Schnürbrust

Schnürbrust. Nichts war wohl je der Schönheit weniger günstig, als das Einquetschen des Körpers in jenen gefährlichen Harnisch, von dem trotz aller Pein, die er verursacht, die Frauen des vorigen Jahrhunderts doch so ungern Abschied nahmen. Es ist eine längst vielfach verbreitete Wahrheit, die wir hier nicht aufs Neue erörtern dürfen, daß das widernatürliche Zusammenpressen der Hüften und Rippen die entsetzlichsten Folgen für die Gesundheit hat, indem sie die kräftige Ausbildung der Glieder hemmt, Fehler im Innern erzeugt und nicht nur ein sieches Leben, sondern oft einen grausamen Tod nach sich zieht, je nachdem die Person, welche sich solcher Folter von Kindheit auf unterwarf, zu stärkerer oder geringerer Fülle geneigt ist. Abgesehen davon wäre es indeß wohl am zweckdienlichsten, wenn Frauen und Mädchen, die noch immer diesen thörichten Gebrauch in einem hohen Grade beobachten, einsehen lernten, daß sie dadurch keineswegs die Verschönerung, die sie beabsichtigen, erreichen. Möglich, daß ihnen ähnlich gesinnte Frauen eine augenblickliche Bewunderung für eine so erzwungene Wesoen-Taille hegen; allein die, denen, aufrichtig gestanden, doch das meiste Bestreben zu gefallen, gilt, die Männer äußern sich über dergleichen nur tadelnd und spottweise. Das ewige Urbild des Schönen bleiben die Statuen, welche die Meister eines alten Reichs uns hinterlassen haben. Man schaue die Götterbilder Griechenlands, die jedes Auge schön findet, und wende dann den Blick auf die Portraits im Fischbeinleibe, wie die Schnürbrust sonst hieß, und die Nutzanwendung wird nicht schwer zu finden sein. Freilich gibt es aber Figuren, die hier in unserm kalten Europa mit der vom Klima bedingten Tracht angethan, durchaus keinen Vergleich mit jenen Idealen aushalten können, und doch weder mißgestaltet noch unangenehm sind. Für sie, die ramassirten, zu vollen oder zu schlank aufgeschossenen Frauen, ist ein einfacher Schnürleib nicht nur Wohlthat, sondern sogar Erforderniß. So lange die Gesellschaft und die Mode, denen man sich ungestraft nie gänzlich entziehen kann, ein völliges sich Gehenlassen verbieten, so lange werden sich auch Manche einem vernünftigen Schnüren unterwerfen müssen. Um unschädlich zu sein, muß eine Schnürbrust, oder, wie wir jetzt lieber sagen, ein Schnürleib, genau nach dem Körper abgenäht werden, muß so viel Fischbein enthalten, daß er sich nicht zusammenrunzelt und vorn ein mäßig großes Blankscheit als Stütze haben. Zu Letzterem wählt man am besten Stahlfedern, weil Holz und Fischbein sehr drücken; nur müssen dieselben in tüchtiges Leder eingenäht sein, um bei etwanigem Zerbrechen vor Verwundung zu sichern und um das Rosten zu verhindern. Daß man sich niemals, besonders beim Tanzen, zu fest schnüren darf, versteht sich von selbst. Damen, denen die Natur eine mäßige Beleibtheit und leidliche Gestalt gegeben, haben bei den jetzt modernen, festen Kleiderleiben das Schnüren gar nicht nöthig, und dürfen, um sich davon zu überzeugen, nur den Versuch wagen. Wenden wir uns zurück zu früheren Zeiten, so finden wir die im steifen Spanien erfundenen Schnürbrüste zur furchtbaren Geißel der weiblichen Welt geworden. Mit dem Fischbein noch nicht zufrieden, versah man sie sogar mit Holz und dünnen Eisenschienen, die Magengegend besonders so zusammenpressend, daß die also eingeschnürten Märtyrerinnen ihres Putzes wegen, bei Festen geradezu hungern mußten. Nur die vormals langsamen Paradetänze machten es möglich, daß man mit der Schnürbrust tanzen konnte, wären die Galoppaden Mode gewesen, man würde sie eher bei Seite gelegt oder abgeändert haben. Um diese Zwangmaschine zu schließen, bedurfte es öfters Haken und Männerfäuste, und es galt für keine geringe Kunstfertigkeit sie zu fabriziren. Die Schneider, denen die Schnürbrüste viel Geld einbrachten, thaten daher auch ihr Möglichstes, sie zu erhalten. Am Grausamsten war es, daß man schon Kinder dieser Plage unterwarf, und ihren gesunden Wachsthum dadurch auf traurige Weise hemmte. Jean Jacques Rousseau erhob sich in Frankreich zuerst gegen dieses Unwesen und bekämpfte es siegreich, bis während der großen Staatsumwälzung in den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, mit andern Fesseln auch diese abgeworfen wurde.

F.


http://www.zeno.org/DamenConvLex-1834.

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