Recke, Elisa von der

Recke, Elisa von der, Elisa von der, geborene Reichsgräfin von Medem, eine der ehrwürdigsten Frauen, welche unserer Zeit zum Vorbild wahrer Güte, strenger Sittlichkeit und jeder höheren Eigenschaft des Gemüths diente, wurde den 20. Mai 1756 in Kurland auf einem Landgute ihrer Großmutter, der Starostin von Korff, geb., wo sie auch ihre erste Erziehung erhielt, da sie die Mutter schon im zweiten Jahre ihres Alters verlor. Die Starostin, eine Frau von großer Strenge und unerschütterlichen Grundsätzen, obschon mit manchen Vorzügen des Geistes und Herzens begabt, verstand es nicht das zart organisirte Kind zu leiten. Elisa besaß die tiefste Innigkeit, Sanftmuth und Milde. Sie hätte vor Allem des Sonnenscheins der Liebe bedurft, um fröhlich zu gedeihen. Aber die unbeugsame Festigkeit ihrer Großmutter in übertriebenen Anforderungen, die – wenn sie nicht zu erfüllen waren – durch die schmerzlichsten Strafen gerügt wurden, verschüchterte das zarte Wesen, raubte ihm den jugendlichen Frohsinn, und versetzte es in einen krankhaften Nervenzustand. Da schloß ihr Vater 1767 eine dritte Ehe, und war so glücklich eine Frau zu finden, die das Herz einer Mutter besaß. Sie ruhte nicht, bis ihr Gatte ihr erlaubte, die fast von der Geburt an von ihm entfernte und entfremdete Tochter zu sich zu nehmen. Welch ein neues Leben ging nun Elisen auf! Mit voller Seele schloß sie sich der geliebten Mutter an, die wohlthuend über den Fortschritten ihrer Entwickelung wachte. So sehr man zeither über Mangel an Fassungsvermögen und Fleiß bei ihr geklagt hatte, so groß und erfolgreich war jetzt ihr Streben, das Versäumte nachzuholen. Sie blühte, von Außen und Innen sich herrlich entwickelnd, zur Jungfrau empor. Doch nicht lange sollte sie sich dieser heiteren Verhältnisse erfreuen. Mehrere Bewerbungen um ihre Hand unterbrachen den goldenen Frieden der Gegenwart. Ihre Neigung sprach für Keinen – am wenigsten aber für den Mann, den die Stiefmutter sehr hoch stellte, weil er ihr naher Verwandter, und im Allgemeinen das war, was man in der Welt eine gute Partie nennt. Die Aeußerung, Elisens Wahl möge auf diesen fallen, war für das dankbare Gemüth derselben die Richtschnur ihres Benehmens, und ihrer jugendlichen Schwärmerei dünkte es süß, durch ein Opfer, dessen ganze Wichtigkeit sie nicht erkannte, die Liebe zu vergelten, welche die Mutter ihr bewiesen hatte. Bald sollte sie die Folgen dieser unglücklichen Wahl empfinden. Selten fügte das Verhängniß zwei heterogenere Wesen zusammen, als hier. Herr von der Recke war despotisch, rauh und abstoßend, Landwirth, passionirter Jäger und ein Feind alles höheren, geistigen Bestrebens. Gewohnt, Leibeigene um sich zu sehen, denen er ein strenger Gebieter war, sah er die zartfühlende und sein erzogene Elisa nur für die erste seiner Mägde an. Die Anhänglichkeit an ihre Familie, ihre Freundschaft einige ihr gleich gesinnte Jugendbekannte – alles, was am höchsten und heiligsten in ihrem Herzen stand, mußte sie als unnütze und kindische Thorheiten verachten und verbieten hören. Nach drei kummervollen Jahren schien die Geburt einer Tochter ihrem trüben Leben eine freundlichere Wendung zu geben, denn sie besaß doch nun ein Wesen, das sie lieben durfte. Auf ihren Gemahl übte jedoch dieses Kind keinen mildernden Einfluß. Nur ein Sohn würde seine Wünsche befriedigt haben, und er zürnte mit der schuldlosen Gattin, daß sie ihm keinen geboren. Elisa, die ohnehin selten, und nie ohne den peinlichsten Zwang ihre Eltern und Geschwister sehen konnte, hatte sich das tiefste Schweigen über ihre bedrängte Lage zum Gesetz gemacht. Da nun Herr von der Recke mit aller seiner