Stuart, das Haus

Stuart, das Haus. Es ziehen sich durch das leuchtende Gewebe der Weltgeschichte einzelne dunkle, blutrothe Streifen mit unheimlichen, seltsamen Charakteren, die uns gemahnen wie eine verderbenschwangere Saat des Geschicks, welche Spaniens Tintostrom gleichen, der nichts Lebendiges in seinen verkohlten Tiefen birgt, und mit seinen dunkelschwarzen Wogen wie von Todesschatten umwallt zum Oceane der Vernichtung eilt. Da verdorren die Blumen und Blüthen an seinen Ufern; da windet sich der Fluß gleich einer scheuen Schlange; wie ein einziges langes Haar vom Haupte der Eumeniden wird er durchsauset von den Giftwinden des heißen Afrika's; ein ungeheures Medusenauge, starrt der Himmel herab; und wie Niobe anzuschauen, steigt die Nymphe des Stroms, die greise Ahnfrau aller der Wellenkinder, in der klanglosen Mitternacht herauf aus der Tiefe und heult hinaus in die Nacht das uralte Lied vom ewigen Verderben ihres Geschlechtes. So reizte Tantalus den Unwillen der Uraniden und mußte verschmachten im ewigen Sehnen, und eben im Schmachten wieder das Leben gewinnen; der Fluch des Schicksals fraß wie eine Hyäne stückweise sein Haus von Jahrhundert zu Jahrhundert, vom Enkel zum Urenkel herab; und als an Tauris Strand der Taurier König Iphigenia Herz und Hand bot, wußte sie ihm nichts Unheilvolleres und Abschreckenderes zu verkünden, als die wenigen Worte: »Vernimm, ich bin aus Tantalus Geschlecht!« Das Tantalusgeschlecht der modernen Welt sind aber die Stuarts, dieß unselige Haus, das wie ein Ahasverus unter den Herrschern, wie ein ewiger König Jahrhunderte lang unstätt umherirrte nach der Krone der Macht. Geleitet von dem hauptlosen, blutigen Schatten ihres Ahnherrn Banko, steuerten sie wie Bukanier der Nordsee auf schwarzen Schiffen mit der schwarzen Flagge und dem unheilvollen Feldgeschrei: »Gott und mein Recht!« unablässig auf Holyrood's Königshallen zu, bis die Verwesung den wandernden Ungestüm in Ketten schlug und mit dem letzten Stuart auch das ewige Heimweh dieses Geschlechtes in Welschlands Boden, in der ewigen Stadt, begrub! – Banko, Than von Lochquabie, so erzählt die Mythe, war der Stammvater des Hauses S., und auf daß er würdig einleite als Chorag die große Tragödie seines Geschlechts, fiel er durch Meuchlerhände, die Macbeth gedungen. Seinem Enkel, Walter I. (starb 1116) lächelte das Geschick, denn es liebt mit Blumen zu bestreuen, die es zu opfern gedenkt: – Malkolm III. erhob ihn zum Steward von Schottland, wornach sich das Geschlecht nach einer andern Schreibart des Wortes, Stuart nannte. Aber schon sein Enkel, Alexan der III., erfuhr die Macht der Eumeniden und verschied (1258) an Gift, was ihm die eigene Gemahlin, Alda von Dembe, gereicht Sein Sohn Alexander setzte das Geschlecht fort; dessen Sohn wurde 1302 erschlagen; drei seiner Enkel fielen 1333 in der Schlacht von Haledin, und nur Walter III. entrann der Blutsaat, dessen Sohn Robert zur unglückseligen Stunde (1370) Schottlands Krone auf sein Haupt setzte. Diesem folgte sein Sohn Johann als Robert III; sein älterer Sohn David, Herzog von Rothsay, mußte auf seines Oheims Geheiß den Hungertod sterben; der jüngere übernahm das Scepter 1406 als Jacob I., ward aber 31 Jahre darauf ermordet. Sein Sohn und Nachfolger, Jacob II., fiel 1460 vor Roxborough, und dessen Sproß, Jacob III., ließ seinen eignen Bruder, Johann S., Grafen vor Marr, 1480 umbringen. Jacob IV. folgte dem dritten dieses Namens und blieb 1513 in der Schlacht von Flodden. Und abermals erklang die Wage des Geschicks in gräßlicher Monotonie: eine blutige Locke fiel in die eine Schale, eine Locke von dem Haupte seiner Enkeltochter, der unglücklichen Maria S. (s. d.). Immer voller und gigantischer entfaltet sich das grauenhafte Drama zum dritten Acte: der gemordeten Maria Sohn, Jacob VI., besteigt (1603) den schottischen Thron und zugleich den ihrer Mörderin Elisabeth, aber schon rauscht wieder der Furien Tritt. Sein Sohn Karl I. wird enthauptet, die Familie flieht, und als nach dem Tode Karl's II., den das Geschick mit beispielloser Güte wieder zurückführte auf den Thron seiner Väter, dessen Bruder, Jacob (der zweite dieses Namens als König von England), von der Blindheit des Fanatismus geschlagen, den Unwillen der Nation reizte, da mußte das Unvermeidliche und Tiefverschuldete erfolgen; Oranien und nach ihm das Haus Hannover ergriff den britischen Scepter, und für immer war es geschehen um den Purpurmantel der Stuarts. Zwar trat Jacob's angeblicher Sohn, Jacob III, 1701 als »Prätendent« auf, aber vergeblich waren seine, wie seines Sohnes, Karl Eduard, Bemühungen, das Verlorne wieder zu erobern. Kinderlos starb letzterer am 31. Jan. 1788 in Rom; sein einziger Bruder, der Kardinal von York, verschied 1807, und Karl's Witwe, die Gräfin Luise von Albany, entschlummerte zu Florenz den 29. Jan. 1824. So endete das Geschlecht der Stuarts, geboren zum Unglück, und doch nur sich selbst preißgebend dem Verderben durch eigene Schuld. Ein einfaches Denkmal wurde den letzten Stuarts von dem Könige Georg IV. von Großbritannien in der Peterskirche zu Rom errichtet.

B.


http://www.zeno.org/DamenConvLex-1834.

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