Türkei (Geschichte)

Türkei (Geschichte). Rose, du rothe, was neigst du das Haupt! Was säuselt so bang der Westwind durch das Myrtengebüsch, welches wie ein hellgrüner Reigen der Hoffnung die glänzende Sophienkirche umwebt? So mild und sanft sank ja der 29. Mai des Jahres 1453 vom Frühlingshimmel hernieder auf das alte Byzanz! Purpurhauche und goldene Lenzahnungen wehen von Abydos Küste herüber; die Gestade des Bosporus ergrünen und glühen von tausend lieblichen Propheten des Sommers, den Blumen des Mais. Aber ach, ein anderer Prophet erschien mit der blutigen Fahne des Halbmondes, mit dem zuckenden Schwerte, mit dem Feldgeschrei des Fanatismus. Bange Schatten lagern sich über Constantinopels glänzende Zinnen. Jammergeschrei tönt durch die Straßen; Greise, Frauen, Kinder, Alles eilt klagend, mit verhülltem Antlitz in die Sophienkirche, um von dem Ewigen Rettung zu erflehen für die Altäre der Stadt, für den heimischen Heerd, für das eigene Leben. Der greise Patriach Leo besteigt die geistliche Rednerbühne und beginnt mit bewegter Stimme: »Christliche Freunde, die Stunde der Entscheidung ist erschienen. Weinend verhüllt Griechenlands Genius das Haupt; um die goldene Wiege der Humanität brausen die Schlachtgesänge der Barbaren; schon ein Mond ist entflohen, seit Muhammed unsere Mauern bestürmt. So sollst du denn fallen, du leuchtendes Byzanz? wo einst die Musen ihre goldene Saat säeten? auf welches der Himmel den Gnadenkuß der Versöhnung durch den göttlichen Erlöser drückte? Verstummen sollen die heiligen Tempelhymnen? das Kreuz von den stolzen Kuppeln herabsinken in den Staub? Ach zum letzten Kampfe ist der Kaiser ausgezogen mit seinem treuen Bundesgenossen, dem edlen Genueser Giustiniani. Laßt uns feiern das letzte Liebesmahl«.... Der Redner konnte nicht fortfahren; dumpfes Waffengeräusch tönte aus der Ferne. Wehe, Wehe! riefen tausend Stimmen auf den Straßen, – Constantin Paläologus, unser Kaiser, ist gefallen an der goldenen Pforte, es naht der Feind! Und schon rückte Muhammed II. herein mit seinem Heer von 150, 000 Mann; seufzend stürmten die Wellen des Bosporus empor; ein elektrischer Schlag voll tödtlichen Schreckens zuckte durch den ganzen Occident: aus tausend Wunden blutete Byzanz; – und geschlagen hatte die Stunde, wo Griechenland untergehen sollte, um sich zu beugen unter das Joch der Türken! – Mythisches Dunkel lagert auf der Urgeschichte dieser barbarischen Sieger. Vom Altaigebirge stiegen sie in früher Zeit nieder längs des Aralsee's in das nach ihnen Turkistan benannte Steppenland. Hier gründeten sie ein Reich, das außer Turkistan einen großen Theil von Kabul, Persien und der jetzigen Türkei enthielt; doch schon 1100 zerfiel dieses türkische oder seldschuckische Reich in Trümmer. Nach langer Erstarrung entsproß der zertretenen Saat ein neues, frisches Reis; unter dem Anführer Osman erhob sich (1289) ein Stamm des Volkes am Olympus in Kleinasien. Dieser Osman ist der eigentliche Gründer des türkischen oder osmanischen Reichs. Wie eine dunkeläugige, glühende Odalik erhob dieses das geringelte Haupt über Ilions altklassischen Boden; leuchtend in jugendlicher Kraft entfalteten sich ihre Schwingen über Armeniens Gefilde; ein stählernes Gewand umschloß früh den zarten Busen; – doch bald befleckte verbrecherisches Blut ihr Kriegergewand. Gegen seine eigenen Verwandten wüthete Osman, und Brudermord wurde die Losung aller Sultane. Acht Fürsten folgten Osman in der Regierung, gleich ausgezeichnet durch Kraft wie Tapferkeit, und unter ihnen (1326–1566) vergrößerte sich der Anfangs so kleine Staat zu einer europ. Hauptmacht. Der nächste darunter, Orkan, erhob Brussa in Kleinasien zu seiner Hauptstadt. Von dem Thore seines