Toledo

Toledo, die Hauptstadt der gleichnamigen Provinz, die alte Hauptstadt der Spanier, welche sich vor allen Städten der Halbinsel im Laufe der Zeit am Wenigsten verändert hat. Auf einem Berge von Granit gebaut, fließt zu ihren Füßen der Tajo; die Häuser reichen bis an den Fluß herab, sind von Backsteinen erbaut und liegen ohne Ordnung und Plan untereinander. Die Straßen beschreiben tausend Krümmungen, wo es unmöglich ist, sich zurecht zu finden. Außerdem werden sie stets von Eseln versperrt, mit denen man sich jeden Augenblick um den Durchgang streiten muß. Da nämlich die Stadt nicht einen einzigen Brunnen besitzt, so muß das Wasser aus dem Tajo herbeigeholt werden; die Esel versehen den Dienst der Wasserträger und tragen dasselbe in irdenen Geschirren, die ihnen auf beiden Seiten hängen, von Haus zu Haus. Die Könige der Straßen sind die Studenten, die in ihrem niedern Hut ohne Aufschlag, der dem Schlapphut eines Harlekins gleicht, und dem schwarzen altväterischen Mantel nach alter Sitte zerlumpt und unreinlich, sich überall herumtreiben. Ein »estudiante,« dessen Hut nicht zerrissen, dessen Mantel nicht zerlumpt ist, ist auch nicht würdig, unter seine gelehrte Brüderschaft aufgenommen zu werden. Sonst kann man nichts Oederes und Traurigeres sehen, als die Straßen von T.; an vielen Häusern findet man grüngemalte Schilder mit der monotonen, melancholischen Grabschrift:... »hier wurde getödtet.... betet für ihn;«... und die einzige Zerstreuung, welche man hat, ist der verstohlene Anblick irgend einer Frau, die sich hinter ihrem mirador verbirgt und deren feuriges Auge träumend in die Oede blickt. Und doch gibt es nichts Romantischeres, als Nachts in diesem unbeleuchteten Häuserlabyrinthe herumzuschwärmen, wo nur hier und da ein trübes Lämpchen in der Nische einer Madonna oder eines Schutzheiligen brennt. Ein solcher nächtlicher Spaziergang versetzt den einsamen Wanderer vollkommen in das Mittelalter; man dringt gleichsam in das innere Leben der Vorzeit ein. Und diese Nacht beginnt zeitig in T.: kaum tritt die Dämmerung ein, so schließen sich alle Thüren wie auf einmal durch Zauberei, denn ein trauriger, grämlicher, ungastfreundlicher Geist waltet über T.; man versammelt sich nie zu irgend einer Lustbarkeit; kaum stattet man von Zeit zu Zeit einen Besuch ab, wobei jedoch immer alle Förmlichkeiten der strengsten Etikette beobachtet werden Auch ist vielleicht T. die unwissendste Stadt in Spanien, was nicht wenig sagen will; und von seiner herrlich mittelalterlichen Industrie in Seidenstoffen, prunkvollen Brocaten und guten Klingen ist bei der Lethargie, in welche die 28,000 Ew. jetzt versunken sind, nur noch der Schatten eines Schattens übrig. Der Erzbischof von T. ist Primas von Spanien und Indien; er ist der unmittelbare Bevollmächtigte des Papstes, und als solcher spielte er früher eine wichtige Rolle in der Geschichte Spaniens. – Doch bei aller dieser Verödung bietet hier nicht nur die Nacht, sondern auch der Tag der romantischen Täuschungen viele; T. verdankt seiner Lage einen unerschöpflichen Reichthum von An- und Aussichten. Zwar sieht man keinen frischen, grünenden Teppich, mit Ausnahme einiger Plätzchen um die Villas, hier Cigarralas genannt; alles übrige ist trocken, nackt und baumlos. Aber bald fällt das Auge auf den Tajo, welcher sich in grünlichen Krümmungen durch die Berge hinschlängelt; bald sieht man die unzähligen Thürme der Stadt; bald weilt das Auge auf einer seltsam geformten Felsenkuppe oder auf einer stillen, verlassenen Schlucht. Den schönsten Ueberblick gewährt die auf der höchsten Stelle der Stadt erbaute, alte Königsburg der Mauren, der Alcazar, ein großartiges, obgleich halb zerstörtes Gebäude mit einer herrlichen Säulenhalle und Treppe. Ein majestätischer Tempel, im reinsten gothischen Geschmacke erbaut, ist die Hauptkirche und voll der kostbarsten Seltenheiten, die jedoch nun in Folge des neuen Gesetzes dem Staate anheimfallen. In ihr wird die Morgenmesse mit einem Luxus gefeiert, der der Herrlichkeit des Ortes entspricht. Abends aber, wenn die letzten Strahlen der scheidenden Sonne auf die Kirchenfenster fallen, da sammeln sich die Frommen und Gebeugten, um im Stillen ihr Gebet zu verrichten; da knien einzelne Frauen im Schatten der abgelegensten Altäre, in ihre Mantillen gehüllt, die ihren geheimen Kummer, ihre stillen Thränen vor Gott ausschütten; ein weißgekleideter Sakristan verliert sich wie ein Schatten hinter den Pfeilern; ein junges Mädchen schluchzt am Fuße einer dunkeln Nische..... – Der Platz der Cathedrale wird auf der einen Seite durch das Rathhaus, Casa del Ayuntamiento, eingeschlossen, ein mit leichten Säulen und eleganten Arkaden geschmücktes Gebäude, das in seiner übereinstimmenden Anmuth an die letzten schönen Tage der spanischen Baukunst erinnert. Doch bei allen diesen einzelnen Glanzpunkten ist T. doch nur eine mittelalterliche Ruine, die erst zu neuem Leben wieder auferstehen muß.

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http://www.zeno.org/DamenConvLex-1834.

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