Sündfluth

Sündfluth. Zu Noah's Zeiten, etwa vor 4000 Jahren, erfolgte diese landverheerende Ueberschwemmung. Sie betraf nur einen Theil Vorderasiens und reichte bis in die Gebirge Armeniens. Die Sagen verschiedener Völker erzählen von ähnlichen großen Ueberfluthungen. Davon zeugen auch entdeckte Versteinerungen und Abdrücke von Pflanzen und Thieren. Außerdem läßt sich aus der Bildung der Meeresküsten und Meerengen, und aus den mehrfachen Ablagerungen von Erdschichten mit Gewißheit annehmen, daß die Erde vor der sogenannten Sündfluth wenigstens theilweise unter dem Wasser gestanden und bedeutende Veränderungen durch dieses Element erfahren habe. – So wahr nun dieses Ereigniß selbst ist, so wob doch die Mythe noch außerdem ihren sinnigen Sternenschleier darüber. Noah allein wurde gerettet mit seinem Hause, – Noah, der Dionysos oder Bacchus der Griechen, bei den Hebräern der Gott der Thränen und des Weines! Mit Thränen in den Augen über die untergegangene Welt trat er an der Spitze der Seinigen, in die schützende Arche des Gottvertrauens. Ueber den Wassern schwebt ja der Geist Gottes, und sein Athem hielt die Arche empor. Also trieb Noah umher über den Ocean der Vernichtung, bis ihm die Taube das Oelblatt des Friedens brachte, die Friedensbotschaft der Gnade nach der schwarzen Nacht der Gefahr. Wie aus einem langen Traume erweckt, erhob zuerst der Ararat wieder das Haupt und schlug dankend das treue Auge zum freien Aether empor. Freudig begrüßte Noah die heilige Bergspitze als das erste Zeichen der Erfüllung, als den ersten Boten der neuentstehenden Welt. Dankend sank er nieder auf den Teppich des Gebirgs; gnadenreich wölbte sich der himmlische Friedensbogen über sein Haupt. Noch einmal weinte er über die verlorne Welt; still und liebend sog die treue Mutter Erde diese Zähren ein.... Und da trieb lustig ein Reis empor mit grünen Blätterchen; zärtlich begrüßte die Sonne das erste Kind der neuen Welt, und tränkte es mit allen seinen Strahlen. Und Noah's Zähren zogen sich hinauf in den rankenden Zweigen; von Trauben schwoll es rings um sie, und die purpurnen Schmerzenzähren wurden von der versöhnenden Gnade gekeltert zum purpurnen Wein. So wurde Noah aus dem Manne des Schmerzes der Mann der Freuden; so veredelten sich ihm die bitteren Zähren der Erinnerung in die süßen Zähren seligen Vergessens. Aus der Mythe aber strahlt uns die herrliche Wahrheit entgegen, daß, wie die unscheinbaren Tropfen des Oceans zu glänzenden Perlen, wie Thränen zu Wein, so alle irdische Leiden einst zu himmlischen Freuden werden!

–t–


http://www.zeno.org/DamenConvLex-1834.

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