Sappho

Sappho. Von allen Frauen, die sich der Dichtkunst weihten, ist sie unstreitig diejenige, die ihren Namen am Glänzendsten verherrlicht hat. Das alte Griechenland zählte sie unter seine vorzüglichsten Dichter und nannte sie die zehnte Muse. Dieses günstige Urtheil ist von der Nachwelt bestätigt worden, obgleich nur Weniges von ihren dichterischen Schöpfungen auf uns gekommen ist. Mit welchem Glanze jedoch die Meisterschaft in der Kunst des lyrischen Gesanges S. umgeben hat, so ist die Geschichte ihres Lebens nichtsdestoweniger voll Ungewißheiten. Gewiß ist, daß sie 612 vor Ch. Geb. zu Mytilene auf der Insel Lesbos das Licht der Welt erblickte. Aber wenn wir die allgemein verbreitete Meinung über ihre Liebe und ihr tragisches Ende einer strengen Kritik unterwerfen, so können wir weder ihrer Leidenschaft für Phaon, noch ihrem gewaltsam herbeigeführten Tod vom leukadischen Felsen herab, Glauben beimessen. Wir halten hier für nöthig hinzuzufügen, daß die Dichterin Sappho, oft mit einer andern von Eresos auf Lesbos gebürtig, verwechselt wird. Nach glaubwürdigen Zeugnissen berühmter Autoren des Alterthums war es Sappho von Eresos, die in heftiger Leidenschaft für Phaon entbrannte und sich vom Felsen in das Meer stürzte. Das Unglück der mytilenischen Dichterin wurde durch politische Ereignisse herbeigeführt. Diese war vermählt, scheint jedoch bald Witwe geworden zu sein, worauf sie ihre Zeit und ihre Talente ausschließlich der Dichtkunst weihte, und den Geschmack für dieselbe auch ihren Mitbürgerinnen einzuflößen suchte. Mehrere ergaben sich unter ihrer Leitung poetischen Arbeiten. Bald verbreitete sich ihr Ruf auch in die Ferne, und viele Fremde eilten herbei, um Unterricht von ihr zu erbitten. S. liebte ihre Gefährtinnen oder Schülerinnen mit großer Zärtlichkeit, wie denn überhaupt Kälte ihrem lebhaften, feurigen Wesen fremd war. Die leidenschaftliche Sprache, die kühnen Hyperbeln, die ihre Gedichte beleben und auszeichnen, das den Griechen eigene rasch auflodernde Gefühl, die Sitten ihres Zeitalters und endlich die Eifersucht, welche ihre seltenen Talente einflößten, gaben wohl die Hauptveranlassung zu den beleidigenden Gerüchten, die sich über sie verbreiteten und die noch jetzt größtentheils Eingang finden. In Folge einer Verschwörung gegen Pittakus, König von Lesbos, in welche Sappho verwickelt war, wurde sie aus Mytilene verbannt. Sie zog sich nach Sicilien zurück. Der Dichter Hermesianax versichert, sie habe Anakreon geliebt, dessen G ie und dichterisches Talent eine Neigung Sappho's glaubwürdiger erscheinen lassen, als für den gefühllosen, undankbaren Phaon. Was sich von ihren Werken erhalten hat, besteht in einer Hymne an Venus, die uns Dionys von Halikarnaß überliefert hat, ferner in einer Ode und einigen Fragmenten von Gedichten, die sich im Plutarch, Demetrius von Phalerus, im Pindar, Anakreon u. A. finden. Die zwei genannten Oden sind im sapphischen Versmaaße, mit dem sie die griechische Dichtkunst bereicherte, geschrieben. In Sicilien wurde ihr zu Ehren eine Bildsäule errichtet, und die Mytilener ließen Münzen mit ihrem Bildnisse prägen. Die sämmtlichen auf uns gekommenen kostbaren Ueberreste von Sappho's Dichtungen hat Wolf 1733 in Hamburg und H. F. M. Vogler in Leipzig 1810 herausgegeben. Die beste Uebertragung gibt das Museum criticum, Cambridge 1813, in seiner ersten Nummer.

E. v. E.


http://www.zeno.org/DamenConvLex-1834.

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