Sicilien, das Königreich beider

Sicilien, das Königreich beider. Zwei dunkelgrüne, in Farbe, Duft und Licht lieblich verschwimmende Orangengärten, die goldne Schleppe, das purpurne Fußkissen der stolzen Italia, – so erscheint das herrliche Zwillinggestirn der beiden S., die Insel gl. N., und das Festland S. oder das Königreich Neapel, welche nur durch eine Meerenge – den Faro di Messina – von einander geschieden sind. An der Südwestküste des Festlandes und im Norden der Insel kos't der melodische Wellenschlag des tyrrhenischen Meers. Im lieblichen Säuseln küßt das azurne Mittelmeer den Westen, heißathmend mit oft stürmischer Wollust das afrikanische den Süden der Insel; das jonische Meer umwallt in perlender Brandung die südöstliche, das adriatische Meer die nordöstliche Küste des Festlandes. So auf drei Seiten vom heiligen Ocean umwogt, hängt Neapel nur im Nordwesten, an die römischen Marken grenzend, mit dem übrigen Hesperien zusammen. Epheuum rankt, dunkelerglühend, gleich lieblichen Asylen inmitten süßer Gefahr, tauchen längs seiner Küste aus den Meeren herrliche Inselgruppen hervor, wie die Liparen (s. d.), die Ponzainseln, das reizende Ischia (s. d.) und Capri, und wie silberne Schwäne auf der dunkeln Fluth, die Aegaten und Tremiten. Das Königreich enthält ein Areal von 1986 Quadrat M. mit 7,600,000 Ew. Einige Zeit nach dem Sturze des weströmischen Reichs war es von den griechischen Kaisern erobert worden, die 535 auch die Insel S. in Besitz genommen hatten. Den Griechen folgten die Longobarden in der Herrschaft auf dem Festlande, und diesen wiederum die Araber, die im J. 827 auch die Insel S. einnahmen. Gegen die Araber kämpften siegreich die kühnen Normannen, und von 1130 an wurden beide Ländertheile unter normannischem Scepter zu einem Königreiche b. S. vereinigt, bis sie 1189 nach dem Erlöschen der normannischen Könige dem glorreichen Hause Hohenstaufen zufielen, deren letzter Sprößling, der unglückselige Konradin (s. d.), 1268 in Neapel sein jugendliches Haupt, welches drei stolze Diademe schmücken sollten, unter dem Beile der Henker Karl's von Anjou beugte. Das Haus Anjou verlor jedoch schon nach 14 Jahren die Hälfte der seiner Blutsaat entsprossenen Früchte; durch die grauenvolle sicilinianische Vesper 1282 wurden die Franzosen von der Insel vertrieben. Später fielen beide Länder an Spanien, im Frieden von Utrecht (1713) an das Haus Savoyen, dann an Oestreich und endlich 1735 an das Haus Bourbon, welches nach vielfachen Unterbrechungen während der franz. Revolution und der Herrschaft der Napoleoniden, jetzt wieder im Besitze beider Kronen ist. Vergl. Neapel, Geschichte. – Nähern wir uns der Insel S., so erblicken wir schon von weitem den gewaltigen Monte Gibello, wie die Sicilianer ihren Feuerberg Aetna (s. d) nennen; nach und nach erheben sich auch die übrigen Hochgebirge aus der blauen Tiefe, bis endlich das ganze Eiland unter dem reinsten Azurblau des südlichen Himmels wie ein wundersames Bild in orientalischen Farben vor uns liegt. Zahllose Dörfer und Flecken, Klöster und Schlösser schmücken das blühende Gestade, wo sich die Palme in den Lüften wiegt und die Aloe mit ihren glühenden Blumenkronen prangt. Längs der Nordküste dahin segelnd erblicken wir das stolze Palermo (s. d.); immer heller, immer dunkelglühender leuchten die ewigen Wachtfeuer des Aetna herüber, bis wir endlich an der Nordostspitze ver 495 Quadrat M großen Insel, die wegen ihrer dreiseitigen Gestalt in alter Zeit den Namen Trinacria führte, zu der Meerenge von Messina (s. d.) gelangen, wo majestätisch die hohen