Stieglitz, Charlotte Sophie

Stieglitz, Charlotte Sophie, geborne Willhöft. Wir unternehmen es ein Leben zu schildern, das zwar arm an äußern Begebenheiten, aber um so reicher an innerm Gehalt und tieferen Beziehungen war, und in seinem Wirken und Handeln einem einfachen, ungekünstelten Drama zu vergleichen ist, dessen hochtragisches Ende jedoch allgemeine Aufmerksamkeit und Theilnahme erzeugt hat. Charlotte, geb. am 18. Juni 1806 zu Hamburg, verlebte ihre erste Jugend in Leipzig, wohin ihr Vater, ein geachteter Kaufmann, seinen Wohnsitz verlegt hatte. Nach dem frühzeitigen Tode desselben nahm eine ihrer ältern verheiratheten Schwestern sie in ihr Haus, und sorgte mit treuer Liebe für das holde Kind, dessen früheste Anlagen schon so vielversprechend waren und die sich in der Folge so herrlich entwickelten. Charlotte glich keinem Mädchen ihres Alters; sie war meist ernst; ein stiller Tiefsinn schien in den fröhlichsten Augenblicken die jugendliche Munterkeit zu beherrschen, selbst in ihren Spielen lag etwas Sinniges, Ueberdachtes; doch war sie am liebsten allein, um sich mit ihren Schularbeiten zu beschäftigen, bei denen die Morgen- und Abendröthe sie oft überraschte. Bei diesem Hange sich in die Einsamkeit zu versenken, hing sie dennoch mit der ganzen liebevollen Hingebung ihres weichen, empfänglichen Gemüthes an ihren Geschwistern und Freundinnen. Liebe war der Grundton ihres ganzen Wesens. Großen Einfluß auf ihr damaliges Jugendleben übte ein Lehrer aus, der durch seinen Religionsunterricht eine Stimmung in ihr erweckte, die pietistischer Schwärmerei ziemlich nahe kam, und Ch's dunkle Sehnsucht nach etwas Höherem befriedigen zu wollen schien. Sie gab sich ganz diesen Empfindungen hin, die das junge, zarte Mädchen fast zu mächtig ergriffen und von der Welt entfernten, in der sie leben und einst wirken sollte. So wuchs sie in beinahe klösterlicher Zurückgezogenheit, die gerade ihrem Herzen das Liebste war, heran, bis Kunst und Liebe die beengenden Fesseln lösten, mit denen eine falsch verstandene Frömmigkeit sie umgeben hatte Musik und Gesang, die sie beide mit großer Vorliebe trieb, schienen ihren innern dunkeln Gefühlen Worte zu geben; und bald blickte die sechzehnjährige Jungfrau freudiger in die sie umgebende Welt. In dieser Zeit des erwachenden Jugendmuthes lernte Ch. ihren nachmaligen Gatten, Heinrich Stieglitz, kennen, der 1822 in Leipzig Philologie studirte, und die ersten Klänge seiner Lyra ertönen ließ. Beide fühlten sich, trotz großer innerer Verschiedenheit, unwiderstehlich von einander angezogen. Das Anfangs fast kindliche Verhältniß gewann bald mehr Ernst und Bedeutung, und ehe Stieglitz Leipzig verließ, verlobte er sich mit dem liebenswürdigen Mädchen. Um seine Studien fortzusetzen, begab er sich nach Berlin; ein eifrig fortgesetzter Briefwechsel, und die Gedichte, die ihr regelmäßig und in reicher Fülle zugesandt wurden, mußten die Dichterbraut für die schmerzliche Trennung entschädigen, in der nur Augenblicke des Wiedersehens schimmerten. Ch. lebte ganz ihrer Liebe; die religiöse Schwärmerei der Jugend hatte sich zur echten Religiosität geläutert, indem ihrem Leben Ziel und Zweck zu Theil geworden war. Da überraschte sie der Tod der geliebten Schwester, in deren Hause sie aufgewachsen war. Stieglitz bemühte sich nun doppelt, eine amtliche Stellung zu erhalten, um die Geliebte so bald als möglich in die eigene Häuslichkeit einzuführen; er vergaß in diesem rühmlichen Eifer, daß jene wohl schwerlich mit seinen eigensten innern Ansprüchen im Einklang stehen dürfte, und nahm die Stelle eines Bibliothekars und Lehrers an einem Gymnasium zu Berlin an. Hier dürfen wir einen Umstand nicht übergehen, der als Erläuterung von Ch's letztem entscheidenden Schritte angesehen werden mag. Der Gedanke, daß Stieglitz sich um ihret. willen zu früh zu einem Amte nöthigen lasse, das seiner Neigung widerspräche, und der Ausbildung seiner Muse wie seiner freien Geistesthätigkeit Schranken entgegen stelle, quälte sie unablässig. So war es auch hier nur Folge der innigsten, uneigennützigsten Liebe, die in ihr den Entschluß zur Reise brachte, sich ihm durch freiwillig gewählten Tod zu entziehen. Der Versuch mißglückte jedoch, und eine Krankheit, die sie dem Rande des Grabes nahe brachte, beschwichtigte