Sophokles

Sophokles. Im feierlichsten Schweigen waren die Richter in dem Saale der Pallas zu Athen versammelt, vor ihnen stand ein Greis in ehrfurchterweckender Haltung, dessen erhabene, heitere Stirn von Hoheit strahlte, aus dessen Augen ein siderisches Feuer blitzte; und ihm gegenüber – sein eigener Sohn, der ihn des Wahnsinns beschuldigte. Da zieht der greise Vater statt aller Gegenrede lächelnd eine Papierrolle hervor und liest mit klarer, ruhiger Stimme eine von ihm selbst verfertigte Tragödie »Oedipus auf Kolonos« genannt, der Versammlung vor. Mit immer steigender Verwunderung hören die Richter ihm zu, und als er geendet, bricht Alles in den lebhaftesten Beifall aus, und einstimmig wird der habsüchtige Sohn mit seiner verläumderischen Anklage abgewiesen. – Dieser Greis war S., der größte unter den 3 Koryphäen der griech. Tragödie, ein ächter Priester des Schönen, welches die wahre Aufgabe aller Kunst ist. Denn dichtete Aeschylus (s. d.) erhaben, gefiel sich Euripides (s. d) in ausschweifenden Gefühlserschütterungen, so huldigte S. allein der beseligenden Harmonie der Schönheit, welche am lieblichsten in der klassischen Form vollendeter Gleichmäßigkeit, in der melodischen Rundung aller innern und äußern Theile eines Kunstwerks hervortritt. Und nur das Schöne allein kann uns wahrhaft entzücken und bewegen: es ist Sehnsucht, Leben, Mittheilung, Aufforderung, es ist der Grundton, in welchen unsere tiefergriffenen Sinne einfallen zum harmonischen Akkorde; – alles Schöne, sagt Pindar, hat eine zwingende Kraft. Namentlich sind es auch S's Frauen, die er mit dem seinen Sinne eines ächten Griechen für das Zarte und Grazienhafte, für das Gesittete und Schickliche an der Hand der Idealität und zugleich ohne je die Grenzen dichterischer Wahrheit zu überschreiten, in seine tragischen Gemälde einführt; und seine Antigone galt in ihrer süßen, tiefzarten Kindesliebe, in ihrer jungfräulichen, durch alle Nerven melodisch zitternden Gestalt, in der himmlischen Unschuld ihres reinen, dem Fluche des Schicksals unterliegenden Herzens, zu allen Zeiten für ein bezauberndes Mustergebild ächtweiblicher Charakteristik. Gefeiert von ganz Griechenland schrieb S. gegen hundert Stücke, von denen wir leider nur noch 7 vollständig besitzen. Schon frühzeitig zeichnete er sich auch in der Musik und Orchestrik aus, so daß er nach der Schlacht bei Salamis als ein 16 jähriger Jüngling bei der Aufführung des Siegspäans als Chorführer um die Siegstropäen tanzen mußte; später wurde er sogar, um ihn für die Aufführung seiner »Antigone« zu belohnen, mit Perikles zum Feldherrn gegen die aufrührerischen Samier ernannt. Geb. zu Kolonos bei Athen 497 v. Chr., starb er im hohen Alter, 406 v. Chr., wie Einige behaupten, aus Freude über einen bei den musischen Spielen zu Olympia davongetragenen Sieg, nach Andern am Genusse einer Weinbeere, einer dritten Meinung zufolge aber beim Vorlesen seiner »Antigone

S....r.


http://www.zeno.org/DamenConvLex-1834.

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