Rettig, Julie, geborne Gley

Rettig, Julie, geborne Gley, eine der größten jetzt lebenden deutschen Schauspielerinnen. Ihr Wesen ist Poesie, die Poesie in ihrer wechselvollsten Gestaltung, ihre Auffassung Wahrheit, ihre Darstellung die seelenvollste Hingebung ihrer Individualität in die des vorgeschriebenen Charakters. Dem deutschen Drama des letzten Decenniums war Julie Gley eine neue, glänzende, überraschende Erscheinung. Ueber die Frivolität hinaus schritt ihre Natürlichkeit, in der Tragödie fand sie den Ton wieder, neu, lebendig und kräftig, der schon verhallen wollte; die neuen Formen umrankte ihr Genius und veredelte sie. Dramen und Dichter vergingen nach kurzem Schimmerleben, aber der Genius dieser Künstlerin blieb siegreich über den Gräbern, naturkräftig in ungeschwächter Weihe. Und dieß Alles hat sie nicht einer bezaubernden Persönlichkeit zu verdanken, an welche sich in unsern Tagen nur zu oft die Triumphgöttin angeschlossen; nein, Seele, Tiefe der Empfindung, Wahrheit des Ausdruckes, Musik der Sprache hat ihr diese Triumphe bereitet. Ob sie bedeutender im Lustspiele oder der Tragödie sei, diese Frage ist unentschieden geblieben. Ihre Phantasie zügelt ein scharfer Verstand. ihr Gefühl ist noch in der Beherrschung hinreißend. In den gemessenen Pathos der älteren Schule weiß sie das Feuer der Wahrheit zu bringen; alle ihre Gebilde sind lebenskräftig, fern von aller Monotonie, von einem romantischen Zauber überhaucht. Im Bereich ihrer Darstellungen begegnen sich Sappho, Medea, Johanna, Julie. Griseldis, Corona, die Königin von 16 Jahren, Gretchen, Mirandolina etc. – Sie wurde in Hamburg 1810 geb., wo ihre Mutter Sängerin war, betrat zuerst die dresdner Bühne, ward dort als eine Schülerin Tieck's, der sie ausschließlich der romantischen Schule zueignen wollte, – eine Zeit lang verkannt, wußte sie sich aber bald Anerkennung zu verschaffen und trat plötzlich selbstständig wirkend auf eine Kunststufe, deren Höhe ihr von da an Niemand streitig zu machen wagte. 1833 ging sie an das Hofburgtheater nach Wien. Daß hier Vorbilder und Umgebung auf ihr Genie vielseitig und kräftigend eingewirkt, liegt in der Natur des Genies begründet. Nach Dresden zurückgekehrt überraschte die neue Kunstperiode der Schauspielerin, ohne daß ihr die schuldige Anerkennung zu Theil ward. Sie engagirte sich deßhalb 1834 am wiener Hoftheater, dessen Zierde sie noch jetzt ist. Kunstkenner nennen von da an jede ihrer Rollen einen Fortschritt, und darin besteht eben die Manifestation jedes ächten Talentes. – Seit 1833 ist sie an den k. k. Hofschauspieler Rettig, einen ausgezeichneten Bühnenkünstler, vermählt. – Ihre vielseitige Bildung, ihr lebendiges Interesse für alle Fächer der Kunst, ihre geselligen Tugenden, die Reinheit und Liebenswürdigkeit ihres persönlichen Charakters müssen hier auch in Betracht kommen.

–n.


http://www.zeno.org/DamenConvLex-1834.

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