Sue, Eugène

Sue, Eugène, der Begründer einer neuen Art von Romanen in Frankreich, des sogenannten Seeromans (Roman maritime), – ein wildphantastischer Dichter, der aus den Brüsten der Natur nur Blut und Wermuth saugt, der mit glühender, fast genialer Wollust sich in die Gräßlichkeiten des Schicksals vertieft und, indem er begeistert die Schönheit der Rosen singt, still und heimlich, doch der Zukunft gewiß, nur auf den Westwind lauert, der sie entblättern soll. In das reizendste Gewand kleidet er das Entsetzlichste: einer Nectarschale gleicht die anmuthige Sprache, in welcher der Dichter seine heißen Thränen credenzt, und das Säuseln in den Kronen der Palmen ist nur das Echo eines fernen Sturms, der Lilien knickt und Menschenherzen, sich todtesbang um den seufzenden Erdball windet wie eine Nebelschlange und um die Wiege der Menschheit zischet, welche eben der Wahnsinn in Schlummer lullt. Wohl schimmern so lieblich die Rosen der Unschuld unter dem Alabaster der Wangen: – aber sie sind doch nur eine Saat von Blut, gesäet für das Verderben, ein weicher purpurner Teppich, in den sich die Wollust begräbt, um mit sich die Unschuld zu begraben. Wehmüthig-freundlich erhebt sich der greise Ocean, schüttelt treuherzig das schilfbekränzte Haupt und ruft dem dahin eilenden Menschenschifflein sein: Fahre wohl! zu: – aber hinter dem Lächeln grinzt die alte Tücke hervor, und der Beute gewiß, tändelt der Alte wie ein indischer Jongleur unterdeß mit halbverweseten Leichnamen in der Tiefe. Wie so lieblich säuselt der Duft des Blüthenmeeres über Guajana's grünende Hügel! Wie so kühlend wehet der Athem des Oceans von Indiens Koralleneilanden herüber! Doch zwischen die goldnen Gelände des südlichen Gartens hindurch schlängeln sich gleich giftbäuchigen Ottern die Ketten von Afrika's Söhnen, und unter der breitblätterigen, schattigen Platane Columbia's hat sich ein Weißer gebettet, der gierig das Mark ihren Wurzeln entsaugt, bis der stolze Sohn des Waldes todtmüd das noch blühende Haupt neigt: – und selbst der freie Dattelwald auf den freien Bergen des Innern schaut traurig herüber wie eine einzige Thränenweide. Gleich einer zärtlichen Mutter beugt sich die Natur mit liebenden Blicken über die Erde, tändelt vor der Wiege des Sterblichen mit Sonnenstrahlen und Mailüftchen und küßt in dem Sammetteppich der Wiesen tausend freundliche Blumen: – allein ein glühender und noch im Glühen lächelnder Hauch aus dem Munde des Dichters, – und sie erstarrt zur Niobe, als sie erstarren sah alle ihre Kinder. Und ist der Samum, der aus Siciliens goldenen Locken den grünenden Orangenkranz reißt, und wie eine Königsschlange, in gelben Ringeln die Hügel umkreisend, alles Grün von den Fluren hinwegleckt, nicht voll sidonischer Mährchen und von den heiligen Schauern der Wüste und von dem Dufte der Palmen getränkt, die den Tempel des Jupiter Ammon bekränzen? – Nicht das Talent, nicht seine, keineswegs so gewichtige eigene Bedeutung ist es, was uns so lange bei Eugen S. verweilen läßt; allein er bezeichnet sehr treffend und eigendst die wüste und sinnauflösende Richtung einer romantischen Schule, welche vor einigen Jahren zuerst in Frankreich ihr skeptisches Haupt erhob, einer neuen Göttin, der Gräßlichkeit, glänzende Altäre baute und der mit Blut geschminkten Muse einen neuen Kranz seltener Art wand aus Rosen und Eingeweiden, aus Lilien und zerstückten Gliedern. Die sogenannte Ironie des Schicksals wurde das wiederkäuende Thema eines sich selbst genießenden Ekels; und wenn die untergehende Sonne wie eine geweihte Rose alle die heiligen Ahnungen der Unendlichkeit liebend entduftete, wenn die Sterne in der schweigenden Mitternacht vorübereilten auf ihren tausendjährigen Bahnen und sich stumm, aber verständnißinnig mit den silbernen Augen zuwinkten gleich ewigen Glaubenshelden der Weltenharmonie: – da sah die neue Romantik in allen diesen Wundern der Schöpfung nur ein Fläschchen voll Opiums, dessen Genuß wollüstig die Adern durchrauscht und uns in den lieblichtäuschenden Traum wiegt von Glauben und Liebe, von Hoffnung und Gerechtigkeit. Und obwohl Eugen S. zwar selbst in einer seiner Vorreden sagt: daß hier auf Erden die Tugend unterliegen müsse, auf daß wir unsern Glauben an eine bessere und gerechtere Zukunft bewahren, – so klingt dieß bei dem ironischen Dichter, der sich selbst belügt, um sich selbst belügen zu können, fast eben nur wie Ironie. – Eugen S., der Sohn des erst vor einigen Jahren gestorbenen Professors der Anatomie S. in Paris, wurde um 1800 geboren, widmete sich schon in frühester Jugend den schönen Künsten, und unternahm später eine Reise nach Amerika, auf welcher er eben die Gefahren und Abenteuer des Seelebens und die Gräuel der Sclaverei kennen lernte, die er in seinen Romanen »( Plik et Plok,« »Atar-Gull,« »Le Salamandre,« »Lavigie de Koat-Ven etc«.) auf eine höchst originelle Weise darstellte. Erst 1831 trat er als Romandichter auf, nachdem er sich vorher mehr mit Zeichnungen beschäftigt und nur kleinere Aufsätze für die pariser Zeitschriften geliefert hatte. Im Besitz eines beträchtlichen Vermögens lebt er jetzt in Paris bei seiner Familie der Literatur und der Kunst, und bearbeitet eben im größesten Maßstabe eine Geschichte des franz. Seewesens.

S....r.


http://www.zeno.org/DamenConvLex-1834.

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