Gebirge von Calabrien (s. d.) herüberglänzen. So zeigt uns die weitere Luftreise um die Insel südöstlich Catania mit seiner berühmten, paradiesischen Ebene, in der Ferne die Felseninsel Malta und südwestlich Afrika gegenüber Girgenti. Das Innere der Insel ist so fruchtbar, daß sie früher die Kornkammer von Rom genannt wurde. Noch jetzt liefert sie trefflichen Weizen, feurige und süße Weine, Oel, Reis, Südfrüchte aller Art, Safran, Zucker, Honig und Salz. Viele Thäler gleichen den Zaubergärten der Hesperiden, indem sich südlicher Himmel, südlicher Boden, südlicher Blüthenduft und Farbenschmelz, südliche Frucht und Fülle vereinigen. Doch wer malt den unendlichen Reichthum der Vegetation, die dichten Orangenwälder mit ihren duftenden Schatten, ihren saftreichen Citronen, den goldenen Pomeranzen, den würzigen Apfelsinen, den Korallenschmuck der Granatbäume, den Purpur der Oleander, die Korkeichen, Fächerpalmen, Myrthen etc.? Und bei allen dem, und obwohl sich die Bevölkerung auf 1,800,000 Ew. beläuft, steht doch Handel wie Industrie nur auf einer sehr niedrigen Stufe der Ausbildung. Der Sicilianer ist träg und gutes Muthes, wenn er nur das Nothwendigste hat. Er ist in der Regel schön, stark und regelmäßig gebaut, die Augen feurig, die Haut olivenfarbig, die Gesichtszüge voll Ausdruck. Er liebt mit der höchsten Glut und ist daher im äußersten Grade eifersüchtig. Die Frauen, welche sonst in dem Rufe hoher Schönheit standen, wollen neuere Reisende nicht mehr so reizend gefunden haben; sie gehen sehr bunt, fast schreiend, überall findet man offene Corsets mit großen Aufschlägen, auf dem Kopfe ein leinenes, wollenes oder seidenes Tuch, das den halben Leib bedeckt. In einigen Gegenden hat das weibliche Geschlecht einen Theil der maurischen Tracht beibehalten. Auffallend ist jedem Fremden ihre Zurückgezogenheit und ihr scheinbarer Mangel an socieller Bildung. Allein die sicilianischen Väter sind außerordentlich streng gegen ihre Töchter, die gewöhnlich in einem Kloster erzogen, dieses erst bei ihrer Verheirathung verlassen. Eine Hauptursache hiervon mag das Herkommen sein, wonach jedes junge Paar durch die, vor dem ersten besten Geistlichen, gleichviel ob mit Bewilligung der Eltern oder nicht, ausgesprochene Erklärung, daß sie Mann und Weib seien, als gesetzlich verbunden, und dessen Ehe für giltig erachtet wird. – Das rauhe, waldige, an Felsklüften und Höhlen reiche Apenninengebirge durchzieht in mehreren Richtungen das 1491 Quadrat M. große Festland des Königreichs beider S. Große und weite, zum Theil romantisch wilde Thäler breiten sich zwischen seinen Zweigen aus, und verflachen sich theilweise gegen die Küste zu in Flächen, wie die apulische und die herrliche campanische Ebene, welche sich in sechsstündiger Breite von Capua bis Neapel erstreckt und mit Recht der Paradiesgarten des tyrrhenischen Meers genannt wird Einsam wie ein Gigantenkönig, um die finstere Stirn das dunkelrothe Diadem eines ewigen Feuerbrandes, steht der Vesuv (s. d.) da, und in reizender Demuth liegt die himmlische Jungfrau Neapel an dem herrlichen Golfe, mild flehend zu den Füßen des Schrecklichen, wenn er aus kochender Brust grollende Donnerworte schleudert. Von dem westlichen Abhange der Apenninen strömen eine Menge Bäche herab, die in den hohen Bergen entspringen, im Winter und Frühling nach häufigem Regen und nach dem Schmelzen des Schnees plötzlich anschwellen, und als rauschende Waldströme davon herabstürzen, während im Sommer ihre Quellen nicht selten versiegen und ihr Bette ganz trocken liegt. Ueberhaupt ist das Land wasserarm