Prag

Prag. Wie schön ist sie, die alte Czechenstadt, mit ihren zahllosen Thürmen und Palästen an beiden Ufern der blauen Moldau weit hin gestreut! Wie majestätisch blickt der Hradschin von dem westlichen Bergrücken herab, wie schön spiegelt sich der Wischehrad in den hellen Fluten, wie riesenkräftig umspannt die gewaltige Brücke, ein steinerner Gürtel den breiten Strom, auf welchem sich grüne Inseln wie Feenmährchen wiegen! Keine deutsche Stadt vermag sich mit Prag an imposanter Großartigkeit, an reizender Lage und Umgebung zu messen. Der nordische Wanderer, der zum erstenmale von der Höhe des Strahofs diese uralte Königsstadt überblickt, fühlt sich eben so überrascht, als seltsam angezogen. Eine neue Welt die altergrauen pomphaften Formen des Katholicismus, die Regsamkeit des Südens, der Typus einer noch nicht verwischten, ehrwürdigen und glorreichen Nationalität tritt ihm überall entgegen. Und welche historische Erinnerung überläuft sein Auge beim Anblicke dieser Steinmassen von welchen fast jede ein weltgeschichtliches Interesse hat. Dort Libussa's Burgtrümmer, auf dem Wischehrad die Veste, wo die alten Herzoge thronten, dort die Kirche, wo Huß predigte, hier jene, welche der taboritische Kelch zierte, ringsum Spuren der mächtigen Fußtapfen eines Ziska, Prokop, Georg v. Podiebrad, Wallenstein, Gallas, Piccolomini etc. Hier fiel der erste eherne Würfel des schrecklichen 30jährigen Kriegsspieles und auch der letzte. Vom heiligen Wenzel, vom starken Bretislaw bis zum 7 jährigen Kriege, wo in Prags Ebene der Held Schwerin fiel und vor der Stadt selbst der große Friedrich hauste, bis in unsere Zeit, wo Prag einen Theil der Rüstungen zu dem Riesenkampfe gegen Napoleon sah, wälzt sich ein Goldstrom großer und heiliger Erinnerungen über Böhmens Hauptstadt hin. Welche Größe, welchen Glanz, welche Luft und welche Schmerzen haben jene Burgen, jene Plätze, jene Trümmer gesehen! Hier hauste der Luxemburger Johann, dieser fahrende Königsritter, der prachtvolle Karl IV., der wilde Wenzel und seine sanfte Gattin Johanna; vor diesen Mauern stand der drohende Ajax Ziska, von hier aus zogen die Hussiten, um die deutschen Kreuzheere zu schlagen, aus jenem Fenster stürzte der ergrimmte Thurn die kaiserl. Commissarien, hier weinte die unglückliche Stuart, des Pfälzers Gattin, als die Schlacht auf dem weißen Berge verloren ward, in jenem Palaste wohnte der Friedländer und sann und träumte von Schlachten, und vielleicht auch von einer Königskrone. Diese Stadt sah von allen der österreich. Monarchie zuerst die Habsburgstochter als Kaiserin der Franzosen in allem Glanze einer europäischen Macht. Welch einen weiten Abschnitt der Geschichte kann der Denker an diesen Mauern, diesen Tempeln und Denkmälern studiren. – Prag liegt wie Rom auf sieben Hügeln und im Thale der Moldau; auf dem linken Ufer dehnt sich die kleine Seite bis zur Höhe des Hradschins und Lorenzberges aus, auf dem rechten der Wischehrad, die Altstadt (inclus. der Judenstadt) und die Neustadt. Ringsum ragen mächtige Kuppeln und Thürme zum Himmel empor, und zur Abendstunde ziehen Glockentöne wie ein Tonmeer um die unübersehbaren Häusermassen. Von der Höhe der Hasenburg erblickt das Auge bei hellem Sonnenschein die Gipfel des Riesengebirges, und auf der majestätischen Brücke verliert es sich zwischen der Schützen- und Färberinsel hindurch nach Podskal und in die Felsufer vor Königsal. Die berühmte, mit Heiligenbildern gezierte Brücke ist 1790 F. lang und 35 F. breit, und ruht auf sechzehn Bogen. Ihr Bau, 1358 begonnen, dauerte 145 Jahre. Einen Theil der Wälle Prags hat der edle und mit Begeisterung verehrte Oberstburggraf Chotek in paradiesische Spaziergange umwandeln lassen. Rings um