Rom (die Stadt)

Rom (die Stadt). Auf mehr denn sieben Hügeln (obwohl poetisch noch jetzt die Siebenhügelstadt genannt) ruhet die herrliche Stadt, welche mit Recht die ewige genannt wird, da sie mehr als zwei Jahrtausende hindurch erst durch die Gewalt der Waffen, dann durch geistige Macht die halbe Welt beherrschend, auch jetzt noch des Schönen und Großen an Meisterwerken und historischen Erinnerungen so viel darbietet, daß sie stets das Wallfahrtsziel der Denker und Künstler bleiben wird. – Sieben Stunden vom Meere entfernt, durch die Tiber in zwei ungleiche Theile zerfallend, breitet sie sich auf 12 Hügeln (dem Montario, Pinciano, Esquilino, Palatino u. s. w.) in einer unfruchtbaren Ebene aus, 35,900 Häuser, und in diesen nur 160,000 Einwohner, umfassend. Sie wird in 14 Rioni (Quartiere) getheilt, von denen 13 noch jetzt von der alten, vom Kaiser Aurelian (270 n. Chr.) aufgeführten Mauer umgeben sind, während das 14., in welchem sich der Vatican befindet, durch einen Wall davon geschieden ist. – Den imposantesten Gesammtüberblick gewinnt man von Norden her nahe vor der Stadt auf den vor der porta del popolo sich erhebenden Hügeln. Außer diesem Thor, der alten Porta Flaminea, ist noch besonders auf das südliche Thor, Porta di St Sebastiano, welches drei alte Thore, die Porta Appia, Capena und Triumphalis, in sich vereinigt, aufmerksam zu machen. Unter den vier Brücken, dem Ponte molle, den zwei herrliche Bildsäulen schmücken, dem Ponte St. Angelo, dem Ponte Sisto und dem Ponte di St. Bartolomeo mit dem alten Ponte di quattro capi, verdient besonders die erste den Vorzug. An öffentlichen Plätzen ist Rom reich, doch sind sie meist unfreundlich, wie auch die Straßen, in welchen regellos die schönsten Paläste oft mit erbärmlichen Hütten abwechseln, so daß eigentlich nur die drei von der Piazza del Popolo ausgehenden Beachtung verdienen, namentlich der Corso, der eigentliche Tummelplatz des Carnevals. Unter den 328 meist schönen Kirchen ist die erste und berühmteste, vielleicht auf der ganzen Erde, die am rechten Tiberufer auf dem östlichen Ende des St. Petersplatzes erbaute, dem heiligen Petrus geweihte und nach ihm benannte Kirche, welche unter der Leitung der vorzüglichsten Architekten, namentlich u. A. Michel Angelo Buonarotti's, aufgeführt, erst in einem Zeitraume von 108 Jahren (1506–1614) und mit einem Kostenaufwande von 45 Millionen Scudi vollendet wurde. Die größte Zierde derselben ist ihre herrliche, aus der Mitte sich erhebende, auf vier durch Bogen verbundenen Pfeilern ruhende Kuppel. Sie wird durch eine mit Säulen geschmückte Laterne gekrönt, und diese wieder durch eine Kugel von vergoldetem Kupfer, auf welcher sich ein 13 Fuß langes vergoldetes Kreuz, 487 Fuß hoch über der Meeresfläche erhebt. Trotz der ungeheuern Größe dieses Tempels sind alle Verhältnisse desselben doch so harmonisch geordnet, daß sich nirgends ein störender, durch die einzelnen Theile hervorgebrachter Eindruck kundgibt. Der Reichthum des herrlichen Gebäudes an Werken der anderen zeichnenden und bildenden Künste, namentlich an Mosaiken, Cenotaphien, Frescobildern, Gemälden, Marmorstatuen, Erzgüssen u. s. w. ist so groß, daß auch nur eine flüchtige Nennung des Einzelnen uns hier viel zu weit führen würde. Die größte Kirche nach St. Peters Dome war die St. Paulskirche, eine der vier Basiliken R's und eines der bedeutendsten Denkmäler altchristlicher Baukunst, welche sich über der Grabesstätte des Apostels gleiches Namens befunden haben sollte, die aber mit allen ihren Kunstschätzen in der Nacht vom 15. Juli 1823 ein Raub der Flammen wurde, und in ihrer jetzigen erneuerten Gestalt nur ein Schatten ihrer alten Größe ist. Unter den übrigen Kirchen sind besonders bemerkenswerth: die St. Lorenzkirche wegen vieler antiken Denkmäler, die Kirche di S. Pietro in vincolo, mit der Statue des Moses von Michel Angelo, die St. Agneskirche, die Basilika di S. Sebastiano, mit ihren Katakomben, die St. Agneskirche vor der Porta pia, die in einer Seitenkapelle die Büste des Erlösers von Michel Angelo, ein wunderbares Werk, bewahrt, die St. Augustinerkirche mit herrlichen Gemälden von Lanfranco und Raphael etc. – Von den Palästen heben wir vor allen hervor: