Streicher, Nanette

Streicher, Nanette, war die Tochter des mit vollem Rechte berühmten Clavier- und Orgelspielers Andreas Stein, und wurde zu Augsburg den 2. Januar 1769 geb. Schon in den ersten zartesten Kindesjahren entwickelte sich das musikalische Talent dieser Tochter in so hohem Grade, daß der Vater mit allem Eifer ihren Unterricht selbst übernahm, und sie in kurzer Zeit so weit brachte, um, als sie kaum ihr fünftes Jahr erreicht hatte, in einem Concerte sich öffentlich hören lassen zu können. Ihr scharfes, richtiges Gehör bewog jenen, sie auch zum Gesange zu bilden, und in ihrem 10. Jahre half sie ihrem Vater erst bei der Verfertigung einzelner Theile der damaligen Mechanik, sowie endlich bei der Einrichtung der Tastatur, beim Stimmen und gänzlichen Vollenden seiner Instrumente. Dabei wurde der Unterricht im Gesange und Clavierspiele mit unausgesetztem Eifer fortgeführt, und durch die genaueste Kenntniß der Mechanik geleitet, dem Instrumente den schönsten Ton zu entlocken, wurde Nanettens Spiel immer vollkommener. Da kein Reisender, noch weniger aber ein Musiker von Bedeutung den Weg über Augsburg nahm, ohne den berühmten Stein zu besuchen, und dieser mit Stolz die Talente seiner Tochter und dreifachen Schülerin geltend zu machen wußte, erhielt sie schon in frühen Jahren einen ausgebreiteten Ruf, der sich durch verschiedene Reisen noch erweiterte. Wie sie während 14 Jahren die treueste Gehilfin ihres Vaters war, so bewies sie sich auch bei dessen lange dauernder Kränklichkeit als die sorgsamste Tochter in der ununterbrochenen Pflege des Mannes, der ihr jede Stunde widmete, um ihre sittliche und musikalische Ausbildung zu befördern, und der ihr dadurch ein Gegenstand der höchsten Liebe und Verehrung geworden war. Er entschlief nach jahrelangem Leiden den 29. Februar 1792 in den Armen seiner Tochter. So tief und unheilbar auch die Wunde blieb, welche dieser herbe Verlust ihrem Herzen schlug, so vergaß sie doch nicht, daß es nun ihre Aufgabe sei, für das Wohl ihrer Mutter und sechs Geschwister zu sorgen, und Alles anzuwenden, um dem Namen des Vaters den mühsam erworbenen Ruhm zu erhalten. Mit dem Muthe eines Mannes, mit der Liebe einer Tochter und Schwester unternahm sie es, in Verbindung mit ihrem sechzehnjährigen Bruder das bisherige Geschäft fortzuführen und den Nutzen davon während zwei Jahren ihren Angehörigen zu lassen. Mittlerweile lernte sie ihren nachmaligen Gatten, Streicher, kennen, der sich in München als Clavierspieler und Lehrer auszeichnete, und beschloß, mit diesem und ihrem Bruder 1794 Augsburg zu verlassen und nach Wien zu gehen, und betrieb dort das ihr zum Bedürfniß gewordene Geschäft unter der Firma: »Geschwister Stein,« bis 1802 sich die Geschwister trennten und jeder Theil seinen eigenen Namen führte. So gewagt es auch scheinen mochte, daß sich eine Frau, Mutter von drei Kindern, an die Spitze eines der schwierigsten Geschäfte stellte, so bestand ihr Gatte dennoch darauf, da sie die genaueste Kenntniß derjenigen Mechanik hatte, die einem Pianoforte erst den eigentlichen Werth verleiht; daß nämlich jede Taste eben so willig und folgsam den Ton ansprechend mache, wie der sie berührende Finger es erheischt. Die Leitung und Aufsicht des Ganzen übernahm Streicher, der auch in den nächstfolgenden Jahren den Bau und die innere Mechanik so einrichtete, daß alle Forderungen der neueren Claviermusik befriedigt werden konnten, und die unter dem Namen »Nanette Streicher, geb. Stein« um so mehr einen ausgebreiteten Ruf erhielten, als sie aus keiner deutschen Werkstätte geliefert wurden. Am schönsten und reichlichen sah sie jedoch ihre Mühe und aufopfernde