Russland (Geschichte)

Russland (Geschichte). An einem Sommertage des Jahres 955 strömte ganz Constantinopel zur Metropolitankirche: die reizende Olga, Igor's Witwe und im Namen ihres unmündigen Sohnes, Swätoslaw, eben Regentin des damaligen russ. Reichs, empfing, die erste ihres Volkes am christlichen Weihbecken, mit dem schönen Namen Helena (s. d.) jenen reinen Strahl des mit Gott geschlossenen Bundes der Versöhnung, der nun bald die Wüsten und Wälder des grauen Nordens, die dunkle Nacht der Barbarei erhellen sollte. Früher der Wohnsitz der Scythen und fabelhaften Hyperboräer, später der Slaven, die hier zuerst die Städte Kiew und Nowgorod gründeten, waren die Moskowiterlande während der ersten Jahrhunderte nur der von Blut und Thränen getränkte Tummelplatz eines rohen, sich selbst verkennenden Dranges nach Ordnung und bürgerlicher Gestaltung gewesen. Während man lange Zeit in dem einsamen Lande gen Mitternacht hin nichts als das Gebrüll der Bären und Auerochsen, und das Geheul der Wölfe und anderer Raubthiere der Wildniß vernahm, gewährten die milderen, bewohnten Gegenden des Westens, die jetzigen Gouvernements von Petersburg, Esthland, Nowgorod und Pskow, nur den grauenerregenden Anblick wilder, sich selbst zerfleischender Horden. Bald trennte unversöhnlicher Haß die leuchtenden Zwillingsschwestern Kiew und Nowgorod; in rasender Eifersucht befehdeten sich die Heerführer im Kriege, die Bojaren, und die großen Landbesitzer, die Knäsen, und die Blutsaat wucherte so gräßlich, daß endlich das der Auflösung nahe und seiner selbst müde Volk, Hilfe von Außen suchend, einem Stamme der Normannen, hier Wäringer, später Russen genannt, an dessen Spitze 3 Brüder: Rurik, Sineus und Truwor standen, die Herrschaft über die Moskowiterlande übergab. Alsbald hatte Rurik, nachdem seine Brüder frühzeitig gestorben, 862 mit Kraft die Zügel der Regierung ergriffen, und als alleiniger Regent und Ahnherr eines Fürstenhauses, das bis 1595 blühte, mit solchem Ruhme geherrscht, daß noch jetzt die Bewohner des Czarenreichs von ihren Dichtern im Liede als Rurik's Söhne, Rurik's Enkel gepriesen werden. Sein Sohn Igor und die obenerwähnte Olga regierten nicht ohne Weisheit, doch gelang es erst Wladimir I. (980–1015) durch allgemeine Einführung der christlichen Lehre einen wahren Schritt zur Entwilderung der Barbaren zu thun, obwohl die unablässigen räuberischen Eingriffe der Hunnen, Lithauer und Polowzer, eines türkisch-tatarischen Volkes, die Segnungen des holden Friedens noch auf Jahrhunderte verscheuchten. So konnten denn auch die so vielfältig zerrissenen Moskowiter unmöglich den verderbenschwangern Völkerströmen der Mongolen (s. d.) unter Dschingiskhan (s. d.) widerstehen. 224 Jahre schmachteten die Länder der Slaven unter dem Drucke dieser Asiaten; fast an jedem Orte im weiten Reiche, wo sich zwei Wege durchschneiden und ein bemooster Stein liegt, erzählt eine halbverborgene Sage von den Gräueln der Mongolen; auf jedem Schlachthügel, der an dem Wege hervorragt, lastet der Fluch der finsteren Jahrhunderte und das grauenvolle Andenken der Tamerlane, und noch jetzt singt ein uraltes Volkslied von den russ. und polnischen Blutfeldern der Heiden:

– Ach, aus fernen, fernen Landen

Kamen die Tataren.