für jetzt die überspannten Forderungen, die sie an sich selbst machte. Indessen war der 20. Juli des Jahres 1828 herangekommen, an dem Ch. endlich durch den Segen der Kirche mit Stieglitz verbunden wurde. Bevor das junge Paar dem Orte seiner Bestimmung zueilte, machte es eine Reise durch die schönsten Gegenden Deutschlands, und mit erheitertem Sinn ging Stieglitz an die Erfüllung seiner Amtspflichten, deren mechanisches Räderwerk jedoch seiner geistigen Entwickelung und den freien Ergüssen seiner Muse eher hemmend, als belebend entgegen trat, und den Grund zu jener Ueberreizung seines Nervenlebens legte, die ihn später so gewaltsam aus dem Gleichgewichte schüttelte. Ch. fühlte sich glücklich an dem eignen Heerde und in geistigem Verkehr mit ihrem Gatten, der sie an allem, was er betrieb, Theil nehmen ließ, das in ihr schlummernde poetische Element durch stete Mittheilung weckte, und ihr richtiges Urtheil für dichterische Leistungen gern zu dem seinigen machte. Schon im ersten Bande der von Stieglitz herausgegebenen »Bilder des Orients« ist ein Theil Charlottens Schöpfung, wie auch in dem Trauerspiele: Sultan Selim III. die 2. Scene im 3. Act zwischen dem Arzt und der Walide Sultana von ihr gedichtet ist. Zur Entwickelung ihres geistigen Seins trug der Aufenthalt in Berlin nicht wenig bei, wo ein enger Kreis geistreicher Menschen sie umgab, in deren belebendem Umgange die lieblichsten Eigenschaften des Herzens und des Geistes zu immer höherer Reise kamen. Im Herbst 1830 machte sie eine Reise nach Leipzig, zum Besuch ihrer dortigen Verwandten. Zwei Jahre später erforderte ihre leidende Gesundheit den Gebrauch eines Bades; der Arzt verordnete Dobberan. In heiterer Gesellschaft verlebte sie dort einige Wochen, nach deren Verlauf sie gestärkt in die Heimath zurückkehrte. Zu den mannichfachsten Anregungen und Bereicherungen ihrer Anschauung gab im Jahr 1833 eine Reise nach Petersburg und von da nach Moskau Veranlassung. In ersterer Stadt erblühten ihr im Hause eines Oheims, des Banquier Stieglitz, fröhliche, genußreiche Stunden auch die Gesundheit ihres Mannes, die schon anfing öfteren Störungen unterworfen zu sein, schien durch die vielfachen Zerstreuungen und neuen Eindrücke der Reise kräftiger zu werden. Voll freudiger Hoffnung, und um viel schöne Erinnerungen reicher kehrten sie in ihr Stillleben zurück. Stieglitz ging mit erneuetem Muthe an seine trockenen Amtsgeschäfte, während Ch. mit höchster Anmuth alle Pflichten einer thätigen Hausfrau erfüllte, und zugleich den Forderungen ihres fortschreitenden Geistes Genüge zu leisten suchte. Sie strebte überall dem Wahren, Echten, so im Leben und in Büchern, wie im Handeln und in Worten nach; dabei erkannte sie freudig mit ihrer gewohnten Offenheit fremdes Verdienst und Talent. Dichtkunst und Wissenschaft reichten sich in ihrem geistigen Treiben die Hand; es genügte ihrem innersten Leben nicht, sich nur an der äußern Gestaltung der Dinge zu ergötzen: sie wollte deren Inhalt erforscht haben. Ernst philosophische, naturwissenschaftliche, ja selbst medicinische Werke waren keine Seltenheiten auf ihrem Arbeitstische. Auf solche Weise war unter mannichfachen Beschäftigungen und geistigen Genüssen das Frühjahr 1834 genaht; Ch. kostete dessen Freuden in vollen Zügen, und feierte es mit tausend schönen Gedanken, die der Nachwelt wenigstens theilweise in ihren Tageblättern aufbewahrt worden sind. Diese frohe Stimmung wurde durch den einen drohenden Charakter annehmenden Gesundheitszustand ihres Gatten allzu betrübend gestört. Es ist jedoch schwer, ja fast unmöglich, eine Krankheit, wie sie in Stieglitz losbrach, völlig zu beschreiben. Der Körper und die Seele litten, und beide schienen wechselseitig ihre Leiden von einander anzunehmen. Was das liebende, tief fühlende Weib dabei empfand, ist leicht zu begreifen. Es wurde eine Brunnenreise nach Kissingen beschlossen, die auch für die wankende Gesundheit Charlottens wohlthätig wirken sollte, aber leider das Gegentheil hervorbrachte. Auch Stieglitz hatte nach fünfwöchentlicher Kur fast nichts gewonnen: geistesmüde und geisteskrank kam er in die Heimath zurück. An Ch. bemerkte man seitdem eine trübe Schwermuth, ein gedankenvolles Sinnen, und höchst wahrscheinlich beschäftigte sie schon damals der Gedanke, wie