Staël Holstein, Anna Luise Germaine Necker, Baronin von

Staël Holstein, Anna Luise Germaine Necker, Baronin von, geb. zu Paris den 22. April 1766, empfing von ihrer Mutter (s. Necker) eine Erziehung, die nicht frei war von einer gewissen Einseitigkeit und pedantischen Steifheit. Nichts konnte jedoch den Anlagen des lebhaften, freimüthigen Mädchens mehr entgegen sein als dieß. Der Vater sah tiefer in die Seele seiner Tochter; er suchte durch väterliche Liebkosungen die systematische Strenge seiner Gattin zu mildern, und gewöhnte jene früh daran, vor ihm die ganze offene Liebenswürdigkeit ihres Wesens zu entfalten. Dafür war ihm aber auch das Kind mit unbegrenzter Liebe ergeben, und selbst die Freunde des Hauses, wie Marmontel, der Abbé Raynal, Grimm etc., schenkten dem jungen aufkeimenden Talente ihre Aufmerksamkeit. In solcher Umgebung nahmen die ungewöhnlichen intellectuellen Fähigkeiten, mit denen die Natur sie ausgestattet hatte, frühzeitig einen außerordentlichen Schwung. Erst 15 Jahre alt, machte sie einen mit Anmerkungen begleiteten Auszug aus dem Esprit des lois. Mit derselben Leichtigkeit, mit der sich ihre Verstandeskräfte entfalteten, entwickelte sich auch die große Erregbarkeit ihres Gemüthes. Leider geschah diese frühzeitige Reise ihrer innern Fähigkeiten auf Kosten des physischen Gedeihens. Kaum hatte Anna ihr 12. Jahr zurückgelegt, als ihre geschwächte Gesundheit einen Aufenthalt auf dem Lande nöthig machte, während dessen der Arzt jedes ernste Studium verbannte. Ein Leben voll Poesie folgte jetzt dem bisher der Wissenschaft geweihten. In der Zurückgezogenheit von St. Ouen verlebte sie glückliche Tage, die in der zunehmenden Liebe und Verehrung für ihren Vater, der oft dahin kam, um sich von den Sorgen seines schweren Ministeramtes zu erholen, höhere Bedeutung für sie erhielten. Als Necker seinen Compte rondu herausgab, zählte Anna erst 16 Jahr; sie wünschte sehnlichst sich über ein Werk auszusprechen, das das allgemeine Tagesgespräch ward; allein sie fühlte, wie wenig es sowohl ihrem Geschlechte, als ihrem Alter zustehe, einen so ernsten Stoff zu berühren; sie wandte sich daher in einem langen, jedoch anonymen, Briefe an ihren Vater, der die Verfasserin an der Art zu schreiben errieth. So unbedeutend dieser Vorfall in seinem Hergange scheinen mag, so wichtig und folgenreich war er für Anna, indem Necker seit dieser Zeit seiner Tochter das größte Vertrauen bewies. Im Jahr 1786 vermählte sie sich mit dem Baron von Staël Holstein, dem schwedischen Gesandten am französischen Hofe. Obgleich die Convenienz dieses Bündniß geschlossen hatte und ihr im häuslichen Leben kein großes Gluck verhieß, so verdankte sie demselben doch eine, ihren Fähigkeiten und Talenten angemessene, Stellung in der höheren, gebildeten Gesellschaft. Fr. von Staël wurde bei Hofe vorgestellt und mit Auszeichnung empfangen; einige Jugendschriften hatten sie dort bereits zum Gegenstande der Neugierde gemacht. Mit dem Ausbruche der französischen Revolution eröffnete sich ihr eine neue Laufbahn in der politischen Welt. Sie, die eine Tochter des Ministers war, der größtentheils diese gewaltsame Erschütterung veranlaßt hatte und eine begeisterte Verehrerin Rousseau's, konnte diesen Bewegungen unmöglich fremd bleiben. Fr. von St. glaubte alles Ernstes das Morgenroth der Freiheit und eines ungetrübten Glückes über ihr Vaterland aufgehen zu sehen. Sie theilte in dieser Hinsicht die Täuschung so vieler ihrer Mitbürger, nur mit dem Unterschiede, daß nicht alle wie sie, in ihren Herzen das Gegengift für die Verirrungen ihres Verstandes fanden. Fr. von St. hatte den vollklingenden Reden der sogenannten Freiheitsfreunde laut ihren Beifall zu erkennen gegeben, aber als die Ereignisse sie belehrten, wie sehr eigentlich jene Frankreich bedrückten, bot sie ihren ganzen Einfluß auf, um die Zahl ihrer Opfer zu vermindern. Ludwig's XVI. Gefangennehmung zu Varennes, machte auf sie einen tiefen Eindruck; zugleich ließ ihr der Umgang mit Männern, die am meisten auf die politischen Ereignisse einwirkten, die schreckliche Katastrophe vom 10. August voraussehen. Sie sann auf Mittel die königliche Familie zu befreien; allein ihr wohlgemeinter Plan scheiterte an der Unzuverläßlichkeit eines ihrer Vertrauten. Ludwig's Hinrichtung und die ihr folgende Grausen erregende Regierung