den uralten Vatican, die eigentliche Residenz der Päpste und der Sitz des Conclave, ein ungeheueres an die Peterskirche grenzendes Gebäude, welches 1080 Fuß lang und 720 Fuß breit, 11,246 Zimmer und 22 Höfe umfaßt, und das herrliche Museum Pio-Clementinum, die berühmte Bibliothek, die Stanzen und Loggien Raphael's, die Sistinische Kapelle, die Sammlung von Oelgemälden im Appartemento Borgia, und viele andere seltene Schätze enthält, wegen seiner ungesunden Lage aber von den Päpsten nicht bewohnt wird, welche meist den Palast von Monte Cavallo oder den quirinalischen Palast als Aufenthalt vorziehen. – Der frühere Sitz der Päpste von der Zeit. Karl's des Großen an bis zu der Verlegung des päpstlichen Stuhles nach Avignon war der Lateran, der jetzt für 300 arme Waisen weiblichen Geschlechtes eingerichtet ist. Er besitzt gleichfalls einen Schatz von ausgezeichneten Gemälden. – Bemerkenswerth sind ferner noch der von Michel Angelo erbaute Palazzo Senatorio, der von dem alten verschiedene P. Capitolio, der Sitz des Senatorio di Roma, zu welchem der Palazzo dei Conservatori und das überaus reiche Museo Capitolino gehören, der Inquisitionspalast etc. – Unter den Privatpalästen zeichnen wir besonders aus: den Barberinischen Palast, der in sehr edlem Style erbaut, auch schon seines bedeutenden Umfanges wegen merkwürdig ist. Hier befinden sich kostbare Meisterwerke der zeichnenden und bildenden Künste, namentlich die herrliche Gruppe von Amor und Psyche, treffliche Gemälde von Titian, Guido Reni, Caravaggio, Pietro di Cortona, so wie eine sehr reiche Bibliothek: auch hat der berühmte Thorwaldsen hier sein Atelier; ferner den Palast Albani, mit vier Fontainen, merkwürdigen Statuen in Marmor und Bronze, Mosaiken, Gemälden, einer kostbaren Bibliothek u. s. w.; den Palast Altieri, eines der größten Gebäude Rom's, in höchst einfachem Style aufgeführt; den von Bramante erbauten Palast Borghese, ebenfalls herrliche Sammlungen enthaltend; den Palast Colonna, in dessen Garten sich die Ruinen der Bäder Constantin's und eines antiken Tempels finden; den unter Michel Angelo's Leitung vollendeten Palast Farnese, eben so berühmt durch seine Schönheit, wie durch seine Kunstschätze; den Palast Corsini mit beträchtlichen Sammlungen, in welchem die Königin Christine von Schweden (s. d.) 1689 starb etc. – Von den mit dem Namen Villa belegten Palästen haben viele ihren früheren Reichthum eingebüßt, doch sind noch immer der Aufmerksamkeit würdig: die Villa Maffei, früher die prächtigste unter allen, jetzt noch eine herrliche Sammlung von Meisterwerken antiker Sculptur besitzend; die Villa Medici, Borghese und die Villa Negroni mit Ruinen des alten tarquinischen Walls etc. – R. ist die Wunderstadt der Monumente, aber das berühmteste Denkmal vergangener Pracht, seiner vollständigen Erhaltung wegen, bleibt immer die Rotonda, ursprünglich das Pantheon (s. d.). Unter den übrigen Tempelruinen nennen wir noch die Trümmer eines Tempels des Capitolinischen Jupiter in der Kirche Ara Coeli, des von Camillus erbauten Tempels der Concordia, des Vestatempels (aus 20 dorischen Säulen von parischem Marmor bestehend), eines Baccchustempels u. m. a. – Neben diesen sind noch von größtem Interesse in architektonischer, wie in historischer Hinsicht das von Vespasian durch 12,000 gefangene Juden in vier Jahren aufgeführte Coliseum, welches 1616 Fuß im Umfange, 84,000 Zuschauer faßte, und in welchem sogar Darstellungen von Seetreffen gegeben wurden, da sich das Ganze unter Wasser setzen ließ; die Ueberreste vom Theater des Pompejus, in welchem 80,000 Zuschauer Platz fanden, vom Circus maximus etc. – Unter den vorhandenen Triumphbogen und anderen öffentlichen Denkmälern der alten Römer zeichnen sich aus: die Triumphbogen des Titus, Constantin des Großen, des Severus, Domitian, die Grabmäler der Scipionen, der Metella, des Cajus Cestius (jetzt der Begräbnißplatz der in Rom sterbenden Protestanten), die von Tarquin erbaute Cloaca maxima etc. Wo sich das Mausoleum des Hadrian befand, da steht jetzt die Engelsburg (Castello di St. Angelo), eine nach der auf ihrer Spitze sich befindenden Bronze-Statue des Erzengels Michael benannte Citadelle, durch einen 1500 Schritt