Théroigne de Méricourt

Théroigne de Méricourt, verdankt ihrer moralischen Entsittlichung und politischen Verblendung eine Berühmtheit, die nur traurige Resultate geliefert hat. Sie war die Tochter eines reichen Pächters aus der Umgegend von Lüttich, und entfloh aus dem väterlichen Hause, weil ihr Betragen des Vaters Unwillen erregte. Zu ihrem Wohnorte wählte sie Paris, wo sie sich freier ihren zügellosen Neigungen hingeben zu können glaubte. Auch zog sie Anfangs viele Männer aus den ersten Ständen an sich, allein mehrere Anbeter brachte sie durch ihre Verschwendung um einen großen Theil ihres Vermögens, bis ihre Verführungskünste genugsam am Tage lagen, und sie verachtet und verlassen in die Reihe der Buhlerinnen der niedrigsten Klasse gezählt wurde. In dieser traurigen Lage befand sie sich, als das an Begebenheiten so reiche Jahr 1789 begann. Sofort mischte sie sich in die revolutionairen Bewegungen, um durch sie ihr Glück zu machen. Sie erschien im Amazonenkleide, den schönen Kopf mit einem kleinen Hute à la Henri IV. bedeckt, unter der Menge, die täglich die Gänge und die Galerien der National-Versammlung anfüllte. Eine so sonderbare Erscheinung machte Aufsehen, und man vermuthete das reizende Weib möchte doch einen andern Zweck haben, als an den politischen Ereignissen Theil zu nehmen; aber wie groß war das Erstaunen, da sie die leisesten Anspielungen hierauf mit Ernst zurückwies. Diese scheinbare Strenge täuschte nicht Wenige, und so gelang es ihr, allmälig einen Kreis von Männern aus den verschiedensten Ständen um sich zu versammeln. Und wenn auch von den Häuptern der Revolution keines in ihren Abendgesellschaften erschien, so fanden sich doch solche zahlreich ein, die mit jenen im täglichen Verkehre standen. Unter andern der jüngere Bruder des Abbé Sieyes, den ohne Zweifel die dem letzteren dargebrachten Huldigungen anlockten. Den Tugenden und den Talenten des Abbé's zollte die Théroigne die größte Verehrung, während Mirabeau's Sittenlosigkeit sie zu beleidigen schien. Mit Petion hatte sie häufige Zusammenkünfte, die sich damals ein Jeder nach seiner Art auslegte. Es ist jedoch wohl keinem Zweifel mehr unterworfen, daß Petion, das Haupt der Orleans'schen Faction, keine andern Absichten hegte, als sie für das Interesse seiner Parthei zu gewinnen. T. spielte eine thätige Rolle in der Nacht vom fünften auf den sechsten October 1789. Man hörte sie Anreden an das Regiment Flandern halten, indem sie Geld unter dasselbe austheilte, wodurch diese Truppen, die Anfangs für den König waren, auf die Seite des Volkes traten. Während der ganzen Dauer der Sitzungen der gesetzgebenden Versammlung bewies sie unermüdliche Thätigkeit. Am Tage mischte sie sich unter die Volksgruppen im Paris royal und hielt Reden an sie, und obgleich innerhalb der Mauern von Paris unzählige Clubbs bestanden, sah man sie selten einen versäumen. Nach Hause zurückgekehrt, empfing sie die Mitglieder ihres Privatclubbs. Was jedoch ihre zahlreichen Anhänger zu jener Zeit von ihrem Geiste und ihren Kenntnissen gerühmt haben mögen, so beschränkten sich diese doch eigentlich auf die Sphäre, der sie sowohl durch Geburt, als Erziehung angehörte. Sie hatte ihr Gedächtniß mit einzelnen Stellen aus französischen Dichtern bereichert, die am geeignetsten waren die Gemüther der Menge zu reizen, und die sie geschickt in ihre Reden zu verflechten wußte. 1791 wurde sie mit der besonderen Sendung, die neue Propaganda zu verbreiten, nach den Niederlanden geschickt, wo sie in die Hände der kaiserlichen Agenten fiel, verhaftet und hierauf nach Wien geführt wurde. Nach einjähriger Gefangenschaft erregten die Berichte der mit dem Verhöre beauftragten Beamten des Kaisers Leopold Neugierde, und er wünschte die Angeklagte zu sehen. In Folge eines Gespräches mit demselben wurde T. frei gelassen, mit dem bestimmtesten Befehle jedoch die östreichischen Staaten zu meiden. Zu Anfang des Jahres 1792 kam sie nach Paris zurück, und erschien wie früher wieder auf öffentlichen Plätzen und auf der Rednerbühne, nur mit dem Unterschiede, daß sie jetzt vorgab dem Moderantismus sich ergeben zu haben. Erst später trat sie in die Reihen der Revolutionairen, die für den Königsmord stimmten, zurück und nahm großen Antheil an dem blutigen Tage des 10. August. Sie feuerte die Unthätigen zum Morden an, wobei sie mit schrecklichem Beispiele voranging. Nach der Katastrophe des 10. Augusts schloß sie sich der Partei Brissot's an, obuè jedoch Einfluß zu gewinnen. Ihrem unheilvollen Wirken wurde endlich ein Ziel gesetzt. Eines Tages sah sich T. plötzlich in den Gärten der Tuileien ergriffen und in Verhaft genommen; worauf sie erst nach einer öffentlichen, entehrenden Strafe wieder in Freiheit gesetzt wurde. Seitdem sah man sie nicht mehr unter den Volksgruppen, noch auf der Rednerbühne, indem ihre politische Ueberspanntheit immer mehr in wirkliche Tollheit ausartete. Sie brachte lange Zeit in einer Irrenanstalt im faubourg St. Marceau zu, bis man sie in die Salpetrière brachte, wo sie noch zwanzig Jahre in gänzlicher Geistesverwirrung und in wahrhaft thierischem Zustande verlebte. Sie gefiel sich nur im Schmutz, und nahm die ekelhafteste Nahrung, die das Thier verachtet, zu sich. Dieses unglückliche, verworfene Geschöpf starb endlich im Jahr 1817.

E. v. E.


http://www.zeno.org/DamenConvLex-1834.

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