erfüllten sie mit Abscheu. Zu Gunsten der Königin wagte sie es, den blutdürstigen Ungeheuern, die Frankreich entvölkerten, eine Schrift, die Vertheidigung der unglücklichen Monarchin enthaltend, einzureichen. Wir dürfen hier wohl nicht hinzufügen, wie schwierig ein solches Unternehmen war, welche Vorsicht und Gewandtheit es in jenen unglücklichen Zeiten erforderte, um den Zorn der übermüthigen Machthaber zu entwaffnen. Unter dem Direktorium erwarb sich Fr. von St. großen Einfluß; sie ermunterte Benjamin Constant bei seinem ersten Auftreten und führte den Herrn von Talleyrand bei seiner Zurückkunft aus den vereinigten Staaten bei Barras ein. Napoleon war ihr abgeneigt, ob ihrer Persönlichkeit oder ihrer politischen Ansichten wegen, ist wohl nicht mit Bestimmtheit zu entscheiden. Gewiß ist, daß ihre Aeußerungen, die dem Consul und auch später dem Kaiser hinterbracht wurden, den wesentlichsten Grund zu den Verfolgungen legten, denen sie unter seiner Regierung ausgesetzt war. 1801 erhielt sie einen Verbannungsbefehl. Fr. von St. begab sich nun nach Deutschland, und hielt sich längere Zeit in Weimar auf, wo Göthe, Schiller und Wieland sich dem Umgange der geistreichen Frau anschlossen. Hier erlernte sie die Landessprache und widmete sich mit großem Eifer der deutschen Literatur. Im Jahre 1804 unternahm sie eine Reise nach Berlin; von wo Necker's plötzlicher Tod seine Tochter in die Schweiz rief. Allein so sehr sie eilte, war es ihr nicht vergönnt den verehrten Mann noch lebend anzutreffen. Zur Befestigung ihrer geschwächten Gesundheit ging sie nach Italien. Der Anblick von Rom und Neapel, mit ihren erhabenen und großen Erinnerungen, gab ihr die erste Idee zu ihrer Corinna, die sie nach ihrer Zurückkunft in Genf zu schreiben begann. Später benutzte sie die Erlaubniß sich 40 L. von Paris aufhalten zu dürfen, bis die Herausgabe ihres Werkes über Deutschland ihr auf's Neue einen Verbannungsbefehl zuzog. Der Polizei-Minister Savary-Rovigo ließ 10,000 Exemplare dieses Werkes, obgleich es die Censur passirt hatte, vernichten. Fr. von St. zog sich nach Coppet zurück, wo sie die Weisung erhielt, sich nicht über zwei Stunden von ihrem Wohnorte zu entfernen. Dieser drückenden Lage suchte sie sich durch die Flucht zu entziehen. Im Frühjahr 1812 entkam sie glücklich durch die Schweiz und Tyrol nach Wien und besuchte Moskau, Petersburg, Stockholm und endlich London, wo sie die Herausgabe ihres Werkes über Deutschland bewerkstelligte. Nach der Restauration kehrte sie in ihr Vaterland zurück; während der hundert Tage verbannte sich Fr. von St. freiwillig nach Coppet und weigerte sich Napoleon's Einladung, nach Paris zu kommen, Folge zu leisten. Von Ludwig XVIII. erhielt sie mehrere Privataudienzen, der die Zurückzahlung der von Necker im königlichen Schatz niedergelegten Summe von zwei Millionen Franken befahl. Eine zweite Reise nach Italien im Jahre 1816 blieb ohne besondere Wirkung auf die abnehmende Gesundheit der Fr. von St. Vergebens wurde die Hilfe mehrerer Aerzte in Anspruch genommen; sie starb den 14. Juli 1817 mit frommer Ergebung in den göttlichen Willen; ihr letzter Gedanke war an ihren Vater, der, – dieß waren ihre Worte – sie am andern Ufer erwarte. Ihre irdischen Ueberreste wurden nach Coppet gebracht, und in der Gruft ihrer Eltern beigesetzt. Inmitten der vielfach geistigen Beschäftigungen vernachlässigte sie nie die Pflichten einer sorgsamen und zärtlichen Mutter für ihre Kinder, und obgleich im Interesse der letzteren, wegen der zerrütteten Vermögensumstände des Herrn von Staël, längst ein Bündniß getrennt war, das die Convenienz geschlossen hatte, so eilte sie doch zu ihrem Gemahle zurück, als er von körperlichen Leiden heimgesucht, ihrer Pflege zu bedürfen schien. Er starb in ihren Armen den 2. Mai 1802. Erst nach ihrem Tode wurde ihre zweite Ehe mit einem Herrn von Rocca, den sie in Genf kennen gelernt hatte, öffentlich erklärt. Aus Anhänglichkeit an einen Namen, der durch sie berühmt geworden ist, hatte Fr. von St. ihre Verbindung bisher geheim gehalten, in der ihr gleichwohl das reinste, häusliche Glück zu Theil geworden war. Eine sehr geistvolle Schilderung der interessanten Frau gab uns Mme Necker de Saussure in der »Notice sur le caractère et les écrits de Madame de Staël,« der wir einige Züge entlehnen. »Sie zog unwiderstehlich an