Titian, Tiziano Vercelli

Titian, Tiziano Vercelli, der italische Meister im Kolorit, der Oberpriester im heiteren Reiche der Farben, der fast ein Jahrhundert durchlebte als ein feuriger, für die Kunst entzündeter Jüngling, und dessen Werke noch Jahrhunderte nach ihm durchleben werden in herrlicher Jugendfrische: – denn der Stempel der wahren Kunst verleiht ja die ewige Jugend. Geb. 1477 zu Pieve, an der Grenze von Friaul, kam er in seinem zehnten Jahre nach Venedig zu den Malern Gentile und Giovanni Bellini in die Lehre. Schon frühzeitig zu künstlerischer Selbstständigkeit herangereift, machte er sich zuerst durch ein Frescogemälde am Waarenlager von Venedig, die Geschichte der Judith darstellend, bekannt. Schnell verbreitete sich dadurch sein Ruhm, er folgte einem Rufe des Herzogs Alfons I. nach Ferrara, und schloß dort mit Ariosto, dem Sänger des rasenden Roland, ein enges Freundschaftsbündniß. Hier entstand auch sein berühmter Christus mit dem Zinsgroschen, jetzt eine der Hauptzierden der dresdener Galerie. Vater der künstlerischen Portraitmalerei, schätzten es sich die höchsten Personen zur Ehre, von ihm gemalt zu werden. Als Karl V. 1530 zur Krönung nach Bologna kam, ließ er den Meister T. rufen, um von ihm abconterfeiet zu werden, und da T. während des Malens den Pinsel verlor, bückte sich der Kaiser selbst und reichte ihn dem knienden Künstler mit den Worten: Titian ist werth, von Fürsten bedient zu werden! Später ernannte er den Künstler zum Ritter und setzte ihm einen bedeutenden Jahrgehalt aus. Der König von Frankreich, Heinrich II., besuchte ihn selbst in seinem Atelier und lange, obwohl vergebens, bemühte sich der Papst Paul III., ihn von Venedig nach Rom zu ziehen. Viele Künstlergeschlechter zogen in seinem langen Leben an ihm vorüber; viele liebliche Blumen blühten, welkten und starben, alle aber neigten ihr Haupt vor dem gewaltigen Lorbeerbaume, der in stiller Majestät am Lido der adriatischen Königin seine goldgrünen Zweige entfaltete. Hatte man die Kirche von St. Marcus gesehen und den Palast des Dogen, den Rialto und vom himmelhohen Campanile den Untergang der Sonne: – dann war T's Werkstätte der Brennpunkt aller Wißbegierde der Fremden. Venedig blieb immer sein Wohnort, und nur zuweilen unternahm er größere Reisen, wie durch Spanien und Deutschland. Bescheiden und demüthig, wie es des Genius eines christlichen Malers würdig war, ein ritterlicher Bürger und zugleich der liebreichste Lehrer, starb er, 99 Jahr alt, 1576 zu Venedig an der Pest, und wurde trotz dieser ansteckenden Krankheit doch mit allen Ehren bestattet. Unter seinen Hauptwerken in Venedig nennen wir: den Tod Peter's des Märtyrers und die Himmelfahrt Maria's. In Florenz glänzen noch seine zwei Grazien, in Rom die 4 Kirchenväter, in Neapel die große Leda. Im Louvre zu Paris befinden sich 20 Titians, in Wien deren 49, unter ihnen das berühmte Ecce homo, in Dresden 13 mit dem schon erwähnten Christus della moneta. Spanien, wenigstens früher, war sehr reich an Titians. Vorzüglich berühmt ist ein Abendmahl in dem Refectorium des Escurials.

–r.


http://www.zeno.org/DamenConvLex-1834.

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