Toscana

Toscana, das Großherzogthum. Der Garten Italiens, wie man dieses Land mit Recht nennt, wird im Süden und Südwesten von den Perlenschnüren des tyrrhenischen Meeres umschlungen, während es im Westen an Lucca und Modena, und nördlich, östlich und südöstlich an Roms Delegationen grenzt. Getrennt von dem Mutterstaate zwischen Lucca, Modena, Parma und Genua liegen gleich einsamen, doch darum nicht minder blühenden Kindern, die Parzellen Pietra Santa, Pontremoli, Fivizano und Barga. Noch schmückt das goldgeringelte Haupt der reizenden toscanischen Fee ein schimmerndes Korallenstirnband von tyrrhenischen Eilanden, deren smaragdene Agraffe die Insel Elba ist. Gleich einem breiten, silbergrauen Schlachtschwerte, das aber keinen Funken mehr gibt, lagert sich quer über das Land der Apennin mit seinem Höhenkamme von ausgebrannten Vulcanen. 4178 F. über den Spiegel des Oceans erhebt sich seine äußerste Spitze, der Boscotengo. Hier auf diesen Felsengebieten, welche den dritten Theil des ganzen Großherzogthums bedecken, feiert der Winter fast drei Viertel des Jahres hindurch seine selbstsüchtigen Triumphe; während der liebende Frühling im Gewande der ewigen Jugend über das reizende Thal des Arno gleitet, während der ferntreffende Apollo als unheimlicher Gott mit seinen verpestenden Pfeilen über den Maremmen von Siena weilt. – Des Apennins lieblichstes Kind ist der Arno; mit seinem Schellengeläut von silbernen Perlen tanzt er fröhlich durch den oberitalischen Maskensaal mit seinen Frühlings- und Sommerlarven, schließt lustig Freundschaft mit der Chiana, Ambra, Sieve, Sterzala, Cecinella etc., beugt endlich bei Florenz den kindisch trotzigen Nacken Barken und kleineren Schiffen; und vereint sich unweit Pisa mit seinem alten Wolkenvater, dem Ocean. Gleich goldenen Idyllen ziehen sich an seinen Ufern die Thäler hin; Dithyramben ertönen aus den Wein- und Olivengärten, Madrigale und Canzonen aus den lorbeerumrankten Villen, Hymnen von Sonnenschein und ewiger Bläue herab vom Zenith; und ein Reigen von blendend weiß gekleideten Landmädchen mit seidenen Leibchen und blumenbekränzten Strohhüten vollendet das magische Gemälde von Arno-Arkadien. Unweit Siena entsäuselt dem krystallenen Gefängnisse der Ombrone, durchströmt als einzige Lebensader den Leichnam der Maremma und ergießt sich unweit des Lago di Castiglione in das Mittelmeer. Auch die Tiber ist ein Sprößling der toscanischen Erde; doch nur wenige Augenblicke verweilt sie auf dem fremden Gebiete, von Sehnsucht getrieben nach der ewigen Stadt. Dabei durchziehen hundert Canäle das glückliche Land, um es zu erquicken oder auch um den allzureichen Segen des Gottes Pluvius abzuleiten. Konnte Hygieia es verschmähen, hier ihre Quellen zu eröffnen? Stolz wölben sich ihre Tempel zu Pisa, San Miniato, Monte Spertoli, St. Michele und della Perta. Ceres goldene Sterne durchwirken die reichen Ebenen; von Weinstöcken und Pappeln umsäumt, mit silbernen Gräben umgürtet, erblühen einzeln die Felder und einen sich zum bunten Fächer in Pomona's Hand. Und Alles opfert auf des Ueberflusses Altar: der Gott der Gärten bringt sein saftiges Obst, seine aromatischen Kräuter und jene Wassermelonen, die, obwohl die Lieblingskinder des Sommers, doch mit ihrer süßen Kühle den Winter auf die Lippen zaubern, den Winter, der statt des Schnees in Zuckerstaub gehüllt ist. Auf den terrassirten Hügeln siedet Dionysos seine purpurnen Träume; hier erglüht der Vino aleatico oder rothe Muskat von Monte pulciano; hier der Vino di Chianti in der Gegend von Florenz, der Vino di Carmignano bei Cajano, und die Muskatweine von Monte Catini im Thal von Nievole und von Ponte a Moriano an der Grenze von Lucca. Am Saume des dunkelblauen Horizonts hin ziehen sich gleich lustigen Reigen der Hoffnung die grünen, vom Zephyr umgaukelten Kastanienwälder, und wie schüchterne Mädchen, die halb die Augen verhüllen mit den Händen und doch freundlich hindurchblicken zum Geliebten empor, so schauen zahlreiche Dörfer, halbverborgen unter Weinlauben und Oelbaumgruppen, zum Sonnenlicht hinauf Die spröden Gäste des Nordens, die er nur durch die sorgsamste Pflege zu fesseln vermag, wie die Narcissen, Hyacinthen, Anemonen etc. zeigen sich unter diesem glücklichen Himmel selbst im Winter auf den Wiesen und tanzen der ernsten Eismajestät zum Trotz ihren Frühlingsringeltanz. Der Oelbaum, obwohl hier nicht so freigebig wie in Genua, beut doch liebend viel' der schönsten Früchte dar. – Geringer ist T's animalischer Reichthum; doch gelten die toscanischen Esel für die schönsten und kräftigsten von ganz Italien. Ziegen gibt es in großer