durch die Anmuth ihres Wesens. Es war so viel Wahrheit, so viel Liebe, so viel Größe in ihr, die göttliche Flamme war so glühend in ihrer Seele, so hell in ihrem Geiste, daß man den edelsten Neigungen des Innern zu folgen glaubte, wenn man sich an sie anschloß. Genie und Weiblichkeit waren innig in ihr vereint; wenn jenes durch sein Uebergewicht herrschte, so schien diese bei ihrer regen Empfindsamkeit gegen Schmerz sich zu unterwerfen, und zu der lebhaftesten Bewunderung gegen sie gesellte sich stets ein zärtliches Mitleid. Ihr Talent durchdrang sie ganz; es leuchtete in ihrem Auge, es gab ihren unbedeutendsten Aeußerungen seine Farbe, es gab ihrer Güte, ihrem Mitleide eine rührende, siegreiche Beredsamkeit. Diese außerordentliche Erregbarkeit ihrer Seele und dieses Feuer, die in ihren Schriften sich offenbaren, konnten durch ihre Lebensschicksale nicht ausgelöscht werden. Nicht ihr Geist war Schuld an ihren Leiden, und aus ihren hohen Einsichten hat sie nur Trost geschöpft; es war ihre mächtige, ihre verzehrende Einbildungskraft, womit sie die Seelen bewegte, was ihre eigene erschütterte und ihre Ruhe zerstörte. Für alle Gemüthsregungen war sie empfänglich, jedes begeisterte Gefühl ward von ihr begriffen, jede Ansicht von ihr aufgefaßt, und nichts Großes, nichts Bedeutendes hat sich in verschiedenen Erdgegenden und in verschiedenen Zeitpunkten der Gesittung im menschlichen Herzen entwickelt, das nicht in ihrem Innern einen Anklang gefunden hätte. In der wichtigsten Beziehung endlich, in Hinsicht auf die Religion, kann das Beispiel dieser hochbegabten Frau nur belehrend sein.« Diese flüchtige Skizze möge genügen, unsere Leserinnen für Fr. von St. zu interessiren, und es sei uns nunmehr vergönnt, einen Blick auf die Erzeugnisse ihres Geistes zu werfen. Die sämmtlichen Werke der Fr. von St. sind in 18 Bänden erschienen. Diese reiche Sammlung enthält Schöpfungen der verschiedensten Art, und außer einem epischen Gedichte möchten sich wohl alle Formen darin finden. Corinna ist unstreitig das gelungenste, glänzendste ihrer Werke, und würde allein genügen ihren Namen zu denen der größten Schriftsteller zu gesellen. Der Roman ist darin mit der reizendsten Schilderung Italiens innig verschmolzen. In Delphine zeichnet die Verfasserin größtentheils sich selbst, wie sie in ihrer Jugend war; sie läßt ihrer reichen, überschwenglichen Phantasie freien Flug und überrascht durch die Frische der Begeisterung; dennoch ist es gerade dieses Werk, das von ihren Feinden am bittersten getadelt und dessen moralische Tendenz von ihnen am schärfsten beleuchtet wurde, weil sie darin ein Wesen schildert, das durch Geist und Empfindung über die beengenden Schranken erhoben, mit der Sitte und dem Herkommen in Kampf geräth. Zu den umfangreicheren Werken der Fr. von St. gehören ihre Memoiren, die unter dem Titel, dix années d'exil, in Druck erschienen sind; ferner de l'Allemagne; Considérations sur la révolution française; de la littérature considérée dans ses rapports avec les institutions sociales und Mémoires et Considérations sur les principaux évènemens de la révolution française, welche die letzte Arbeit vor ihrem Tode waren. Nach Robespierre's Sturz veröffentlichte sie zwei Broschüren, ohne Namensunterschrift; die erste ist betitelt: Réflexions sur la paix, adréssées à M. Pitt et aux français; die zweite, Réflexions sur la paix intérieure. Beide tragen das Gepräge echter Humanität, obwohl man andrerseits, nach einem so langen Zeitraume, in dem durch die Gewalt der Ereignisse und des menschlichen Verstandes, so Manches eine andere Gestalt bekommen hat, nicht läugnen kann, daß sich darin manche Idee findet, die den Meinungen des Tages huldigt, oder die aus den ersten politischen Illusionen der Verfasserin hervorgegangen sein mag. Noch müssen wir einige Abhandlungen nennen, um die Fruchtbarkeit ihres Genies in den verschiedensten Fächern des Wissens nicht unerwähnt zu lassen: de l'Influence des passions sur le bonheur des individus et des nations; Réflexions sur le suicide. Auch im Drama versuchte sie sich mit Glück, und ihre Arbeiten in dieser Richtung sind unter dem Titel, Essais dramatiques et Mélanges den sämmtlichen Werken der Fr. von St. beigegeben.

E. v. E.


http://www.zeno.org/DamenConvLex-1834.

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