sie den geliebten Gemahl aus diesem Zustande zu retten vermöchte. Sie schien überzeugt, wie uns manches deutungsvoll niedergeschriebene Wort aus jener Zeit sagt, daß ein großer Schmerz Stieglitz aus seinem dumpfen Brüten und Träumen zu erneueter Geistesthätigkeit erwecken müsse. Sich selbst ersah sie in ihrer unbegrenzten, hingebenden Liebe zum Opfer: das eigene Leben dünkte ihr kein zu theurer Preis für seine Rettung. Ein Traum, den Stieglitz hatte, und ihr mittheilte, brachte sie endlich zum äußersten Entschlusse. Ch. wurde zwar ernster, stiller, allein die wenigen Freunde, die sie sahen, zu denen auch ihr geistreicher Biograph, Theodor Mundt, dem wir dieses nacherzählen, gehörte, schrieben ihren schweigsamen Ernst dem Kummer um ihres Gatten Gesundheit zu. Unter diesen betrübenden und drückenden Umständen nahte das Ende des Jahres 1834, das so fröhlich begonnen hatte. Es war der 29. December, als Ch. ihren Mann beredete, einer an sie ergangenen Einladung zu einem Ries'schen Quartett Folge zu leisten; sie selbst schützte Unwohlsein vor und blieb allein zurück. Mit beispielloser Ruhe und klarer Umsicht ordnete sie im Hause noch manches Nöthige an; dann schrieb sie die letzten Abschiedsworte an den geliebten Freund, um dessentwillen sie ihr Leben hingab, legte sich ohne eine Spur von Uebereilung zu hinterlassen, zu Bett, und senkte mit furchtbar sicherer Hand, gerade mitten in das Herz hinein denselben Dolch, den sie für Stieglitz einst als Braut und aus Veranlassung eines Scherzes gekauft hatte, und der nun dem edelsten Leben ein Ende machte. Zweifelnd stehen wir am Todtenbette dieser ausgezeichneten Frau, deren stetes Wirken, rein von jedem Makel, nur die aufopferndste Erfüllung ihrer Pflichten zum Zweck hatte, und deren Gemüth das Gepräge echter Weiblichkeit und tiefer Religiosität trug. Nur zögernd wagen wir es, sie im Tode zu tadeln, die im Leben so hoch über uns stand. Charlottens That war ein Irrthum, aber ein hoher: sie vergaß, daß sie für ihren Gatten nur einmal sterben, aber Jahre lang leben konnte, daß der Segen ihres Opferlebens sicherer gewesen wäre, als der des Opfertodes, den sie in begeisterter Hingebung wählte, und daß Leben und Tod nicht in der Hand des schwachen Geschöpfes ruhen, sondern in der Allmacht eines Höheren, dem die ganze Natur sich willig unterordnet und der seinen Todesengel senden wird, wenn nur dieser helfen kann. – Schmerzlich fühlbar mag Charlottens Verlust im Kreise ihrer Freunde gewesen sein; jedoch verliert die Oeffentlichkeit nicht minder daß dieses reiche Leben im vollen Werden, in der Blüthe seines Daseins welken mußte, da ihre frühen Leistungen zu späteren größeren Erwartungen berechtigt hätten. Die Auszüge aus ihrem Tagebuche und aus ihren Briefen deren Herausgabe wir dem oben genannten Freunde der Verstorbenen verdanken, erregen das größte Interesse. Ueberall finden wir zwar einen tiefen Ernst des Lebens, eine ungeduldige brennende Sehnsucht nach einem Etwas, das die Welt nicht zu geben vermag, und auch an ihr nagte die Unruhe und Ungenügsamkeit der ganzen Zeit; aber mit diesem Ernst, diesem unbefriedigten Sehnen vereinigte sie eine reiche Phantasie, klare Anschauung aller menschlichen Verhältnisse und Würdigung ihres wirklichen Werthes; treffendes, bestimmtes Urtheil in Literatur und Kunst und eine seltene Reise der Ueberlegung für Gegenstände des geistigen Lebens. Charlottens Briefe, die meist an Verwandte gerichtet sind, erschließen uns einen Schatz von anspruchsloser Liebe, stiller Bescheidenheit und einer stets ungekünstelten Natürlichkeit, daher spricht der Inhalt derselben, ohne besonders wichtige Ereignisse der Zeit und Thatsachen des menschlichen Wissens zu berühren dennoch ungemein an. Die verschiedensten Beurtheilungen sind über Charlottens Leben und Sterben im Publikum erschienen und während ein Theil sie den Heldinnen des Alterthums beigesellt »die einem mattherzigen Zeitalter das unerhörte Beispiel gibt, wie Liebe noch eine Heldenkraft, und Größe ohne Wahnsinn noch möglich sei,« wird sie von Andern in die Reihe gewöhnlicher Selbstmörder gestellt, die das Leben von sich werfen, weil sie das Maß ihrer Duldung überschäumend wähnten.

E. v. E.


http://www.zeno.org/DamenConvLex-1834.

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