P. dehnen sich in großer Entfernung herrliche Parkanlagen aus, z. B. der Baumgarten, der Park des Fürsten Kinsky, Grafen Kanal, Nostiz, Baron Wimmer etc. In der naheliegenden Scharka, einem wild-romantischen Thale, hat Böhmen auch seine Schweiz, wie Sachsen und Oestreich. Denkwürdig ist Prags Brücke noch durch den Tod des Landespatrons, des heil. Johann v. Nepomuk. Von hier nämlich ließ ihn König Wenzel in die Moldau hinabstürzen. Alljährlich wallfahrtet das böhmische Landvolk aus allen 16 Kreisen des Landes den 16. Mai nach der Hauptstadt, um in der Domkirche, wo die Gebeine des Martyrers in einem silbernen Sarge ruhen, und des Abends auf der erleuchteten Brücke vor seinem Standbild seine Andacht zu verrichten. Musik durchtönt dann die laue Frühlingsnacht, und auf den Ufern und Inseln der Moldau erheben sich Raketen und Leuchtkugeln in die finstere Luft. Die Anzahl der Kirchen und Paläste ist zu groß, um sie hier auch nur namentlich anzuführen. Wir erwähnen nur die in ihrer Art einzige Domkirche, die der Prämonstratenser, die Niklas- und Teinkirche, die Salvator- und Clemenskirche, jener der Malteser und Kreuzherren etc. Eine große Anzahl schöner Gotteshäuser ist geschlossen. Wie reich ist allein der Hradschin an Palästen! Die kaiserl. Burg bildet beinahe selbst eine kleine Stadt; an sie schließen sich das Lobkowitz'sche und Sternberg'sche Palais, die Residenz des Erzbischofs und der Domherren, die Paläste des Fürsten Schwarzenberg, das großherz. Toskanische, das Czernin'sche u. a. m. an. In der untern Stadt nennen wir jene der Grafen Thun, Nostiz, Kolowrath, Waldstein etc. Jenseits der Brücke prangen die Palais der Fürsten Còlloredo, Kinsky, der Grafen Clam-Gallas etc. Ein Riesengebäude ist das Clementinum, nebst dem Karolinum der Sitz der Universität. P's Universität ist die älteste in Deutschland, seine gelehrten, Kunst und wissenschaftlichen Anstalten gehören zu den größten der Monarchie. P. hat ein adeliges Fräuleinstift und ein Damenstift, dessen Aebtissin genwärtig eine kaiserl. Prinzessin ist. Unter den zahlreichen Klöstern nennen wir hier vorzugsweise das der Elisabethinerinnen, wo selbst weibliche Kranke Aufnahme und Pflege finden. Das Conservatorium für Musik hat einen fast europäischen Ruf; treffliche Sänger und besonders Instrumentalisten sind aus ihm hervorgegangen. Von den gelehrten Männern, die hier geboren oder gebildet wurden, gibt fast jedes Decennium Kunde. – Prags Einwohnerzahl beläuft sich auf 122,000 Menschen, worunter 8–0000 Juden. Sie sind gemischter Abstammung: Deutsche und Slaven. Ueber den Grundtypus ihres Charakters s. den Art. Böhmen. Hier sei nur bemerkt, daß sie selbst in die mittleren Klassen hinab durch Charakterfestigkeit, Bildung, Sinn für das Schöne (besonders Musik), Mildthätigkeit und Treue zum Fürstenhause sich auszeichnen. Hier schon regt sich in der gesteigerten Lebenslust der südliche Humor, die glänzenden Formen des Katholicismus wirken steigend auf eine leben die Phantasie ein, die sich durch große Erinnerungen und tägliche Anschauungen des Schönen und Denkwürdigen sättigt. Leidenschaftlich liebt der Böhme, leidenschaftlich übt und hegt der Prager Musik und Tanz. Prags Bewohnerinnen sind in jeder Beziehung reizend zu nennen. Der Reisende erstaunt über die Menge schöner, dunkeläugiger, idealgeformter Mädchen und Frauen. Von hier aus verschwindet die nordische, blonde Magerkeit, um einer harmonischen Fülle der Umrisse Platz zu machen. Ihre geselligen Talente sind gleich ausgezeichnet, und die Enkelinnen Libussa's hegen noch immer deren Schönheit und hohen Sinn als überkommenes, würdiges Erbe.

–n.


http://www.zeno.org/DamenConvLex-1834.

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