Stolterfoth, Karoline Wilhelmine Julie Adelheid, Freiin von

Stolterfoth, Karoline Wilhelmine Julie Adelheid, Freiin von, Chanoinesse des adeligen Damenstiftes Birken bei Baireuth, wurde zu Eisenach den 11. Sept. 1800 geb., ist die älteste von drei Schwestern, und lebt seit dem 1825 erfolgten Tode ihrer Mutter, einer geborenen Rheinländerin (Tochter des Nassau-Usingen'schen Oberjägermeisters Freiherrn Schott von Schottenstein), abwechselnd bald in Geisenheim im Rheingau in der Familie ihres Oheims, des Geheimrathes Freiherrn von Zwierlein, bald in ihrem Stifte Birken. Die erste Ausbildung erhielt A. v. St. in Erlangen. Ihre Mutter lebte als W«we nach dem Tode ihres Gatten, welcher als preußischer Husarenofficier durch einen unglücklichen Sturz mit dem Pferde in seinem 34. Jahre gestorben war, zehn Jahre daselbst. Schon als Kind zeigten sich in Av. St. viele poetische Anlagen, und ihr erstes bedeutenderes Gedicht: »die Schlacht von Leipzig« entstand in ihrem 13. Jahre, wo der Kampf um Deutschlands Wiedergeburt ihren Geist auf das Lebhafteste beschäftigte. Die Mutter A's v. St., eine nach streng aristokratischen Begriffen gebildete, aber vortreffliche Frau, unterdrückte jedoch – weil ihr auch ein Kriegslied A's in die Hände gefallen war – so viel als möglich jeden poetischen Aufschwung in der Tochter, indem es mit ihren Ansichten von weiblicher Bildung und Bestimmung durchaus nicht übereinstimmte, Frauen den ihnen von der Natur angewiesenen Kreis überschreiten zu sehen. – Alle Sentimentalität und Ueberspannung, durch welche nur allzu oft schriftstellernde Damen ein etwas ridicules Ansehen erhalten, alles Absprechen, und Prunken mit Gelehrsamkeit wurde an Andern, zum Nutzen der Tochter, streng gerügt, und dieses weise Verfahren mag auch wohl die Ursache sein, daß A. v. St. durch die Einfachheit und Ruhe in ihrer Haltung kaum die tieffühlende Dichterin ahnen läßt. Im Jahr 1817 wählte Frau v. St. voll Sehnsucht nach Verwandten und Vaterland das am Rhein gelegene Städtchen Bingen zum Aufenthalt, und hier unter den mächtigen Eindrücken einer schönen und großen Natur wurde der poetische Funken in der Brust der jungen Dichterin zur nie mehr verlöschenden Flamme. Sie fand auf dem höchsten Boden des Hauses, welches sie bewohnten, – es lag dicht am Rhein und gehörte einem Schiffer – ein stilles Plätzchen mit der Aussicht über einen Theil des Rheingaues, die Burg Ehrenfels und den vom Rhein umbrausten Mäusethurm. Hier schrieb sie die ersten rheinischen Lieder auf einer kleinen Schiefertafel nieder. 1819 zog die Familie nach Winkel im Rheingau, einem Orte, welcher aus Göthe's Briefwechsel mit einem Kinde durch den früheren Aufenthalt und die interessanten Schilderungen der genialen Bettina von Arnim, geb. Brentano, dem Publikum bekannt geworden ist. In Winkel begann ein mehr nach Außen hin thätiges Dichterleben für A. v. St., deren Mutter nun nicht mehr länger an dem wirklichen Dichterberuf der Tochter zweifeln konnte, und sie gern gewähren ließ. Sie schrieb nun ihr erstes größeres Gedicht: »Zoraïde in drei Gesängen (später bei Wilmans in Frankfurt a. M., 1825),« eine Jugendarbeit, welcher jedoch Müllner im Literaturblatt in Hinsicht auf Naturschilderungen Gerechtigkeit widerfahren ließ. Im 22. Jahr begann die Dichterin ihren Alfred, das Gedicht rückte jedoch nur langsam voran, und wurde endlich durch die lange Krankheit und den Tod ihrer geliebten Mutter auf einige Jahre hin beinahe ganz unterbrochen. Indessen war A. v. St. dieses Pausiren – obgleich sie eines bildenden literarischen Umgangs und einer rathenden Stimme gänzlich entbehren mußte, dennoch von vielem Nutzen gewesen. Historische Studien und Vorarbeiten bereiteten sie vor, das angefangene Werk mit erneutem Eifer und gereifter im Geiste fortzusetzen. Das Gedicht rückte nun rasch vor und begleitete sie sogar auf Reisen mit der Familie ihres Oheims, dessen liebenswürdiger Tochter Lilli (jetzt verehlichte Freifrau Schenk zu Schweinsberg) sie sich innig angeschlossen hatte. – London, die Stadt der Welt, und ihre nächsten Umgebungen wurden im Sommer 1826 von Rotterdam aus besucht. Im Sommer 1828 reiste sie ebenfalls mit ihrem Oheim durch die schönsten Gegenden der Schweiz, ging über den Gotthard durch Oberitalien bis Genua, und kehrte über den Simplon, Chamouni, Genf, Lausanne etc. in die Heimath zurück. Im Winter 1828/29 aber ward von derselben Reisegesellschaft, und zwar in fast 10monatlichem Aufenthalt, das Haus eines trefflichen Verwandten, – des in den Annalen seines Vaterlandes mit hoher Auszeichnung genannten, nunmehr verstorbenen Staatsministers, Grafen von Bremer – besucht. Alfred war 1830 vollendet. Eine neue Erscheinung trat er vor die indessen von A. getrennt gewesenen geliebten Schwestern, von welchen sich 1828 Amalie, die jüngste, mit dem Freiherrn E. Schenk von Geyern in Fürth verehelicht hatte, und Johanna, die andere, in ihrem Stifte Birken lebte. A. v. St. konnte das Gedicht 1833 bei ihrer Anwesenheit in München, wohin sie von Baireuth aus mit der edlen Witwe Jean Paul's und einer englischen Dame gereist war, im Manuscript noch dem unsterblichen Dichter Grafen Platen mittheilen, kurz zuvor, ehe derselbe nach Italien abreiste, wo er ein allzufrühes Grab finden sollte. Außer den in Journalen zerstreut abgedruckten Dichtungen A's v. St. erschien Alfred 1834 (bei Ritter in Wiesbaden), welcher sich der günstigsten Aufnahme zu erfreuen hatte. Sodann 1835 bei Jügel in Frankfurt a. M. »Rheinischer Sagenkreis, ein Cyclus von Romanzen, Balladen und Legenden des Rheins mit 21 Umrissen von Rathel. Die meisten der darin enthaltenen Poesien sind schon in Journale und Gedichtsammlungen übergegangen. Ein langer Aufenthalt an den romantischen Ufern des Rheins, sowie eine genaue Kenntniß seiner Geschichte und interessantesten Punkte, eigenen A. v. St. wohl vorzüglich zur rheinischen Dichterin oder, wie Matthisson sagt: zur »Philomele des Rheins.« Demnächst wird eine Ausgabe ihrer sämmtlichen Lieder, Romanzen und Sagen des Rheins erscheinen.


http://www.zeno.org/DamenConvLex-1834.

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