Und wo die wohl Feu'r anlegen,

Da wächst nimmermehr das Gras;

Wo die durch die Saaten reiten,

Sieht es wie im Herbste aus;

Wo ihr Pferd den Bach durchwatet,

Mag kein Thier mehr trinken;

Wo ihr Pfeil hat hingetroffen,

Heilt es nur im Grabe!

Endlich gelang es (1380) Demetrius IV. am Don, die fremden Zwingvoigte zu schlagen, und Iwan I. Wasiliewitsch (1462–1505) brachte ihnen eine solche Niederlage bei, daß er sich mit Recht, zuerst im unabhängigen Besitze seiner Reiche, Selbstherrscher aller Reußen nannte. Nach dem Tode des letzten schwachen Sprößlings des thatenreichen Hauses Rurik (1598): Feodor I., bahnte sich sein Schwager, Boris Gudunow, durch Ermordung Dimitrij's, des Bruders von Feodor, den Weg zum schwankenden Throne: aber die Rache ereilte ihn; ein falscher Demetrius (vergl. Schiller's treffliches Fragment: »der falsche Demetrius«), der Mönch Grigorei Otrepiew, erscheint mit einem Heere vor Moskau's goldenen Thoren, und der Usurpator, die Lüge wohl erkennend, aber fühlend, daß sie nur die Saat des Meuchelmordes sei, die er selbst gesäet, weiht sich selbst den Erynnien. Noch stehen 4 falsche Dimitrij nach einander auf; ein fürchterlicher Bürgerkrieg zerfleischt das Volk: – da übernimmt nach dem Gesammtwillen der todtmüden Nation 1613 Michael Feodorowitsch Romanow die Regierung, der mütterlich von Rurik stammende Ahnherr des noch jetzt blühenden Czarenhauses, unter welchem im Verlauf von noch nicht zwei Jahrhunderten Rußland das erste Reich der Welt werden sollte. Doch bald nach Michael's Tode entstanden neue Streitigkeiten wegen der Thronfolge. Sein Sohn Alexei (1645–1676) hinterließ zwei Söhne: Iwan, und von seiner zweiten Gemahlin, der reizenden Natalie Kyriliowna (s. d.), Peter s. d.), welcher letztere, nachdem er die Ränke seiner Halbschwester Sophia Alexiewna und ihres Vertrauten, des Fürsten Galyczyn, enthüllt und erfolglos gemacht (1689), den Thron besteigt, und später deßhalb mit Recht der Große genannt, in einer 36 jährigen Regierung alle Elemente seinem Herrscherwillen unterwirft. Die Morgenröthe bricht über Rurik's Reiche an: die Eisoceane des Nordpols, wie die hesperischen Fluren von Taurien huldigen dem neuen Genius auf dem altergrauen Czarenthrone, dessen Scepter vom neugegründeten Herrschersitze an der Newa aus in den weiten Fluren des Innern zum Fruchtzweige der Ceres, zum Stabe des Merkur, gegen die Meeresfluthen des Ostens, wie des Südens hin, zum Dreizacke des Neptun, und vor Pultawa und Schlüsselburg zum mächtigen Feldherrnstabe wurde, der von nun an mehr als einmal dem fernen Asien, wie dem Westen der alten Welt eherne Gesetze vorschrieb. Ein zweiter Brutus, opfert er seinen ihm ungleichen Sohn, Alexei, der neuen Aera, dem Gedeihen seiner großartigen Schöpfung. Im gleichen Geiste herrschte nach ihm (1725–27) seine Gemahlin, das einstige Mädchen von Marienburg, als Katharina I. (s. d.), und nach ihrem Tode nicht unwürdig Alecei's Sohn, Peter II. der Verlobte der reizenden Katharina Dolgoruki (s. d.). Ostermann glänzt als Reichskanzler, Münnich als Feldherr. Plötzlich stirbt der Kaiser 1730 an den Pocken; auf das Begehren des Senats eilte Iwan's, Peter des Großen Bruderstochter, verwitwete Herzogin von Kurland, Anna Iwanowna (s. d.) mit ihrem unwürdigen Günstling, Biron, herbei, bemächtigte