Menge; aus ihrer Milch bereitet man den Marzolino- und Ricottakäse. Außerordentlich groß ist die Menge der Tauben auf den Villen und Bauerhöfen. Im Mineralreiche ist besonders der Marmor zu bemerken, vorzüglich der grüne Marmor bei Campiglia, der rothe und gestreifte von Stazemna und der marmo giallo und marmo broccatello von Siena. – Der Haupterwerbszweig des Landes ist die Strohflechterei (s. Stroh); doch auch die Seidenweberei, die Manufacturen in Leinwand, Damast, wollenen Tüchern und Teppichen sind nicht unbedeutend. Vortreffliches liefern die Florentiner in Marmor, Alabaster, Mosaik, Korallen etc. – Die Toscaner, Abkömmlinge der alten Etrusker, 1,500,000 an der Zahl, sind sämmtlich römisch-katholischer Religion, und zeichnen sich durch Bildung, Fleiß, Höflichkeit und ihr mehr freundliches und wohlwollendes Gemüth vor allen übrigen Italienern vortheilhaft aus. Musik und Dichtkunst ist ihr Element; daher gerade unter ihnen nicht selten vortreffliche Improvisatoren. Zugleich gilt ihre Mundart für die beste und reinste der ital. Sprache. Die Töchter des alttoscanischen Adels werden noch ganz jung in ein Kloster geschickt, wo sie bleiben, bis sich ein angemessener Freier für sie findet. Unverheirathete Frauenzimmer sieht man nie in den Gesellschaften: desto zwangloser leben sie nach ihrer Verheirathung; dann weicht der Cavaliere servente nicht von ihrer Seite und sie leben selbst auf Kosten der Eitelkeit und Toilette ganz senza suggezione, sans gêne. Die gewöhnliche Damenkleidung ist schwarz. Der interessanteste Bewohner T's ist jedoch der Landmann. Einfach, offen, freimüthig und betriebsam ist er das verwirklichte Ideal von einem italienischen Compagnnolo. Vorzüglich reizend ist die weibliche Tracht auf dem Lande. Frauen wie Mädchen tragen gewöhnlich ein Mieder ohne Aermel: bloß der obere Theil der Arme ist mit einem Hemdärmel bedeckt, den sie mit rothen Bändchen binden. Dieses Mieder, welches vorn und hinten geschnürt wird, so wie auch der Rock, sind gewöhnlich scharlachroth; und ein zierliches Schürzchen darüber vollendet den arkadischen Anzug. Ein artiger kleiner Strohhut bedeckt an Feiertagen das mit Blumen geschmückte, sorgfältig geordnete Haar; für gewöhnlich tragen sie letzteres in einem seidenen Netze. – Sehr unterhaltend ist auch die Geschichte T's. Lange vor der Gründung der ewigen Stadt blühten hier die Etrusker und Tyrrhener, Roms Lehrer in Kunst und Wissenschaft, unter der Sonne der Humanität. Als der röm. Adlerhorst von den Barbaren heimgesucht wurde und der kaiserliche Aar in die Banden der Sclaverei fiel, wurde das goldene Tuscerland zu Eris' goldenem Apfel zwischen Ostgothen, Griechen und Longobarden, Letztere erhoben es unter dem Namen Toscana zu einem Herzogthume. Später faßte Karl der Große den italischen Diamant in seinen fränkischen Königreif: eigene Markgrafen verwalteten das Land als seine Vasallen. Karl's schwache Nachfolger trugen die Schuld, daß diese Markgrafen sich selbstständiger machten, und in dessen Folge der tyrrhenische Garten vom Kaiser Friedrich I. erst neu erworben werden mußte. Doch nicht lange blieb die Perle im Schatze der Hohenstaufen; wie andere lombardische Städte rissen sich auch Florenz und Siena vom röm. Reiche los und gründeten sich den eigenen Heerd. Nur Schade um die Freiheit, daß ihr bald die Parteisucht ihre Schlingen stellte. Fast drei Jahrhunderte lang wüthete der Bürgerkrieg in T.; von Blut färbten sich die goldenen Hügel, und seinen bleichen Nachtschatten warf der Kampf der Guelfen und Gibellinen auch in das sonnendurchwirkte Arnothal. Ein stolzes Kauffahrteischiff nahm endlich die lecke Staatsbrigg an ihr rettendes Schlepptau: 1434 ergriff die Familie der Medici das Scepter über Florenz. Fünf und dreißig Jahre später erhob Cosmus I. das Land zu einem Großherzogthum. Beinahe zwei Jahrhunderte hindurch wehte die stolze Mediceerflagge vom Thurme Pitti, bis nach dem Aussterben dieser Herrscherfamilie T. (1737) an den Herzog Franz von Lothringen fiel. Nach der franz. Revolution wurde das Großherzogthum in ein Königreich Hetrurien verwandelt, und als solches nacheinander von den beiden Frauen Maria Luise und Napoleon's Schwester Elisa (s. d.) beherrscht; 1814 aber kehrte die alte Herrscherfamilie an die geliebten Ufer des Arno zurück – Die vorzüglichsten Städte dieses, fast 400 Quadrat M. umfassenden, Großherzogthums sind außer der Hauptstadt Florenz (s. d.): Pisa (s. d.), Livorno (s. d.) und Siena (s. d.).

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http://www.zeno.org/DamenConvLex-1834.

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