Strenge keinen andern Einfluß auf sie erlangen konnte, als daß sie Geduld übte, so begann er sich laut bei ihren Verwandten über sie zu beklagen. Elisa zu betroffen und empört über solche falsche Beschuldigungen, um ihnen zu widersprechen, verlor dadurch wirklich das Vertrauen von einem Theil ihrer Verwandten. Nur die Geschwister blieben die treuen Genien ihres Lebens, und zweifelten nie an dem stillen Werth ihrer Gesinnung. Aber die vielseitigen Vorwürfe erschütterten ihre ohnehin durch Kummer und Anstrengung schwankende Gesundheit. Sie verfiel in eine schwere Krankheit, von der sie sich nur langsam erholte, um gebeugt und hoffnungslos das Joch dieser unglückseligen Verbindung weiter zu schleppen. Doch als nun fünf Jahre verstrichen waren, und der Charakter ihres Mannes statt sich zu mildern, immer gehässiger und unlauterer wurde, da schrieb sie ihm einen eindringenden Brief, worin sie ihm vorstellte, wie er sich durch das Verläugnen der Wahrheit und andere Abweichungen von der Bahn des Rechts mehr noch an sich selbst, als an ihr versündige, und worin sie ihn beschwor, umzukehren von einem Wege, der nur zu seinem sittlichen Verderben führen könne. In Wuth gebracht durch die Ermahnungen eines Wesens, das er gewohnt war, als seine Sclavin zu behandeln, ließ er ihr statt aller Antwort sagen, daß sie binnen einer bestimmten Frist sein Haus und sein Gebiet verlassen solle. Elisa zögerte diesem Gebot Folge zu leisten; sie glaubte den Vater ihres Kindes nicht so leicht verlassen zu dürfen. Da aber jener Befehl sich auf die rauheste Art wiederholte, so gab sie endlich nach, und zog mit ihrer Tochter nach Mitau, wo ihr von Gram gebeugtes Herz in dem liebevollen Umgang ihrer Geschwister, besonders ihrer Schwester Dorothea, nachmaliger Herzogin von Kurland, Trost und Beschwichtigung ihres wunden Gemüths fand. Im Januar 1777 entriß ihr der Tod die Tochter. Der Schmerz des Mutterherzens war tief, aber still, und als sie ein Jahr nachher auch ihren Lieblingsbruder verlor, der in Straßburg studirte, schien ihrem Leben der letzte Schimmer erloschen, und ihre Gedanken verloren sich von da an immer mehr in jene Geisterwelt, wo sie die abgeschiedenen Seelen ihrer Lieben ahnte. Schwärmerisch sich in die Geheimnisse der Ewigkeit hinein träumend, war der Kirchhof, wo sie in mondscheinhellen Nächten auf Erscheinungen harrte, ihr anziehendster Aufenthalt, und so konnte es nicht fehlen, daß Cagliostro, jener schlaue Betrüger, ihre Phantasie in Anspruch zu nehmen wußte, als er nach Kurland kam. Wohl sah sie sich endlich von ihm getäuscht; allein der Glaube an einen geheimnißvollen Zusammenhang mit der Geisterwelt, den sie als eine Brücke betrachtete, welche das irdische mit dem ewigen Dasein verbinde, blieb ihr. Erst später gelang es würdigen Freunden ihrer kräftigen, aber bisher gefangen genommenen und verdüsterten Vernunft eine hellere Richtung zu geben, und durch eine gesunde, Geist und Herz stärkende Lectüre ihren Sinn von schwärmerischem Hinbrüten, Irrthümern und Illusionen abzuziehen. Diese geistige Genesung ging aus schweren Kämpfen mit ihren schwärmerischen Vorurtheilen hervor, war aber dauernd für ihr ganzes Leben, das von nun an klar in seinem Ideenkreis, fest und stark in seiner Willenskraft blieb. In dieser erworbenen, unerschütterlichen Kraft und bei der edlen Aufrichtigkeit, die ihr eigen war, scheute sie sich nicht, öffentlich in einer kleinen Schrift ihre Irrthümer, Cagliostro gegenüber, freimüthig zu bekennen. Diese Schrift, die nachmals in die Hände der Kaiserin Katharina kam, machte sie mit dieser persönlich bekannt und verschaffte ihr den lebenslänglichen Genuß eines einträglichen