Todtes Meer

Todtes Meer, der grauenhafte Landsee an der Südostgrenze Palästina's, das Meer der Erstarrung mit den faulenden Gewässern, gehüllt in ein Luftmeer salziger Nebel und verpestender Schwefeldämpfe, überzogen von der schwarzen Decke stinkenden Asphalts. In schauerlicher Einöde, östlich von hohen Gebirgen umschlossen, die gleich nackten Riesen ihre fleischlosen Arme zum Himmel emporstrecken, dehnt es in einer Länge von 14½ und einer Breite von 3½ deutschen M. seine verwesenden Glieder aus. So wird Niobe anzuschauen sein, wenn sie einst erwacht aus ihrer Versteinerung und in Thränen zerfließt: dann wird schnell der steinalte Körper, den nur die Erstarrung bewahrte, den Schauern der Verwesung verfallen, und ihre Thränen sich in schwarze Grabesfluthen wandeln. Düsterglühend und unheimlich lugt der falbe Wasserspiegel dem einsamen Wanderer entgegen, wie ein Becken voll verkohlten Blutes der Missethäter und Sünder, wie ein ausgestochenes Auge unter der kahlen Stirn des verdörrten Syriens, wie der Leichnam eines Titanen, der sich in Leichenwasser auflöste im Laufe der Jahrhunderte. Da weht kein lindes Lüftchen; meilenweit wächst kein Grashalm, weilt nichts Lebendiges; da hörst du keinen Laut fröhlichen Daseins, siehst du keinen freundlichen Schatten, kein heiteres Spiel der Farben. Da ertönt in gräßlicher Monotonie nur der Pendelschlag der ablaufenden Stunden dem innern Ohr; nur Salzsäulen steigen auf und nieder, nur Schwefelschnuren säuseln dir mit Grabesstimmen die melancholische Kunde zu: wie hier einst an der Stelle des Sees das liebliche Thal Sidim gewesen und in ihm die Städte Sodom und Gomorra, Adama und Zeboim gestanden, bis der Grimm des Allmächtigen erwacht und unter einem Flammenregen von Naphta die liebliche Gegend versenkt habe. Dann sei der unterirdische See mit seiner Todtenfratze herausgekommen zu Tage und habe für immer seinen Trauermantel über die gerichteten Städte gelegt. Wenn daher das Wasser nicht allzu dicht vom Nebel gegürtet ist und so eine Frage freizustehen scheint, an die Räthsel seiner gräßlichen Tiefen: dann beugt sich mit frommen Schauder der Wanderer über den Abgrund und glaubt noch Sodoms und Gomorra's ragende Thurmspitzen zu sehen, wie Arme, die sich zum Himmel emporstrecken, erbarmenflehend. Unbeweglich und stets die gleiche Wassermasse bergend, erhebt der See sich nur, wenn Orkane saufen, langsam und schwerfällig von seinem Asphaltlager. Viele Bächlein sinken nach kurzer Pilgrimsfahrt in seine ewige Nacht, und auch der Jordan, – ein Bild des Menschenlebens.– fällt seiner tödtlichen Macht anheim. Wie lieblich umflüstern die Balsamhauche des Antilibanon die Wiege des Jordans! Wie heilig rauschen die Wipfel der königlichen Cedern ihm das Lied zu seiner hohen Bestimmung! Und lächelnd springt er in das grüne Thal hinab, sprudelt mit Jünglingskraft über die gedrängen Klippen, wälzt seine geweihten Wasser durch die heiligen Gefilde, benetzt den Fuß des Oelbergs, die Ufer der hochgebauten Kreuzesstadt und die Füße des Johannes, bis es immer einsamer und einsamer um ihn wird, und er verlassen und vergessen in den Abgrund des todten Meeres sinkt. Dann sterben auch alle die Fischlein mit ihm und treiben auf den schwarzen Wellen umher, bis sie verwest sind. – Doch die Industrie des Menschen ringt selbst dem Tode noch nützende Früchte ab. Durch Verdunstenlassen in Gruben gewinnt man aus dem t. M. bedeutendes Salz, und der Asphalt, welchen das Wasser oft in sehr großen Stücken herausspült, wird zum Kalfatern der Schiffe, zum Färben etc. benutzt. – Der alte Name des t. M., den es noch jetzt führt, ist Bahheiret-Lut, d. h. Lot's See, türkisch Ulu Degnizi.


http://www.zeno.org/DamenConvLex-1834.

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