Thätigkeit belohnt, als ihr einziger, zu ihrem Geschäfte gänzlich erzogener, Sohn schon in früher Jugend bewies, daß das musikalisch-mechanische Talent seines Großvaters auf ihn vererbt worden sei, und mit mütterlichem Stolze genoß sie die Freude, von nun an unter der Firma: »Nanette Streicher, geb. Stein, und Sohn,« ein Geschäft, welches so großen Einfluß auf einen der bedeutendsten Theile der Musik hat, durch ihren Sohn zu möglichster Vollkommenheit gediehen zu sehen. Für diejenigen, die unter Musik nicht eine Unzahl von Noten oder Schwierigkeiten verstehen, die durch bloß mechanische Uebung überwunden werden können, sondern durch Töne ergötzt, erhoben, gerührt sein wollen, war Nanette Streicher eine Clavierspielerin ersten Ranges. Das Seltene ihres schönen Spieles bestand in der Ruhe, Deutlichkeit, Genauigkeit, in dem richtigen, gemäßigten Ausdrucke, in dem unmerkbaren Verschmelzen der Schattirungen, in dem Verhauchen der Töne, in dem Interesse, welches sie ihrem Vortrage zu geben wußte, der den Zuhörer in steter Spannung erhielt; in dem Streben, nie die Grenzen der Wahrheit zu überschreiten, sondern nur das Edle, in Herz und Gemüth Dringende sich zum Ziele zu setzen. Nicht flüchtige Eile, nicht absichtliches Zögern, nicht die Eitelkeit, als Spielerin glänzen zu wollen, störte den aufmerksamen Hörer; ein gänzliches Hingeben, das genaueste Anschließen an die Tondichtung beseelte ihre Darstellung und erweckte Entzücken, Rührung oder Wohlgefallen. Nur solchen Eigenschaften konnte es gelingen, jede mehr oder minder zahlreiche Begleitung, so ganz an sich zu fesseln, daß diese nach den ersten Takten schon ihrem Vortrage sich anschloß und den Ausdruck nach dem ihrigen zu bilden suchte. Auch wurde sie von einem Clementi, Haydn, Bethoven nach Jahren noch mit Beifall dafür belohnt, daß diese großen Meister ihre beste Dolmetscherin an Nanette Streicher erhalten hatten. Ihre Stimme war nicht umfangreich, aber die äußerste Deutlichkeit der Aussprache, die seinen Beugungen des Tones, die sich jedem Worte, jeder Sylbe anschmiegten, und der zarte, nur nach der Schönheitslinie angemessene Ausdruck mußte in Jedem die regste Theilnahme hervorbringen. Dem Gesange mußte sie indessen wegen ihrer Gesundheit früher entsagen, dagegen wendete sie bis in das Alter von 64 Jahren auf das Pianoforte einen durch nichts zu ermüdenden Fleiß, und bewies dadurch der jüngeren Welt, wie reich, wie unerschöpflich die Genüsse einer Kunst sind, die mehr als jede andere im Stande ist, Gefühle auszudrücken und mitzutheilen. Obwohl das Reich der Töne auch das eigentliche Element ihres geistigen Lebens blieb, so war sie dennoch für andere würdige Gegenstände so wenig gleichgültig, daß sie, der französischen Sprache vollkommen mächtig, das große Werk des als Hausarzt in Wien und dann in Paris bis an sein Ende ihr befreundeten Dr. Hall übersetzte und nur noch die zweite Hälfte des sechsten Bandes unvollendet zurückließ. Viele Beschäftigung mit der Kunst, ein stets enges, lebhaftes Interesse für dieselbe, drängen gemeiniglich die Pflichten der Gattin, der Hausfrau und Mutter in den Hintergrund. Von dieser nicht seltenen Erscheinung machte sie eine ehrenvolle Ausnahme, indem sie ihre Neigung für die Kunst den Forderungen des häuslichen Lebens willig zum Opfer brachte. Sie starb am 16. Januar 1833 nach zwei Monate langen Leiden, von Allen, die sie kannten, hochgeachtet, und von den Ihrigen zärtlich geliebt. Auf demselben Friedhofe, wo Mozart's Asche ruht, befindet sich auch ihr, durch einen Denkstein bezeichnetes, Grab.

E. v. E.


http://www.zeno.org/DamenConvLex-1834.

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