Krongutes. Herr von der Recke hatte unterdessen zu seinem Erstaunen vernommen, daß die furchtsame, junge Frau, die als Gattin an seiner Seite so unglücklich gewesen, durch ihr stilles Verdienst, ihren Geist und ihr musterhaftes Betragen der Gegenstand der allgemeinen Bewunderung geworden war. Er näherte sich ihr wieder, und die Versöhnliche nahm ihn wohlwollend auf, gedachte der erlittenen Kränkungen nicht mehr und bezauberte den sonst finsteren Despoten durch ihre Unbefangenheit und Anmuth jetzt so sehr, daß er sein gegen sie gehabtes Unrecht einsah, es wieder gut zu machen wünschte, und auf das Dringendste bat, zu ihm zurückzukehren. Sie aber verweigerte dieß und blieb nur in der Entfernung seine rathende Freundin bis zu seinem Tode. Ihre Gesundheit wurde indessen immer schwankender, und die Aerzte riethen ihr den Gebrauch des Karlsbades als das einzige Mittel, den zerstörenden Fortgang ihrer Leiden zu hemmen. Im Jahr 1784 trat sie mit einer ihr sehr lieben Freundin, Sophie Becker, späterhin verehelichte Schwarz, zum erstenmal die Reise dahin an, von welcher ihre Begleiterin einige Jahre nachher unter dem Titel: »Briefe einer Kurländerin,« eine genaue und interessante Beschreibung lieferte. Die Heilquelle hatte die beste Wirkung auf Elisens Zustand, wiewohl nur Linderung, nicht völlige Wiederherstellung zu hoffen war. Aber schon dieß war wohlthuend genug, um öfter ihre Zuflucht dorthin zu nehmen, und da nach und nach die Bande, die sie an's Vaterland knüpften, immer lockerer wurden, da ihre Eltern starben, und ihre geliebte Schwester, die Herzogin von Kurland, durch die Verhältnisse gedrängt, ebenfalls den heimischen Boden verließ, sich ein Asyl in Deutschland zu suchen, so beschloß sie, ihre späteren Lebensjahre unter einem gemäßigteren Himmelsstrich zuzubringen, wo das regere Leben der Literatur und Kunst, das sie in den deutschen Hauptstädten kennen lernte, so wie manche ausgezeichnete Bekanntschaft, sie begeisternd ansprach. Nach manchen Reisen, unter denen die wichtigsten nach Warschau und nach Italien waren, von welcher letzteren eine gediegene, durch den Hofrath Böttiger herausgegebene Reisebeschreibung ihr Talent gründlicher Auffassung und den reinen Sinn beurkundet, der sie beseelte, erwählte sie Dresden zu ihrem bleibenden Aufenthalt. Sie kaufte sich dort ein schönes Haus mit einem freundlichen Garten in der Neustadt, und öffnete dieses – wie überall, wo sie auf längere oder kürzere Zeit weilte – der edelsten Gastfreiheit, so wie sie es durch ihre Gegenwart zum stillen, prunklosen Tempel der reinsten Wohlthätigkeit erhob. Hier endigte sie nach stets fortbestehender Kränklichkeit, deren drückende Schwere nur der wiederholte Gebrauch des Karlsbades milderte, den 13. April 1833 ihr segensreiches Leben. Das schöne freundschaftliche Verhältniß, das sie seit einer langen Reihe von Jahren mit Tiedge, dem gefeierten Sänger der Urania, verband, verklärte ihr schmerzenvolles Alter mit einer sanften Glorie, und gewährte ihrem Geiste kräftige Erhebung, so wie ihrem Gemüth die edelste Befriedigung. Von seiner Feder haben wir, wenn die gerechte Trauer über ihren Verlust ihm erst gestatten wird, sich einer solchen Beschäftigung zu widmen, eine tiefer eindringende und inhaltreichere Schilderung ihres reichen und musterhaften Lebens zu erwarten, als diese flüchtige Skizze sein kann und – durfte. Wir besitzen von ihr eine Reise nach Italien in 4 Banden; das Leben Neander's; Gedichte, die mehrmals aufgelegt wurden, und ein Schauspiel: Familienscenen, oder Entwickelungen auf dem Maskenballe.

A.


http://www.zeno.org/DamenConvLex-1834.

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