Poppäa, Sabina

Poppäa, Sabina, Tochter des T. Ollius, führte den Namen ihres mütterlichen Großvaters Poppäus Sabinus, und hatte von ihrer Mutter Sabina, einer der schönsten, aber auch der verworfensten Frauen ihrer Zeit, deren Reize und Fehler geerbt. Sie wußte inzwischen durch ein äußerlich sittsames Wesen ihr ausschweifendes Leben zu verhüllen, und Tacitus rühmt von ihr, daß sie selten öffentlich, und immer mit halbverschleiertem Antlitz erschienen sei. Der Hauptzug ihres Charakters war Eigennutz, und diesem brachte sie die heiligsten Pflichten des Weibes zum Opfer. Ihren ersten Gemahl, Rufus Crispinus, einen römischen Ritter, dem sie einen Sohn geboren, verließ sie, um sich mit Otho zu vermählen, dessen Jugend und Schönheit eine heftige Leidenschaft in ihr erregten; und durch dessen Einfluß auf Nero sich ihre Habsucht und ihr Ehrgeiz reichen Gewinn versprachen. Otho beging die Unvorsichtigkeit, die Schönheit und Anmuth seiner Gemahlin vor dem Kaiser laut zu preisen, dessen Begierde, die reizende Frau zu sehen, dadurch entflammt wurde. Seinem ersten Besuche folgten bald mehrere, und P. wußte ihn durch eine erheuchelte Neigung, die Nero allein seiner Persönlichkeit zuschrieb, unwiderstehlich an sich zu fesseln. Otho wurde alsbald aus des Kaisers Nähe verbannt, und zum Statthalter der Provinz Lusitanien ernannt. Nach seiner Entfernung gab sich das unwürdige Paar ungestört seiner Leidenschaft hin. Allein P's Ehrgeiz war durch den Besitz des Geliebten nicht befriedigt; sie wollte als seine Gemahlin den kaiserlichen Purpur theilen. Diesen Wunsch bei Lebzeiten Agrippina's, der Mutter Nero's, die nie in die Verstoßung der edlen Octavia, des Kaisers rechtmäßiger Gemahlin, gewilligt haben würde, erreicht zu sehen, durfte sie nicht hoffen. Sie begann damit, Nero gegen die Mutter aufzubringen; die Thränen und Künste des verschmitzten Weibes vermochten endlich den Sohn zu dem Schrecklichsten – zum Muttermord. Unter nichtigen Vorwänden sah sich Octavia (s. d.) verstoßen, und Nero reichte P. die blutbefleckte Hand. Letztere glaubte sich des schwer errungenen Sieges nicht sicher, so lange Octavia, die das Volk verehrte, noch lebte, und von ihr gedungen drangen die Mörder in die Verbannung der geachteten Nebenbuhlerin und brachten deren Haupt nach Rom. Im Jahr 63 n. Chr. Geb. wurde P. Mutter einer Tochter, Claudia genannt: beide erhielten von Nero den Beinamen Augusta. Seine Freude über die Geburt dieses Kindes war so groß, daß er öffentliche Kampfspiele und Dankgebete verordnete Der Senat, längst gewohnt, sich allen Launen des Herrschers willig zu fügen, ließ zum Andenken dieses Ereignisses einen Tempel erbauen; allein Claudia, die alle jene Feierlichkeiten veranlaßt hatte, starb schon nach wenigen Monaten. So unmäßig Nero's Freude gewesen war, so heftig äußerte sich nun sein Schmerz. P. überlebte ihre Tochter nur zwei Jahre. Ihr Gemahl, der sie immer noch vergötterte, war die Ursache ihres Todes. In einer Aufwallung von Zorn gab er ihr einen heftigen Stoß in den Leib, dem zu Folge sie nach wenigen Tagen im Jahr 65 verschied. Nero's Schmerz, nachdem sein Jähzorn sich gelegt hatte, war um so aufrichtiger, da P. sich wieder Mutter fühlte. Er ließ ihren Körper, dem römischen Gebrauche zuwider, nach morgenländischer Sitte einbalsamiren, und hierauf im Julischen Begräbnisse beisetzen. Von der Rednerbühne herab prieß er selbst mit begeisterten Worten ihre Schönheit, aber statt Tugenden zu erwähnen, die das Weib am Schönsten zieren, gedachte er nur der äußern Glücksgaben, mit denen das Schicksal sie gesegnet hatte. Vielleicht hat nie eine Frau die Sucht zu gefallen weiter getrieben, als P.; man sagt von ihr, sie sei die erste Römerin gewesen, die ihr Antlitz unter einer Maske verhüllt habe, um sich vor den Strahlen der Sonne zu schützen; ferner seien ihr immer, nach welchem Orte sie sich auch begeben habe, 500 Eselinnen gefolgt, deren Milch sie zu Bereitung von Bädern benutzt habe, um die Weiße und Frische ihrer Haut zu erhalten. Auch soll sie, vor einem Spiegel stehend, den Wunsch geäußert haben, zu sterben, ehe das Alter ihre Reize zu schwächen vermöchte. Beim Antritte seiner Regierung ließ Otho, welcher der treulosen Gemahlin seine Liebe nicht versagen konnte, die mit Nero's Bildsäule umgestürzte Statue der Poppäa wieder aufrichten.

E. v. E.


http://www.zeno.org/DamenConvLex-1834.

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