Palastes heißt noch jetzt das ganze Reich die hohe Pforte. Er errichtete die ehernen Phalanxen des Halbmondes, die Janitscharen und Spahis, und unterwarf seinem eisernen Scepter die ganzen Goldebenen Kleinasiens. Betroffen schaute das in sich selbst zerspaltene Europa auf das neue Gestirn Asiens; doch noch stolz auf den goldenen Schweif seiner altergrauen Heldenthaten, verharrte es in Unthätigkeit bei dem Entfalten des blutigen Roßschweiss. Wie ein alter schwacher Hünenwächter stand Griechenland auf den Ruinen seiner alten Herrlichkeit und hielt in kraftloser Hand das Schwert zur Vertheidigung der Pforten Europa's. So betrat Orkan's Sohn, Soliman 1355 Europa, und besetzte die Meerenge, welche beide Welttheile scheidet. In seines Sohnes und Nachfolgers, Amurat I., Hände fiel 1360 das stolze Adrianopel; Macedonien, Albanien und Serbien erzitterten unter seinen Herrschertritten; doch nach dem Siege von Kaschau fiel er durch einen Dolchstich (1389). Nach ihm drang Sultan Bajazed mit dem Beinamen »der Blitz,« mit Blitzesschnelle in Thessalien ein und bedrohte Constantinopel; gleich einem verderbenschwangeren Wetterleuchten fiel er den 28. Sept. 1396 auf die Christen unter Siegmund von Ungarn und Böhmen bei Nikopolis nieder, als aber Timur (s. d.) seine asiatischen Staaten bedrohte, kehrte er über den Bosporus zurück und wurde in der Riesenschlacht bei Ancyra (1402) von diesem besiegt und gefangen. Bald sollte selbst auch der germanische Adler, der sonst emporflog, um die Sonne zu trinken, vor dem Halbmond erbeben: Bajazed's vierter Sohn, der kluge Muhammed 1., trug seine Waffen bis Salzburg und Baiern. Ebenso siegreich erklang die osmanische Schlachtentrommete unter seinem Nachfolger, dem weisen Murad II.; er schlug die Christen bei Varna (1444) und Kaschau (1449). Nur der tapfere Skander-Beg (Fürst Georg Kastriota), Hunyad, Fürst von Siebenbürgen, und die Feste Belgrad machten mit seltener Hartnäckigkeit der hohen Pforte den Schlüssel streitig zu den innersten Gemächern des ganzen südöstlichen Europa. Als aber Muhammed II. (1451–81) Constantinopel erobert und es als Stambul zu seinem Herrschersitz erhoben; als er die Dardanellenschlösser gegründet und Morea unterjocht; als sein Enkel Selim I. die Macht der Perser bis an den Euphrat und Tigris zurückgedrängt und Aegypten, Syrien und Palästina erobert: – da war es umsonst, wenn die Päpste den Kreuzzug predigten gegen die Ungläubigen, denn Europa wie Asien ergriff tödtliche Furcht vor den Waffen der Osmanen. Wie einst Rom's Mütter ihre weinenden Kinder zum Schweigen brachten durch Hannibal's schrecklichen Namen; so erklang im ganzen Abendlande der Name Selim's wie eine Stimme blutigen Verderbens. In der gesammten Christenheit wurden eigene Gebete gegen die schrecklichen Feinde angeordnet; die milden Abendglockenklänge, welche jetzt die friedliche Stille des Abends einlauten, ertönten damals als bange Hilfsrufe gegen die Macht des andrängenden Islams; und alle europäischen Lande jubelten und frohlockten, als die stolze Macht Soliman's II. (1519–66) des Besiegers der Johanniter, der Ungarn und Perser, sich an den Mauern von Wien (1529) brach. Zugleich widerstanden die Venetianer und Genueser; ein einziger Mann mit einem Häuflein entschlossener Ungarn, Zriny, vertheidigte die Feste Zigeth gegen das ganze türkische Heer; und waren dieß nur schwache Bemühungen, um Europa zu retten, konnte selbst Karl's V. Staatsklugheit nur auf kürzere Zeit dem Eindringen des Stromes wehren, so entwickelte nach Soliman's Tode (1566) der türkische Staat in sich selbst den Keim seiner nachherigen Ohnmacht, indem er, seine Kräfte nach Außen zersplitternd, nicht im Innern nach einer organischen Gestaltung, nach