Schottland

Schottland. Dem Riesendamme des meergrünen Eilands (s. Irland) gegenüber erhebt sich die kleine, schottische Basaltinsel Staffa mit der wunderbaren Fingalshöhle (s. d.). In dieser krystallenen Grotte dämpft sich der stolze Wellenschlag des Oceans in ein melancholisches Säuseln; Ossian'sche Nebelgestalten schweben durch das hohe Gewölbe, und aus der Tiefe ertönt es wundersam hervor wie Schwanengesang vergangener Jahrtausende, Nicht fern am Eingange auf einem Basaltkegel sitzt schweigsam ein bleicher Jüngling, in tiefes Sinnen verloren; nur zuweilen ergreift er mit seltsamer Hast den Griffel und wirft in die Schreibtafel flüchtige Züge, die, nach seinen flammenden Blicken zu urtheilen, Feuerbrände einer stürmisch bewegten Seele sind. Ein altes mit allerlei Arabesken verziertes Buch liegt ihm zur Seite, – wahrscheinlich eine Chronik. Vielleicht, – denn dem kraftvollen Wuchse und dem etwas breiten, obwohl edelgeformten Gesichte nach scheint er ein Schotte zu sein, – vielleicht denkt er an dieser durch uralte Mythen geheiligten, ächt schottischen Stätte über Schottlands vergangene Herrlichkeit nach. Vielleicht rauschen die stolzen Jahrhunderte der caledonischen Geschichte, diese aus Sonn', Duft und – Blutstreifen gewobenen Göttergestalten an seinem inneren Auge vorüber! Im Geist sieht er wohl noch einmal die hohen Häuptlinge der altcaledonischen Stämme (Clans) in den Kampf ziehen. Der kurze Plaid von buntgewürfeltem Tartan umwallt die kräftige Gestalt des Feldherrn; das Schwert blitzt an seiner Linken, der kurze Dolch (dick) an der Rechten; und der Sackpfeifer beginnt den Schlachtgesang in der melodischen Sprache der Galen. Oder er denkt vielleicht mit sinniger Schwermuth wie einst Schottlands ersten Söhne, die Picten und Scoten, hier auf leichtem Nachen vorbeisegelten und mit Heldenmuth die kriegskundigen Römer zurückschlugen; oder wie Malcolm, der Sohn des von Macbeth ermordeten Duncan, dem Lande zuerst wahre Selbstständigkeit bereitete (1093); oder wie der wilde Robert Bruce in der Schlacht bei Bannokburn (1314) Caledonien's Unabhängigkeit gegen das raubgierige, schon damals nach der Union strebende Albion siegreich behauptete.... Doch plötzlich lagert sich eine finstere Wolke auf des Jünglings Stirn': vielleicht schweben jene blassen Gestalten in Diademen aus Schottland's Vorzeit an ihm vorüber, die unglücklichen Stuarts und unter ihnen jene wunderliebliche weibliche Gestalt, die Lilie mit der blutigen, güldenen Krone und den blutrothen Streifen um den schneeweißen Kelch, – Maria Stuart, sie, die auf dem fremden verrätherischen Boden unter des Henkers Beil das zarte Haupt beugte?.. Ach, alle Hoffnungen der Schotten knüpften sich ja unwandelbar an dieses unglückselige Haus. Ueber allen den blutigen Kämpfen der Presbyterianer (s. d.) und Anglikaner, und den unglücklichen Versuchen, der verhaßten Union mit England zu entfliehen, schwebte immer wehmüthig klagend, aber versöhnend das Bild seiner vertriebenen Königssöhne. Und als der letzte Stuart kinderlos verschied zu Rom (1807), – da erlosch auch mit ihm die letzte Hoffnung der Schotten auf Nationalunabhängigkeit; auf Befehl der britischen Regierung verschwand die Nationaltracht mit ihren uralten Erinnerungen, und mit blutendem Herzen rissen sich Tausende der Hochländer vom geliebten Heimathslande los, um in Amerika ein sorgenfreieres Leben zu suchen. Solche und ähnliche Gedanken mochten den Jüngling beschäftigen. Doch auf einmal schloß er hastig die Schreibtafel zu; das Lied, es war vollendet: »das Lied vom letzten schottischen Minstrel.