Tell, Wilhelm

Tell, Wilhelm. Melancholisch neigte der Bannberg sein waldbekränztes Haupt über die Wiese bei Altdorf und heulend durchbrauste der Föhn die weit über ihn hinausragenden Fernen des Schneegebirges. Blutend unter den Streichen der Frohnvögte arbeitete im Hintergrunde das Volk an dem gewaltigen Bau, der immer drohender sein Haupt erhob, der Veste »Zwing Uri;« vorn aber unter dem grünenden Apfelbaume, dessen Früchte sich rosig und fröhlich an den Zweigen schaukelten, als säng' ihnen der Westwind des Thales seine tändelnden Wiegenlieder vor, stand bleich, aber muthig anzusehen ein seines Knäblein im schlichten Schweizerwamms Ein goldener Apfel, eine Frucht des friedlichen Wipfels über ihm, ruhte auf seinem Scheitel. Ein Wald von Trabantenlanzen starrte hoch um ihn herum, und vom hohen Roß herab rief mit satanischem Hohne der Landvoigt Geßler einem Schützen mit der Armbrust in der Ferne zu: »Nun wohlan, Tell, entweder du und der Knabe sterben oder du schießest jetzt ihm den Apfel vom Kopfe!« Entsetzen ergriff die versammelte Menge bei diesem unmenschlichen Gebot; weinend stürzte der Großvater des Kindes, Walther Fürst (einer der muthigen Schweizer, welche auf dem Rütli in der Sternennacht den Bund gegen das Joch der Landvoigte geschworen), zu Geßler's Füßen und flehte um Gnade... Umsonst... Gewaltig kämpfte in der Brust des Schützen T. das Vatergefühl mit der unvermeidlichen Gefahr; verzweifelnd schlug er das Auge zum freien Himmelsgewölbe empor; in schwindlicher Höhe über ihm flog eben pfeilschnell ein Reiher hinweg; jammernd dacht' er des Küchleins, des armen, das eben vor ihm stand wie ein lächelndes Opfer voll des kindlichsten Vertrauens; und immer drohender wurde die Gefahr des Verzugs; und vom Bannberg herab erklang ein melodisches Kuhreihnlied, das T. oft vorgesungen daheim seinen beiden Knaben in der freien Berghütte, wo sein trautes Weib sicher jetzt eben lang seiner und des Knaben, ihres Lieblings, Heimkehr wartete. – Da spannt er verzweifend den Bogen... und »der Apfel ist getroffen, der Knab' ist unversehrt!« so schallt es jauchzend, jubelnd hin und her von hundert Stimmen zugleich. »Dank dir, Allmächtiger, sprach T. still zu sich, – aber Wehe dem, der mich versuchte!« – Ein anderes Bild. Die Winde rasten; die Blitze flammten, die Wolken bersteten; wild schäumte der Vierwaldstättersee. Die Glocken läuteten von den Bergen zum Gebete für die Gefährdeten, die eben auf dem See ziellos, ein Spott der Element-, umhertrieben; em Schiff war in Gefahr, ein schönes Schiff mit rothem Dach und bunter Fahne, mit schönen, stolzen Herren in Silberharnischen, den Geßler unter ihnen, an den Ruderbänken, ankämpfend mit vereinter Kraft gegen die Gewalt der sturmgepeitschten Wogen. Starr und stumm schaute ein Gefesselter in das brausende Element hinein; Eisenschienen umschlossen seine starken Glieder – T. war's, der kühne Schütze, den trotz des Meisterschusses die feige Gewalt als einen Empörer in Banden geschlagen. »Nur du kannst uns retten, Tell, rief ihm, erschreckend vor der nahen Todesgefahr, der Landvoigt zu; Knechte, entbindet ihn seiner Fesseln, er ergreife das Steuer!« Und mit gewaltiger Hand leitete T. den Nachen über den Strudel am Buggisgrat, am Teufelsmünster, am Hakmesser vorbei bis zum großen Axenberg, nahe an das steile Ufer hin. Und em kurzes Gebet zu Gott, ein gewaltiger Sprung, – und der Nachen schellt zurück von seinem kräftigen Fußtritte in die Fluth, T. aber schwingt sich frei auf das vorspringende Riff empor, und – ist gerettet! – Em drittes Bild. Auf granitnem Felsen, der sich über die »Hohle Gasse« von Küßnacht neigt, steht ein Schütze mit gespanntem Bogen und starrt bleich, alle Sehnen und Muskeln fieberisch und krampfhaft gespannt, in den Abgrund hinunter, als laure er auf eine kostbare Beute. Ein Hochzeitzug sperrt den gedrangen Steg; ein Bettlerweib steht am Eingang der Gasse mit ihren nach Brot schreienden Kindern; dem Landvoigte will sie sich zu Füßen werfen, den man erwartet, den der Weg nach Küßnacht hier durchführen muß. Plötzlich ruft ein Herold: »Macht Platz, der Landvoigt kommt!« Und heran geritten kommt Geßler mit seinem Gefolge. Weinend und jammernd stürzt das Weib mit ihren Kindlein ihm zu Füßen, und sieht um Gnade für ihren gefangenen Mann, und achtet nicht der Hufe des ungeduldig scharrenden Rosses. Un wirsch, des Zögerns müde, reißt sie der Grausame zurück; eben spornt er den Rappen zum Weiterritt... Da saust ein Pfeil durch die Luft, und sterbend sinkt er zu Boden. »Das ist Tell's Geschoß!« ist sein letzter Seufzer. – Wilhelm T., Schwiegersohn von Walther Fürst, ein einfacher Landmann, geb. zu Bürgeln im Canton Uri, weigerte sich der Sage nach, dem vom Landvoigt Geßler zu Altdorf ausgestellten Hute die anbefohlene Ehrerbietung zu bezeugen. Geßler versprach ihm Befreiung von der Strafe, wenn er einen Apfel von dem Haupte seines Sohnes schieße. Der Schuß gelingt; T. aber, befragt, warum er einen zweiten Pfeil in seinem Busen verborgen, erklärt, daß, hab' er sein Kind getroffen, er mit diesem zweiten den Landvoigt durchbohrt haben würde. Hierauf verurtheilt ihn Geßler zur lebenslänglichen Gefangenschaft. Die weiteren Erfolge beschrieben wir oben. Auch T's Tod macht die Sage zu einer Heldenthat: bei dem muthigen Versuche, einen Knaben aus den Fluthen der Reuß zu retten, sollen ihn die Wasser verschlungen haben. Noch zeigt man den Platz vor Altdorf, wo der Hut stand und der Schuß geschah, die Platte – Tell's Platte – wo er dem Schiffe entsprang und eine Kapelle zum Andenken dieser Begebenheit steht; und zu Bürgeln, auf der Stelle, wo sein Wohnhaus gestanden haben soll, ist ihm selbst eine Kapelle – Tell's Kapelle – errichtet. Dessen ungeachtet ist in neuerer Zeit die ganze Existenz T's und Geßlers, sowie die Wahrheit der Sage überhaupt mit großem Scharfsinn in Zweifel gezogen werden.

B.


http://www.zeno.org/DamenConvLex-1834.

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