langen, bedeckten Bogengang mit dem Vatican verbunden, und der Aufbewahrungsort des Archivs, des Schatzes, der Kirchenkleinodien und der Staatsgefangenen. – Eine große Zierde Roms sind auch die Springbrunnen, namentlich die Fontaine auf der Piazza Narona mit vier kolossalen Statuen, welche die vier Hauptflüsse der Welt darstellen, die Fontaine di Termini mit schönen Werken der bildenden Künste und die ausnehmend wasserreiche Fontaine Paul's V. Unter den noch bestehenden öffentlichen, meist sehr bedeutend dotirten Anstalten nennen wir nur das Seminario romano, eine Erziehungsanstalt für 100 Söhne der angesehensten römischen Familien, die Propaganda (das Institut zur Verbreitung des römisch-katholischen Glaubens), und das Collegio della sapienza (Hauptcollegium der Universität), so wie die Malerakademie di St. Luca, die Academia di Francia; die Bibliothek des Vatican, des Palastes Albani, der Dominicaner (alla Minerva), des Klosters St. Onofrio, des Collegio romano, des Palastes Corsini, welche mit mehr oder minder Liberalität dem Publikum zur Benutzung offen stehen; ferner viele trefflich fundirte Hospitäler und Versorgungsanstalten, und die 11 öffentlichen Theater, unter denen das Theater Aliberti für Opern und Redouten und das Theater della Valle für Komödien und Operetten den ersten Rang einnehmen. – Die glänzendste Zeit Rom's tritt während der Feier des Carnevals (s. d.) und der Festlichkeiten der Osterwoche ein. Während dieser letzteren, der sogenannten heiligen Woche, bereitet vom Mittwoch an jeder Tag der frommen Andacht oder doch der Kunstliebe erhebende, heilige Genüsse. Am Mittwoch wird das herrliche Miserere Allegri's in der Sistinischen Kapelle aufgeführt, Donnerstags nimmt das Vorzeigen der Tafel, an welcher Jesus das Abendmahl einsetzte, das Venerabile in der Paulinischen Kapelle und das darauf erfolgende Fußwaschen die allgemeine Aufmerksamkeit in Anspruch; in ernster, tiefer Stille zieht der Charfreitag vorüber, und auch der größere Theil des ihm folgenden Sonnabends wird in den Kirchen mit lautlosen Gebeten ausgefüllt, bis endlich der Osterheiligenabend eintritt, und in dem Augenblicke, wo in der Sistinischen Kapelle das Gloria in excelsis anhebt, alle Glocken der sämmtlichen in Rom befindlichen Kirchen ihre ehernen Zungen zur Feier des erhabenen Augenblickes der Auferstehung des Weltheilandes ertönen lassen, begleitet von dem Donner der Kanonen auf der Engelsburg, so wie einzelner Freudenschüsse aus den Häusern. Am Ostersonntag liest der Papst selbst die Messe in der Peterskirche vor einer Gemeinde von mehr als 40,000 Seelen. Abends ist die St. Peterskirche erleuchtet und ein prächtiges Feuerwerk flammt von der Engelsburg weithin über die Stadt. – Viele andere Feste bieten dem in Rom Anwesenden auch zu anderen Zeiten des Jahres Zerstreuung und Vergnügen; dahin gehören namentlich das Peter- und Paulsfest, das Fest des heiligen Antonius mit der Einsegnung der Pferde und Esel, die Prozession am Tage der Himmelfahrt Mariä, das Frohnleichnamsfest, das Wasserfest auf der Piazza Narona und del Popolo, das Octoberfest etc. – Hinter allen diesen Freuden und Genüssen, geistiger wie leiblicher Art, lauern jedoch für den Fremden in Rom zwei tückische Dämonen: die große Unreinlichkeit in den Gassen, deren pestilenzialische Dünste übrigens den sonst in Dingen des Geruchorgans so sehr empfindlichen Römer gar nicht afficiren, und die Aria cattiva, welche in den heißen Monaten vom Juli bis zum October den Aufenthalt für den Nichteingebornen zu dem ungesundesten macht, den man sich denken kann, da die bösartigsten Fieber in ihrem Gefolge sind. – Wer es vermag sieht daher während dieses Zeitraumes die Stadt der Städte und sucht in angenehmer Villeggiatura Geist und Sinn zu erstarken. – Zu anderen kleinen Unannehmlichkeiten rechnen wir noch die mangelhafte Polizei, die schlechte Beleuchtung, die grenzenlose Bettelei u. s. w.; doch kommt man mit etwas leichtem Sinn, guter Laune und Muth leicht darüber hinweg. – Vergl. Wilhelm Müller's Rom, Römer und Römerinnen, Berlin 1820, 2 Bde., das geistreichste Buch aus dieser Sphäre.

W.


http://www.zeno.org/DamenConvLex-1834.

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