« Der Jüngling hieß Walter Scott! – Die ernste Jungfrau mit der Schneekrone, unter den drei königlichen Schwestern Britanniens, das majestätische S. mit seinem Gebiete von 1461 Quadrat M. und seinen 3 Mill. Ew., wird westlich vom atlantischen Ocean, östlich und nördlich von der Nordsee umflossen, und im Süden von England durch eine 5 Meilen breite Landenge und die Cheoiotberge getrennt. Das Grampiangebirge scheidet die Hochvon den Niederlanden, die Nebelberge und schauerlichen Seen des schott. Nordlands von den anmuthigen Küsten und üppigen Thalstrichen seines Südens. Schöne Ströme mit herrlichen Wasserfällen, wie der Clyde, der Forth, Tay etc., bewässern das Land. Die zahlreichen Seen, Lochs, wie der Loch-Neß, Loch-Lommond,-Awe etc., sind meist von tiefen Schluchten und grausigen Klüften umgeben. Unter den Canälen zeichnet sich der Glasgow'sche und Caledonische aus. Das Klima ist im Süden dem Englischen ähnlich, im Norden rauh und veränderlich. Das ganze Hochland ist wild, waldig und zerklüftet, aber von dem ganzen geheimnißvollen Zauber der Romantik umflossen. Im Niederlande gedeiht der Ackerbau vortrefflich. Sonstige Hauptprodukte sind Hanf, Tabak, Flachs. Futterkräuter, viele Fische. namentlich Heringe, schöne Pferde, Schafe und Rinder. Die großen Spinnmaschinen zu Aberdeen, die Baumwollenmanufakturen zu Glasgow, die vielen Eisenhämmer und Eisengießereien, Glashütten, Seifenfabriken etc., der ansehnliche Maschinen- und Schiffsbau, geben ein glänzendes Zeugniß von S's Industrie. Leith, Dundee, Aberdeen, Inverneß etc. sind lebhafte Seehandelsplätze. Mit London findet der lebhafteste Küstenhandel Statt. Die berühmte Hauptstadt des Landes ist Edinburgh (s. d.). – Die heutigen Niederschotten gleichen sehr bei Engländern, nur herrscht unter allen Ständen mehr Humanität und Bildung, und weniger Bizarrerie. Das männliche Geschlecht halt sich meist von dem weiblichen sehr entfernt: nichtsdestoweniger ist die Schottländerin höchst liebenswürdig im Umgange und als Hausfrau. Von ganz anderer Bildung und Sitte ist aber der Bergschotte; hier herrscht noch ein ungestümes, und trotz dem, daß die neuere Zeit viele Eigenthümlichkeiten verwischt hat, noch immer urkräftiges Nationalgefühl. Festigkeit, Enthusiasmus, kindliche Liebe, Heiligachtung der ehelichen Bande, dieß sind unterscheidende Züge in seinem Charakter. Die Frauen sind thätig, duldsam, aber auch von kühner Gewandtheit. Noch immer ist es ihr Lieblingsvergnügen, sich in den Winterabenden am Spinnrocken Geschichten aus Fingal's Zeiten zu erzählen. Ueberhaupt besitzt der Schotte große Phantasie; er verliert sich gern in melancholische Betrachtungen, und erblickt in der finsteren Wolke die Bilder seiner Ahnen. Ach, längst ist ihre Herrlichkeit dahin, und nur im Gesange noch blüht Caledonien, in den Liedern Ossian's, seines ältesten Barden, und in den Dichtungen seines jüngsten, des unsterblichen Scott!

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http://www.zeno.org/DamenConvLex-1834.

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