und sämmtliche Flüsse ähneln mehr Bächen. Das Klima ist ganz südlich und ein ewiger Frühling scheint auf den Gefilden des untern Italiens zu ruhen. Zwar bedecken sich die Gipfel der höhern Kuppen des Apennin im Winter mit Schnee, aber in den Thälern gibt es gar keinen eigentlichen Winter, vielmehr zeigt sich dann das Land am lachendsten. Nie schwindet das Grün von den Wiesen und zu jeder Jahreszeit erfüllen wild wachsende aromatische Pflanzen mit ihrem Dufte die Lüfte. Getreide aller Art, besonders Weizen, seine Gemüsarten, Flachs und Hanf, alle edle Südfrüchte in größter Fülle, treffliche Rosse, zahlreiche Schafe und Ziegen, viel wildes Geflügel, gute Seefische, Austern, Muscheln und Seidenwürmer, – dieß sind die üppigen Erzeugnisse des gesegneten Landes. Im Charakter der Neapolitaner, deren Anzahl sich jetzt ungefähr auf 5,800,000 beläuft, haben alle Ueberwinder, die sich seit länger als einem Jahrtausend um den Besitz des schönen, reichen Landes gestritten haben, etwas von ihren Sitten und Gebräuchen zurückgelassen, weßhalb sie in ihren Gewohnheiten noch viel von den Arabern haben, und ihnen auch die Schlauheit der Griechen nicht fehlt. Sie sind im Ganzen gutmüthig, träge, abergläubisch, sinnlich, und von heftigen, aber nicht ausdauernden Leidenschaften. Ihre pantomimischen Gesten sind von sprechender Anmuth, und die Leichtigkeit, womit sie sich durch Zeichen und Geberden in ziemlicher Entfernung mit einander zu unterhalten wissen, hat fast den Anschein eines magischen Einverständnisses. Die Männer sind meist schöne, kraftvolle Gestalten, und unterscheiden sich sonst nur durch eine dunklere Hautfarbe von den übrigen Italienern. Die Frauen der niedern Stände sind im Durchschnitt häßlich; es fehlt ihnen das Sanfte, Milde und Charakteristische der weiblichen Schönheit; dazu werden sie früh alt und tragen sich höchst armselig. Die Frauen von vornehmerer Geburt und Erziehung theilen im ganzen Lande ziemlich die gleichen Eigenschaften des Körpers, wie der Seele mit denen der Hauptstadt (s. Neapel). Ein eigenthümlicher, sehr beliebter Nationaltanz ist die Tarantella, der indeß nur eine Unterhaltung für Mädchen ist, deren wenigstens drei dazu gehören: die eine schlägt das Tambourin und die beiden andern treten den Tact, wobei sie zwischen den Fingern Castagnetten ertönen lassen. Bald wechselt eine der Tanzenden ihre Klapper mit dem Tambourin, bleibt nun still und graziös lauschend stehen, indeß die dritte zu tanzen beginnt, und so können sie sich stundenlang vergnügen, ohne sich um die Umstehenden zu bekümmern. Der Standesunterschied ist selten ein Hinderniß ehelicher Verbindungen: man sieht nicht auf die Geburt der Mutter, und der Adel geht durch Verheirathungen von Töchtern aus den ältesten Häusern an reiche Bürgerliche stets in das Volk zurück. – Nur wenig Sorgfalt wird dem Ackerbau sowie der Kultur des Oelbaums gewidmet, der fast in allen Provinzen ohne weitere Pflege gedeiht. Auch der Weinbau wird nur oberflächlich betrieben, obgleich das Land dessenungeachtet die köstlichsten Weine Italiens erzeugt. Die Viehzucht hat von ihrer frühern Blüthe verloren; am ausgebreitetsten ist noch die Schafzucht, die Seidenkultur und Fischerei. Die meisten Fabrik- und Luxuswaaren müssen bei der Unvollkommenheit und geringen Anzahl inländischer Fabriken und Manufacturen vom Auslande bezogen werden. Der Handel mit dem Auslande ist völlig passiv: – kurz der ganze Kulturzustand des Landes liegt noch in der Kindheit.

B....i.


http://www.zeno.org/DamenConvLex-1834.

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