Rodde, Dorothea von

Rodde, Dorothea von, Dorothea von, geb. zu Göttingen den 10. August 1770, war die Tochter des berühmten Schriftstellers August Ludwig von Schlözer, der sie von frühester Jugend dazu bestimmte eine durchaus wissenschaftliche Erziehung zu erhalten. Was Schlözer hauptsächlich zu diesem Entschlusse bewog, war die Grille ein pädagogisches Kunst- und Probestück an ihr zu machen und die Basedow'sche Erziehungsmethode auf das Glänzendste zu widerlegen. Zwei Jahre acht Monate alt, lernte Dorothea stricken und plattdeutsch sprechen, welches letztere der Vater als Hilfsmittel zur Erlernung verwandter Sprachen für unentbehrlich hielt. Im 5. Jahre fing sie an deutsch zu lesen; von dieser Zeit an bis in ihr 17. Jahr erlernte sie außerdem 9 Sprachen: die französische, englische, italienische, schwedische, holländische, lateinische, griechische, spanische, und endlich das Hebräische. Jede derselben mußte in einer bestimmten Frist erlernt sein; dabei verbannte er die schöne Literatur fast gänzlich, und nur wenige griechische und römische Dichter waren ihr zu lesen vergönnt. Auf gleiche Weise wurde das Studium der Geschichte, Mathematik, Geometrie und Mineralogie betrieben. Dorothea mußte sich in den Bergwerken zu Klausthal praktische Kenntnisse in letzterer Wissenschaft, wie in der Bergwerkskunde überhaupt erwerben. Nun folgten Botanik, Naturgeschichte, Chemie und selbst Anatomie. Eine angenehme Unterbrechung brachte eine Reise nach Italien, die Schlözer 1781 mit der 11 jährigen Tochter unternahm. Ihr Geist entwickelte sich auf dieser Reise, wo der Anregungen so viele waren, auf eine für ihr Alter überraschende Weise. Unter den, wir möchten sagen, männlichen Beschäftigungen, die D's Jugend in Anspruch nahmen, vernachlässigte sie keineswegs die gewöhnlichen weiblichen Kunstfertigkeiten; ihr Wissen diente nur ihren übrigen trefflichen Eigenschaften als Tochter, Hausfrau und Mutter zur Zierde. Sie blieb stets das bescheidene, liebenswürdige Weib, und da ihr den 17ten September 1787 von der Göttinger Universität die philosophische Doctorwürde ertheilt wurde, freute es sie weniger für sie selbst, als für ihren Vater, der dadurch den höchsten Triumph für seine Erziehungsmethode errungen zu haben glaubte. Bald darauf wurde D. auch in die Jena'sche lateinische Gesellschaft als Mitglied aufgenommen. Auf einer Reise nach Lübeck, Kiel und Hamburg, die sie 1791 mit ihrem Vater unternahm, lernte sie den Senator Rodde, einen reichen Witwer, kennen, der sich um ihre Hand bewarb. Den 28. Mai 1792 ward sie seine Gattin und folgte ihm nach Lübeck. Hier begann eine neue Periode ihres innern Lebens und Treibens, da sie von nun an bei der Wahl ihrer Studien mehr der eigenen Neigung folgen durfte; sie lebte in glücklicher Unabhängigkeit, geachtet und geschätzt von Allen, die sie kannten, und widmete sich vorzugsweise der Erziehung ihres Sohnes und ihrer 2 Töchter. Zu zwei verschiedenen Malen durfte sie längere Zeit die Hauptstadt Frankreichs besuchen; zuerst im Jahre 1801, und später vom September 1803 bis October 1805, indem Rodde von seiner Vaterstadt zu diplomatischen Unterhandlungen mit Frankreich gebraucht wurde. Der Umgang mit den ausgezeichnetsten Gelehrten, Staatsmännern und Künstlern gewährte ihr bei einer so vielseitigen Bildung den reichsten Genuß. D's äußere und häusliche Lage wurde bis zum Jahre 1806, wo Lübeck durch die Franzosen eingenommen ward, durch nichts getrübt; Lübeck's Wohlstand begann von diesem Zeitpunkte an zu sinken, was ihren Gatten bewog, mit seiner Familie nach Göttingen zu ziehen, wohin auch Villers, der vertraute Freund Dorothea's und ihres Gemahls, einen Ruf als Professor erhalten hatte. In der geliebten Vaterstadt wurde sie mit der zuvorkommendsten Freundlichkeit aufgenommen, und selten vergaß ein fremder Gelehrter oder Künstler, dessen Weg über Göttingen führte, ihr Haus zu besuchen. Jeder fühlte sich dort heimisch, und Dorothea's anspruchlose Bescheidenheit ließ auch den geistig minder Begabten nie ein drückendes Uebergewicht fühlen. Leider zog bald zunehmende Kränklichkeit den Kreis der Fremden immer enger. Zu den Körperleiden sollte sich bald der bitterste Seelenschmerz gesellen. Im Jahre 1813 starb nach langem Krankenlager ihre älteste Tochter, dieser folgte bald darauf der einzige Sohn, ein hoffnungsvoller Jüngling; dem Kummer über diese Verluste erlag der Körper und selbst die Sinne der bisher so geistesthätigen Frau wurden schwächer. Eine Reise nach Frankreich sollte den erlöschenden Lebensfunken neu beleben. Frau von Rodde begab sich im Frühjahr 1824 nach Marseille, und trat nach einem Jahre mit neuer Kraft und Lebenslust die Rückreise in die Heimath an. Allein schon in Avignon erkrankte sie in der Folge einer Erkältung, die sie sich bei Besichtigung eines Römerwerkes zugezogen hatte, und starb dort im Jahre 1825. Ihre schriftstellerischen Arbeiten, die' sie zum großen Theil im väterlichen Hause schuf, finden sich in Meusel's gelehrtem Deutschland, 7. Band, unter Schlözer (Dorothea Rodde) aufgeführt.

E. v. E.


http://www.zeno.org/DamenConvLex-1834.

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