesetz bestimmt für den Fall, daß, wenn ein der Art Verwundeter in einem Hause stirbt, derjenige, welcher ihm hilfreiche Hand geleistet und in dessen Behausung er gestorben, so lange für den Thäter gehalten wird, bis der Wahre ermittelt ist. – In einer zierlichgeschmückten, mit Glöckchen behangenen Sänfte wird eine Braut heimgeführt. Spielleute gehen voran, Fackelträger neben und hinter der Tragbahre. Diesem Zuge folgt vielleicht ein Leichenzug – Männer und Frauen in blauen Gewändern, Mandarinen, Klageweiber, Fackelträger (selbst bei hellem Tage) – die Leiche auf einer Bahre von Bambusblättern in einem schönen Sarge, welchen dem Verstorbenen kindliche Liebe bereits vor Jahren bei festlicher Gelegenheit verehrt hat: denn so ist es Sitte! – Kommt nun vollends der Kaiser mit seinem endlosen Zuge angefahren (um vielleicht eins seiner Luftschlösser zu besuchen), so eröffnen den Reigen 60–80 Constablers, ellenlange Peitschen schwingend, womit sie die Köpfe der Gasser bearbeiten, um sie in ihre Hauser zu treiben, weil es nicht vergönnt ist, die geheiligte Majestät jeder Zeit von Angesicht zu sehen. Diesen Respectstrabanten folgen Garden, weiße und schwarze Verschnittene, Hofbediente, Edelknaben, die Großen des Reiches, Mandarinen nach ihrer Rangordnung mit ihren Pfauenfedern, die Prinzen von Geblüte und dann Sr. Majestät selbst in einem verhangenen Gallawagen. Den Beschluß macht das Küchenpersonale, Hausgesinde, ein Zug Reiterei und abermals 60–80 Peitschenschwinger. Den imposantesten Anblick aber gewährt P. zur Zeit des Laternenfestes. Jeder Mann, Groß und Klein, trägt eine brennende Papierlaterne; mit Papierlaternen aller Dimensionen und Farben sind Häuser und Tempel, Paläste und Thürme, bis zu ihren höchsten Giebeln und Zinnen geschmückt; die dunkle Nacht ist schimmernd überhaucht, die ganze Stadt ein buntes Feuermeer. Aber diese Erleuchtung wiederglänzt durch das ganze Land von einem Ende bis zum andern, an einem und demselben Tage und zu derselben Stunde. – Solche und ähnliche Eindrücke gewährte P. den Reisenden, deren Schilderungen wir hier auf ewigem Raume zusammengefaßt. Die Sitten und Gebräuche, das übrige öffentliche und das Privatleben der Ew. von P. gleicht dem des ganzen Reiches. Hier, wo Alles stereotyp ist, ist es auch dieses. (Man sehe darüber das Ethnographische im Artikel China: Geographie und Frauen).

–n.


http://www.zeno.org/DamenConvLex-1834.

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