Racine, Jean de

Racine, Jean de, der französische Euripides, sowohl in Auffassung und Darstellung der Charaktere, als in der sanften Süßigkeit und dem duftigen Schmelz der Sprache, der über seine besten Dichtungen ausgegossen ist. Schon in frühester Jugend hegte R. einnige Liebe zu den griechischen Tragikern, die sich mit den Jahren steigerte und auf die freie Ursprünglichkeit seiner Entwickelung einen hemmenden Einfluß übte. Obwohl von seinem Lehrer, Lancelot, an der Lectüre griechischer Dichtungen verhindert, kehrte er doch immer wieder zu dem zurück, wovon er sich unwiderstehlich angezogen fühlte. Einst, als ihm Lancelot, ein Freund des berühmten Arnauld, einen griechischen Roman weggenommen hatte, schaffte sich R. sogleich ein neues Exemplar an, lernte es auswendig und überreichte es dem strengen Manne mit der Bemerkung: »jetzt könne er auch dieses verbrennen.« Racine vollendete auf dem Collegium Harcourt zu Paris seine Studien, die er in Beauvais begonnen und auf der Schule der Jansenisten in Port-Royal fortgesetzt hatte. Seine dichterische Laufbahn eröffnete R. 1659 durch eine Ode auf die Vermählung Ludwig's XIV.: »aux Nymphes de la Seine,« die ihm eine Gratification von 100 Louisd'or und eine Pension von 600 Livres eintrug. Auch erwarb er sich durch diesen ersten poetischen Versuch die Freundschaft Chapelain's. So vielversprechend nun auch dieser Anfang war, wollten seine Freunde und Verwandte doch gern einen sittsamen, soliden Bürger und Menschen aus ihm machen, und bestürmten ihn deßhalb so lange mit Bitten, bis er sich entschloß, Geistlicher zu werden und eine Pfründe zu erwarten. Es lag viel Bequemes in diesem Entschluß für Racine; denn der junge Dichter hatte einen Oheim, der Domherr zu Uzes in Languedoe war. Indeß zerschlug sich die Hoffnung, und R. kehrte schon nach einem Jahre wieder zurück nach Paris. In liebenswürdiger Ignoranz wundert er sich in dieser Zeit über das Dasein einer südfranzösischen Sprache, und ist in seiner Eitelkeit als junger galant homme nur darauf bedacht, seine gute pariser Aussprache nicht etwa in diesen rustikosen Umgebungen zu verderben. Eine neue Ode »La Renommé aux Muses« erwarb ihm des Königs Gnade und die Freundschaft Boileau's. Erst 1664 ließ er sein erstes Trauerspiel »la Thébaide« aufführen, nachdem er zuvor auf Molière's Rath eine frühere, Tragödie vernichtet hatte. Im Jahr darauf folgte der »Alexandre« R. entging der Beifall des Publikums nicht, so wenig Selbstbeständiges auch in diesen ersten Versuchen zu entdecken war, da sie großentheils ihre Entstehung einer schüchternen, aber sehr seinen Nachahmung Corneille's verdankten. Schnell jedoch fühlte er jetzt seine Kraft wachsen. Die »Andromaque« war der Erguß einer eigenen, frischen Schöpferkraft, und einmal frei von fremden Fesseln überließ sich von nun an R. dem Willen seines sanften Genius. In ununterbrochener Reihe folgten »Britannicus«, »Rerenice«, »Bajazet«, »Mithridate«, »Iphigenie,« Phèdre«, »Esther« und »Athalie«, unter denen die vier letztgenannten die ausgezeichnetsten sind. – In allen diesen Werken erstrebte R. eine Verherrlichung der Liebe, die er mit meisterhaft seinen Zügen zu schildern versteht, R. ist der Dichter der Liebe unter den Franzosen; die Tiefen des weiblichen Gemüthes öffnen sich vor seinem Blicke, und gehen mit all' ihrer unaussprechlichen Sehnsucht, mit der Qual ihrer Leidenschaften, an uns vorüber. Weniger gelang ihm die Zeichnung schroffer Männlichkeit, worin ihn Corneille weit überragt; dagegen aber umspinnen R. zartere Gestalten durch ihre mehr in verschlossener Tiefe wurzelnden Schmerzen das Gemüth mit dem Reiz einer innigen Rührung, ohne falsche Sentimentalität zu erwecken. Außer den genannten Tragödien schrieb er noch einen Versuch im Lustspiel, die »Plaideurs«, in denen viel unentwickeltes Talent für komische Poesie erkennbar ist. Nach so großen Erfolgen, die dem Dichter die ungetheilte Gunst des Königs und die ausgezeichnetsten Freunde und Gönner verschafften, ist es tief ergreifend, wie er in der späteren Zeit seines Lebens sich dem Glanze der Welt zu entziehen bemüht war. Sobald er 1673 Mitglied der Akademie geworden und 1677 sich vom Theater zurückgezogen hatte, beschlich ihn die Reue über sein früheres Leben. Er wandte sich dem religiösen Leben zu und verheirathete sich. Dennoch blieb er in der Gunst Ludwig's XIV., der ihn zum Edelmann und Schatzmeister der Generalität von Moulins ernannte und ihm eine Wohnung im Schlosse gab. Erst in der letzten Zeit seines glücklichen Lebens verscherzte er die Gnade des Königs durch eine Schrift über das Elend des Volkes. Alter und eine unbefriedigte Sehnsucht seines Herzens nach göttlicher Liebe machten ihm das Leben öde und leer. Er starb am 22. April 1699 – vielleicht eben so sehr am gebrochenen Herzen über die Ungnade seines Königs, als, weil er das Ziel seines Daseins erreicht hatte. R. ward geb. zu Laferté-Milon bei Paris am 21. Dec. 1639.

W.....m.


http://www.zeno.org/DamenConvLex-1834.

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