Roland, Philippon Marie Jeanne

Roland, Philippon Marie Jeanne, geb. 1756 zu Paris, gleich ausgezeichnet an Geist, wie an Tugend und Seelengröße, war die Tochter eines berühmten Kupferstechers, und hatte von ihrem Vater eine sorgfältige, wenn gleich strenge, Erziehung erhalten. Von den seltensten Kunstschätzen umgeben, zeigte sie schon früh eine entschiedene Neigung für die schönen Künste. Bücher, Gemälde und Musik beschäftigten sie in ihren Erholungsstunden, Plutarch, St. Augustin, Clairault und J. J. Rousseau waren ihre Lieblingsschriftsteller. Die Verschwendung ihres Vaters hatte ihr ganzes Vermögen aufgezehrt, der Tod ihr die Mutter geraubt, als sie Herrn Roland de la Platière, Minister des Innern während der Regierung Ludwig's XVI. und der Republik, ihre Hand reichte. Mme. R. folgte ihrem Gemahle nach Amiens, wo dieser Inspector mehrerer Fabriken war, beschäftigte sich dort viel mit Botanik, und machte in seiner Begleitung verschiedene Reisen in die Schweiz und nach England, auf denen sie die Sitten der Völker studirte. Der biegsame, vielleicht etwas überspannte Geist der Mme. R. erstarkte und wurde durch Roland's reifere Ansicht berichtigt, ohne an weiblicher Anmuth und Nachgiebigkeit zu verlieren. Der beständige Austausch von Ideen und Meinungen mit einem so ernsten wissenschaftlich gebildeten Mann, brachte in ihrem Charakter eine eigne Mischung von Sanftmuth, Liebenswürdigkeit, von Stärke und Seelengröße hervor, deren Vereinigung Mme. R. zu der seltenen Erscheinung machte, die sie war. Zur höchsten Höhe sollte sich jedoch die Kraft ihres Geistes erst entfalten, als die Revolution in Frankreich ausbrach. Sie lebte damals mit ihrem Gemahle in stiller Zurückgezogenheit unweit Lyon, und sah mit bitterem Grame den Verfall ihres Vaterlandes, als R. mit einer Sendung an die gesetzgebende Versammlung beauftragt wurde, die ihn zwang nach Paris zu gehen. Dort wurde er zum Minister des Innern ernannt, und Mme. R. unterstützte jetzt ihren Gemahl in seinen Amtsgeschäften; wo er unentschlossen schwankte, war sie es, die ihn zur kräftigen That anfeuerte. Ihr Haus war der Sammelplatz der ausgezeichnetsten Gelehrten und Staatsmänner; besonders fanden sich die Häupter der Gironde bei ihr ein. Sie war die Seele ihrer Berathschlagungen, ja wir dürfen hinzusetzen, eine Zeit lang die geheime Macht, die Frankreich's Schicksal leitete. Allein die nunmehr rasch sich folgenden Ereignisse blieben nicht ohne Einfluß auf Mme. R. Der entschiedene Sieg der Bergpartei zwang ihren Gatten zur Flucht; sie selbst beharrte auf ihrem einmal gefaßten Entschlusse, zu bleiben. Nachdem sie ihre Tochter den Händen eines erprobten Freundes übergeben hatte, lieferte sie sich mit würdiger Gelassenheit dem Comité ihrer Section aus. Plutarch und Tacitus, Musik und Blumen erheiterten sie auch jetzt noch im Kerker. Ihre rohen Wächter selbst mußten das edle Weib in seinem einfachen, ungekünstelten Thun bewundern. In den letzten Tagen ihres Lebens zeichnete sie ihre Memoiren auf, aus denen uns Geist, Seelengröße und hinreißende Beredsamkeit ansprechen. Ihr Styl ist mit scharfen und seinen Bemerkungen gewürzt, und erhebt sich durch die Kraft und die Wahrheit des Ausdrucks, durch eine ungebundene Leichtigkeit und Natürlichkeit weit über das Gewöhnliche. Ihr Vorhaben, durch Selbstmord dem Urtheile ihrer Richter zuvorzukommen, gab sie auf das dringende Zureden eines Freundes auf, und erwartete ruhig den Tod durch Henkershand, den sie nunmehr als eine zu erfüllende, heilige Pflicht betrachtete. An demselben Tage, an dem die Girondisten unter der Guillotine bluteten, wurde Mme. R. in die Conciergerie abgeführt und vor das Revolutions-Tribunal gefordert. Sie erschien ohne Begleitung vor ihren Richtern, und beantwortete die an sie gerichteten Fragen mit edler Würde; dennoch wurde sie als Mitschuldige der Girondisten zum Tode verdammt. Mit einer Art von Begeisterung vernahm sie ihr Todesurtheil, die sie bis zu ihrer Hinrichtung beseelte, und bei allen, die sie sahen, Bewunderung erregte. Am Morgen des 10. Novembers 1793 bestieg sie das Blutgerüst. Sie war weiß gekleidet und ihr schönes schwarzes Haar hing auf ihre Schultern herab. Während der Zurücklegung des Weges ermunterte sie den sinkenden Muth eines mit ihr Verurtheilten durch freundliches Zureden. Als sie den Platz, auf dem die Hinrichtung stattfinden sollte, erreicht hatten, beugte sie sich vor dem Standbilde der Freiheit, indem sie im tiefsten Schmerze ausrief: »O Freiheit! welche Verbrechen werden in deinem Namen begangen!« Dieses waren die letzten Worte des heldenmüthigen Weibes, das eines schöneren Looses würdig gewesen wäre.

E. v. E.


http://www.zeno.org/DamenConvLex-1834.

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