einer friedlichen Ausbildung seiner Kräfte strebte. Und auch die Luft nach Außen zu wirken, erlahmte in Weichlichkeit und dem feigen Gelüste, auf den erfochtenen Lorbeeren nun lieber zu ruhen. Fortan gingen die Herrscher nur aus den Frauengemächern des Serails hervor; an die Stelle der Gesetzgebung und richterlichen Ahndung trat gegen die Großen der Dolch und die seidene Schnur, und in den Provinzen die grausame Willkühr und Raubsucht der nur zum Schein abhängigen Paschas. Planlosigkeit bezeichnete der Pforte äußere Politik; und gleich den römischen Cäsaren seit Errichtung der Prätorianer, erzitterten die Sultane in ihrem eigenen Kaiserpalast unablässig vor den Empörungen der Janitscharen und Statthalter. Zum letzten Male entfaltete der Halbmond seinen Glanz im Herzen von Europa unter Muhammed IV.; abermals erbleichte er an den Mauern von Wien (1683) und gar dauernder, vor Sobieski's (s. d.) blitzendem Wetterleuchten. Eine Perle nach der andern entfiel der osmanischen Krone. Mit gewaltiger Hand rüttelten der Held Eugen, Peter der Große und der russ. Feldherr Münnich an den diamantenen Säulen des Islams. Im Vertrage zu Carlowitz (1699) verlor die Pforte Siebenbürgen, das ganze Land zwischen der Donau und Theiß, Morea, Podolien und Asow; der passarowitzer Vergleich (1718) entriß ihr Temeswar und Belgrad mit einem Theile von Serbien und der Wallachei. Nur durch fremde Vermittelung erhielt sie später einen Theil des Verlorenen zurück, gewann aber nie die verlorene Achtung wieder, seitdem (1787) Katharina II. durch ihre glückliche Kriegführung die ganze Ohnmacht des türkischen Staates enthüllt hatte. Selim III., ein Fürst von Geist und Kenntnissen, war zu schwach, um durchgreifende Verbesserungen bewirken zu können. Der Glaube an seine geistliche Obergewalt als Muhammed's Nachfolger war erschüttert worden durch Sectirerei, und die Furcht vor seiner weltlichen Macht verschwunden, seitdem so viele Paschas dem Divan zum Trotz selbstständig gleich kleinen Sultanen ihre Provinzen beherrscht hatten. Alle europäische Großmächte gaben jetzt in den türkischen Conseilverhandlungen ihre berathende, zu oft entscheidende Stimme ab; immer matter erglänzte nun der Halbmond, und wie eine todtmüde Tochter der Freude lag jetzt Stambul ausgestreckt an den Ufern des Hellesponts. Rußland, Frankreich, England drängten bald einzeln, bald zugleich auf die geängstigte Pforte ein; Constantinopel gerieth in Aufruhr; Selim III. wurde (29. Mai 1807) von dem Mufti abgesetzt und Mustapha IV. an seiner Stelle als Khalif begrüßt. Bald aber wurde auch dieser vom Throne gestoßen, und der jetzt regierende Großsultan Mahmud II., der einzige noch übrige Fürst aus Osman's Geschlecht, übernahm mit kräftiger Hand die Zügel der Regierung. Bekannt sind die Thaten dieses Regenten, wie er die Janitscharen niederschmetterte, wie er der griechischen Revolution (s. Griechenland, Geschichte). wie er den Angriffen der Russen nach Kräften widerstand. und wie er, schwieriger als alles dieß, fortwährend Asiens starre Elemente mit Europa's Civilisation zu verschmelzen sucht. Aber ein Stern nach dem andern erlischt über Stambuls Zinnen; der Pforte Macht brach am Fuße der Pyramiden; von Afrika's Küste weht die dreifarbige Fahne; längs der Donau waltet moskowitisches Gebot; Hellas entwand sich jugendlich dem Staube der Entwürdigung. Der Säbel des Propheten ist nicht mehr von dem Blute seiner Feinde getränkt; vom Balkan bis zum Libanon weht ein banger Klageruf; und hinter dem mystischen Vorhange der Weltgeschichte starrt bleich und seelenlos die Zukunft des osmanischen Reiches hervor.

B.


http://www.zeno.org/DamenConvLex-1834.

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