sich des Thrones (1730–40), und verbannte 20,000 der Edelsten des Reichs, unter ihnen die fürstliche Familie der Dolgoruki, nach Sibirien. Verträge mit Persien und China erweiterten unter ihr den russ. Handel, und immer näher trat das petersburger Cabinet den diplomatischen Verhandlungen der westeurop. Regierungen. Im Namen Iwan's II., ihres Nachfolgers, führte dessen Mutter, die Nichte der verstorbenen Czarin, Anna Karlowna (s. d.), nachdem sie Iwan's bisherigen Vormund, Biron, gestürzt, mit Leichtsinn und fast gänzlicher Verläugnung weiblicher Klugheit die Regentschaft. So ward es denn einer hinterlassenen Tochter Peter's des Großen, der Elisabeth Petrowna (s. d.), leicht, mit Hilfe des Arztes l'Estocq und des französ. Gesandten de la Chetar die jene glückliche Duodezrevolution auszuführen, die uns vor wenig Jahren in Auber's lieblicher Oper »l'Estocq« zur Schau gegeben wurde. In der Nacht vom 24–25. Novemb. 1741 ward die großfürstliche Familie gefangen genommen, Anna selbst mit ihrem Gemahle Ulrich von Braunschweig-Lüneburg, nebst Münnich, Ostermann etc. nach Sibirien gebannt, und der unglückliche Iwan nach der Feste Schlüsselburg geschafft, welche er nicht eher verlassen sollte, als bis im Jahre 1764 ein höherer Befreier seine Ketten und zwar für immer löste. Ein Spott, den sich Friedrich der Große gegen Elisabeth erlaubt, machte diese, zu seinem großen Schaden, zu seiner unversöhnlichen Feindin. Zum Glück für ihn, der fast seiner Feindin schon unterlag, starb sie den 5. Januar 1762, und es war die erste Sorge ihres Schwestersohnes und Nachfolgers, Peter's III., eines eifrigen Verehrers der preuß. Kriegszucht und Staatsverwaltung, die Feindseligkeiten gegen den Adler Borussia's einzustellen. Doch nur wenig Monde regierte dieser dem Auslande zu sehr geneigte und die russ. Nationalsitten vielfach beleidigende Fürst. Er starb in Peterhof, und seine Gemahlin, Katharina II. (s. d.), ergriff nach ihm das ungewisse Scepter, um für Rußland zu werden, was Semiramis für Babylon, Elisabeth für Britannien, Maria Theresia für Austrien war. Eine Frau sollte das von Peter dem Großen begonnene Riesenwerk in gleichem Geiste fortführen: und Katharina hat in einer 34 jährigen Regierung, während welcher das Reich alle seine Schätze, alle seine in der Tiefe schlummernden Kräfte nach Innen und Außen siegreich entfaltete, als würdige Nachfolgerin Peter's des Großen sich eines gleichen Beinamens werth bewiesen; sie allein hatte die Geister der Nation mit kühner Weisheit so weit entwickelt, daß nach ihres Sohnes, Paul I., gewaltsamem Tode (1801), Alexander I. an allen Kämpfen des Westens den kräftigsten Antheil nehmen, und als der korsische Eroberer sein Adlerpanier auch in seinem Reiche entfalten wollte, mit Moskau's Flammendiademe sich siegreich die Schläfe bekränzen konnte; – sie allein befestigte zuerst den wankenden Thron mit so gewaltiger Hand, daß das ungeheuere Reich jetzt unter Nicolaus Scepter wie ein riesiger Waffenschild unbeweglich auf ehernen Säulen ruht inmitten des schäumenden Oceans der sturmbewegten Völker! – Vergl. des großen russ. Geschichtsschreibers Karamsin: »Geschichte des russ. Reichs.«

S....r.


http://www.zeno.org/DamenConvLex-1834.

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