Tivoli

Tivoli. Zwischen den Vorbergen der langgestreckten Apenninen, in dem vom Teverone durchströmten Paradiese des italienischen Binnenlandes, jenseits der Grenzen der öden Campagna di Roma und von der ewigen Stadt in nordöstlicher Richtung nur 5 deutsche Meilen entfernt, liegt das vielgepriesene T., das alte Tibur der Römer. Hierher eilten die Großen des alten Roms, um sich zu zerstreuen von den Lasten und Mühen des Stadtlebens; hier lebte Mäcen, der mächtige Freund des Augustus und Pfleger der Wissenschaften, seiner glücklichen Muße; hier dichtete Horaz die schönsten Lieder der Liebe und Freundschaft; hier vereinigte Hadrian in neuen Schöpfungen Alles, was er auf seinen langjährigen Fußwanderungen durch das Reich Großes und Schönes gesehen; und hierher wallfahrten noch jetzt die Freunde der Natur und Kunst, um zu lernen und zu genießen. Auf einer bedeutenden Erhöhung des Teveronethales, die von Rom aus den Namen eines Berges verdient, liegt T. mitten unter den Trümmern des alten Tibur, von herrlichen Oel- und Weinpflanzungen, zum Theil auch umgeben von Abhängen, welche – die seltenste Erscheinung in Italien! – mit ewiggrünen Rasenteppichen bedeckt sind. T. selbst mit seinen engen, schmutzigen Straßen und der geringen Bevölkerung von etwa 5900 Ew., entspricht seinem alten Ruhme keineswegs; aber gern vergißt man die ärmliche Gegenwart, bei Betrachtung der großartigen Ruinen und bei dem Anblick der Wunder der Natur, namentlich jener tosenden Wasserstürze des Teverone, welcher, nachdem er reißend schnell von seinem Ursprung auf Neapels Grenze bis T. geeilt, hier in ein enges Felsenbett gezwängt und genöthigt wird, sich 60 Fuß hoch in einen schauerlichen Fessenkessel zu stürzen. Bei diesem gewaltigen Falle löst er sich zum Theil in Nebel auf, oft auch weben die Sonnenstrahlen ihre Regenbogenfarben in den Wasserbogen, daß er über der schauerlichen Untiefe erglänzt wie der Bogen des Friedens. Einige seiner Fluthen aber, als hätten sie den wilden Sprung gescheut, haben sich im Innern der Erde einen dunkeln Weg gesucht und stürzen wildtosend beim Ende des Hauptwasserstrahls aus einer tiefen, dem Neptun geheiligten Grotte in das gemeinsame Becken. Auch die Kunst trug das Ihrige zur Verschönerung des herrlichen Naturschauspieles bei. Durch eine enge Oeffnung auf der linken Seite des Falles ergießt sich nämlich ein silberner Wasserstrahl aus einem Canale, welchen Bernini aus dem Teverone durch die Stadt nach der Villa des Mäcen leitete, und vereinigt sich im tiefen Kessel mit seinen Genossen. Nun eilt der stürmische Teverone wohl auf 1000 Fuß weiter; da öffnet sich wiederum neu ein Thor der Hölle, ein fürchterlicher Schlund, und wiederum stürzt sich der Fluß mit dem Heldenmuthe der Verzweiflung in die gefährliche Tiefe. Aber ruhig, als freue er sich über seine abermalige glückliche Rettung, erscheint er wieder hinter der natürlichen Brücke, welche die Felsen über den Abgrund bilden, dem Ponte di Lupo, und fließt sanft und mild an den Weinbergen vorüber. Unterdeß muß das Wasser des Canals erst die schweren Eisenwerke treiben, die sich jetzt im Raum der alten Villa des Mäcen befinden: dann erst und zwar zum Theil durch die Fenster dieser Villa verlaßt es die düstere Werkstätte und bildet die berühmten Cascadellen, jene kleinen Wasserfälle, Silberstreifen und blendenden Sprühteufelchen, die durch ihren belebenden Thau das Balsamgebüsch und den Rasenteppich der sie umgebenden Fluren tranken. Endlich erreicht der Canal wieder den Teverone, um vereint mit seinem Stammgenossen der Tiber zuzufließen. Zahlreiche Trümmer von Tempeln zieren die ganze Gegend; vorzüglich zeichnet sich der Tempel der Vesta, oder, wie andere wollen, der Tempel der Sibylla durch schönes Ebenmaß und reizende Anmuth aus. Noch setzen die einer Stadt gleichenden Ruinen der Villa Hadrian's in Erstaunen. In ihr drängte, auf einem Raume von drei Stunden im Umfang, der vielgereiste Kaiser des Lyceum, die Akademie,. das Prytaneum und die Pökile von Athen, das Canopus von Aegypten, das Tempethal Thessaliens, drei Theater, eine Palästra, eine Naumachia, eine Bibliothek, Rennbahn, eine Piscina, fünf Tempel, ungeheuere Casernen für die Leibwache und einen prächtigen Palast zusammen. Wie kläglich erscheint dagegen der heutige Bischofsitz T. trotz seiner 24 Pfarr- und Klosterkirchen, seiner Cathedrale und seinem schönen, mit 2 ägyptischen Säulen gezierten Markte! – T's nennt man auch Vergnügensörter mit Gärten, in denen, besonders des Abends, allerhand Lustpartien mit Illumination, Theater im Freien, Seiltanz etc. gegeben werden. Ein Hauptattribut derselben sind die Rutschberge (s. d.). Ein solches T. besitzt jetzt Neapel, Paris, Berlin, Wien, Pesth, Frankfurt etc.

B.


http://www.zeno.org/DamenConvLex-1834.

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