Radcliff, Miß Anna

Radcliff, Miß Anna. So wenig man geneigt ist den engl. Schriftstellerinnen in ihrem Vaterlande selbst Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, so war doch gerade die neuere Zeit ungemein fruchtbar an weibl. Autoren. Will man M. Anna auch nicht zu den besten zählen, so kann man ihr doch jedenfalls das Zeugniß der Originalität nicht verweigern. Wer sie gelesen hat, wird sie nicht vergessen; dieß ist ganz gewiß ein Verdienst, allein man hat es ihr wenig Dank gewußt. Hören wir, wie Allan Cunningham über sie urtheilt: Sie war das Haupt derjenigen Schriftsteller, welche das wahre Uebernatürliche durch das falsche verdrängten, und mit Hilfe eines geheimnißvollen Apparates Wunder bewirkten Sie wählte zu ihren Themas das Schreckliche, Schauerliche, was für zu entsetzlich gehalten wird, um beschrieben zuwerden. Ob gleich nun der Leser davon angezogen wird, so macht er doch endlich die Entdeckung, daß seine Wanderung im Reiche des Aberglaubens eben so eingebildet war, wie die Auffahrt Sancho Pansa's in die Feuerregion, und daß wir das Plätschern der Wellen für eine Stimme aus dem Grabe gehalten haben. Wer wollte aber deshalb der Verfasserin eine üppige Phantasie, ein ausgezeichnetes Darstellungstalent absprechen? In ihren »Geheimnissen Udolpho's« z. B. liegt ein Zauber, dessen sich Jeder in späten Jahren noch erinnern wird, der in der Jugend davon befangen ward. Aber es ist nicht der Zauber des Vergnügens. Indem, wir lesen, erscheint uns die Erde wie ein Kirchhof, die Häuserwerden unheimliche Schlösser, in den Flüssen scheint Blut zu fließen, der Amsel letzter Ton klingt unserem Ohr wie die letzte Posaune: »Unheil verhüllt den Mond,« und Anna Radcliff und ihre Geheimnisse triumphiren. Diese Dichterin, die Tochter des Kaufmanns Ward, ward am 9. Juli 1764 geb., vermählte sich, 23 Jahr alt, mit dem Rechtsgelehrten W. Radcliff, war klein von Statur, hatte regelmäßige Gesichtszüge und lebte bis zu ihrem am 7. Febr, 1822 erfolgten Tode in häuslicher Zurückgezogenheit zu London. Von ihren Werken erwähnen mir noch: the castles of Athlin and Dunbayne, Sicilian romance, romance of the forest und the Italian.

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http://www.zeno.org/DamenConvLex-1834.

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