Sibyllen

Sibyllen. Unter diesem allgemeinen Namen treten uns aus dem Dunkel der Vorzeit hehre Frauen und Jungfrauen entgegen, die mit Prophetengaben ausgerüstet, als begeisterte Seherinnen die tiefdurchdachtesten Weissagungen aussprachen und allem Volk verkündeten. Ihre Zahl wird verschieden angegeben, doch rechnet man gewöhnlich zehn, später kamen noch fünf hinzu, bis zuletzt mit dem Wort Sibylle jede weissagende Frau bezeichnet wurde. Von den ersten zehn Sibyllen ist die berühmteste die von Kumä, die kumanische. Sie war Phöbuspriesterin, hieß Herophile oder Demo, nach andern Phemonoe, Deiphobe, Amalthea, wohnte unter der Erde in einer Höhle, und schrieb auf Baumblätter ihre Offenbarungen. Sie war es, zu der Aeneas kam, bevor er in die Unterwelt hinabstieg, und sich Rathes bei ihr erholte; sie war es, die tausendjährige, die als altes Mütterchen neun Bücher voll Weissagungen zum Tarquinius Superbus trug, die sie ihm für dreihundert Goldstücke zum Kauf anbot. Als er die Summe zu hoch fand, warf sie drei der Bücher in das im Zimmer stehende Kohlenbecken, und heischte für die sechs übrigen dieselbe Summe. Noch mehr weigerte nun der König die Zahlung, und abermals verzehrte drei andere Bücher die Flamme. Dennoch forderte die Alte für den Rest das gleiche Geld, und nun kaufte der erstaunte Herrscher die Bücher, ließ sie heilig aufbewahren und bestellte zwei Priester zu ihren Wächtern. In Erythräa lebte eine andere Sibylle, deren Gesänge (denn alle sibyllinischen Weissagungen waren metrisch abgefaßt), der Consul Cajus Curio sammeln ließ, und über 1000 Verse zusammenbrachte. Die übrigen Sibyllen waren: die chaldäische Sabba, die lybische, die delphische, die kimmerische, die famische, die hellespontische, die phryginische und die europäische, zu diesen kam noch die tiburtinische und die Sibylla Agrippa. Was die Weissagungen selbst betrifft, so waren dieselben theils politischen, theils religiösen Inhalts, und, wie alle Orakel, mancherlei Deutung fähig. Eine Menge sibyllinischer Aussprüche bewahrte theils die Tradition, die man später niederschrieb, theils hatten Einzelne sie schon schriftlich im Besitz, und hielten sie als große Heiligthümer werth. Die Kunde davon kam unter der Römerherrschaft auch zu den Juden; mancher Ausspruch wurde auf den erwarteten Messias gedeutet, später sogar alles, und daher kam es, daß auch die ersten Christen Werth auf diese Weissagungen legten, sie sammelten und aufbewahrten. Die Kunde von den Sibyllen erbte traditionell fort, und ging später auch so sehr in das deutsche Volksleben über, daß sie sogar zu einem Volksbuch wurde, in welchem jedoch den Sibyllen nur Prophetensprüche, die sich auf Christus deuten lassen, in den Mund gelegt sind. Damit sich nicht begnügend, schreibt auch das Volk manche prophetische Sage der Sibylle zu, und hängt an deren Erfüllung mit dem stillen Ernst, mit welchem es Vergangenheit und Zukunft zu betrachten gewohnt ist.

–ch–


http://www.zeno.org/DamenConvLex-1834.

Schlagen Sie auch in anderen Wörterbüchern nach:

  • Sibyllen — {{Sibyllen}} Gottbegeisterte Frauen, die die Zukunft kündeten. Man unterschied je nach Herkunft und Aufenthalt verschiedene Sibyllen; am berühmtesten wurde, durch Vergils Äneis, die Sibylle von Cumae bei Neapel, die Aeneas/Aineias* durch die… …   Who's who in der antiken Mythologie

  • Sibyllen — (Sibyllae, v. gr., Gottesratherinnen, welche den Willen, den Rath der Götter enthüllten), begeisterte Weiber des frühen Alterthums, deren es mehre gab u. welche man nach den Orten, wo sie bes. prophezeiht hatten, unterschied; zur Zeit Varros… …   Pierer's Universal-Lexikon

  • Sibyllen — (Sibyllae), im Altertum von einer Gottheit (gewöhnlich Apollon) begeisterte, weissagende Frauen. Sie werden in sehr verschiedenen Gegenden genannt, am frühesten in dem ionischen Erythräa, dessen Sibylle (Herophile) mit der Zeit vor allen andern… …   Meyers Großes Konversations-Lexikon

  • Sibyllen — Sibyllen, im Altertum weissagende Frauen. Die berühmteste war die Cumäische S., der die Sibyllinischen Bücher zugeschrieben wurden, eine Sammlung von Weissagungen, welche die Römer in Zeiten der Not zu Rate zogen; sie sind verloren gegangen (vgl …   Kleines Konversations-Lexikon

  • Sibyllen — Sibylle (nach Bacchiacca, 16. Jahrhundert Eine Sibylle (griechisch σίβυλλα), auch fälschlich Sybille, ist dem Mythos nach eine Prophetin, die im Gegensatz zu anderen göttlich inspirierten Sehern ursprünglich unaufgefordert die Zukunft weissagt.… …   Deutsch Wikipedia

  • Baum der Sibyllen (Étampes) — Baum der Sibyllen in Étampes Als Baum der Sibyllen wird ein Fenster bezeichnet, das sich in der Kirche Notre Dame du Fort in Étampes, einer Stadt im Département Essonne in der Region Île de France, befindet. Das Bleiglasfenster entstand um… …   Deutsch Wikipedia

  • Meister der Goslarer Sibyllen — ist ein Notname für den anonymen Maler, der zwischen 1501 und 1515 den Zyklus mit Kaisern, Sibyllen und Heiligen im Huldigungssaal im Rathaus von Goslar geschaffen hat. Diese ehemalige Ratsstube ist mit ihrer Ausmalung ein besonders Beispiel… …   Deutsch Wikipedia

  • Meister der Goslarer Sibyllen — Meister der Gọslarer Sibỵllen,   Sibỵllenmeister, um 1500 in Niedersachsen tätiger Maler, benannt nach den Wandgemälden im Huldigungssaal des Rathauses in Goslar. Er wurde vermutlich im Umkreis von A. Dürer ausgebildet …   Universal-Lexikon

  • Sibylle (Prophetin) — Andrea del Castagno: Sibylle von Cumae,um 1450 Eine Sibylle (griechisch σίβυλλα), auch fälschlich Sybille, ist dem Mythos nach eine Prophetin, die im Gegensatz zu anderen göttlich inspirierten Sehern ursprünglich unaufgefordert die Zukunft… …   Deutsch Wikipedia

  • Sibyllinisch — Sibylle (nach Bacchiacca, 16. Jahrhundert Eine Sibylle (griechisch σίβυλλα), auch fälschlich Sybille, ist dem Mythos nach eine Prophetin, die im Gegensatz zu anderen göttlich inspirierten Sehern ursprünglich unaufgefordert die Zukunft weissagt.… …   Deutsch Wikipedia

Share the article and excerpts

Direct link
Do a right-click on the link above
and select “Copy Link”