Tunis

Tunis, einst eine phönizische Pflanzstadt, jetzt die Hauptstadt des muhammedanischen Staates gl. N., der sich mit einem Flächenraume von 3400 Quadrat M. längs des atlantischen Meeres zwischen Algier (s. d.) und Tripolis (s. d.) wie ein smaragdgrüner Mantel ausbreitet, durchhaucht von den lieblichsten Aromen. Gleich zwei Hühnenwächtern ragen hier die Vorgebirge Serrat und Bon, Afrika's nördlichste Spitzen, in das Meer hinein. Eine fortlaufende Felsenwand bilden die Küsten, und auf vielen Punkten, namentlich zwischen Quekines und Garba, drohen verborgene Klippen dem Schiffe Untergang, als hätten hier die Steinriesen eine heiße Schlacht geschlagen in der grauen Vorzeit, und die Leichname der Gefallenen in die Tiefe des Oceans gestürzt. Stolz und gewaltig rauscht der Nil von T., der Metscherda, durch die fruchtbaren Auen. Lustig und heiter weht der Aeolus über das von den östlichsten Zweigen des Atlas durchzogene Land, und die überreiche Pflanzenwelt durchwürzt ihn mit den aromatischesten Wohlgerüchen. Alle Producte von Algier liefert auch T., und wie einst im Alterthume, versorgt es auch jetzt noch Italien und andere Länder mit herrlichen Pferden, Datteln und vorzüglichem Getreide. Die Volksmenge mag sich auf ungefähr 3 Mill. belaufen, und ist in Allem der Bevölkerung von Algier vollkommen ähnlich. Eigentlich ist T. ein Tributstaat der Pforte, doch nur dem Namen nach, denn als in neuester Zeit die Türken Anstalt machten, T. wie schon Tripolis ihrer unbedingten Macht zu unterwerfen, breitete Frankreichs Adle an der Küste seine ehernen Schwingen aus, daß der Halbmond erbleichte vor der afrikanischen Sonne. Ein Bei aus dem Hause Morat steht nach dem Rechte der Erbfolge an der Spitze des Staates. Gefallen sind jetzt die Ketten der Christensclaverei; keine modernen Bukanier durchkreuzen mehr beutegierig den Ocean; lächelnd schaut nun Cervantes (s. d.), der so lange in der afrikanischen Gefangenschaft schmachtende Dichter, hernieder auf das glücklichere Land, das jedoch noch weit entfernt ist von wahrer Geistesbildung und echter Industrie. Die Hafen sind versandet; nimmer kehren Karthago's (s. d.) Flotten wieder. Außer der Oelbereitung und der Siedung von schwarzer Seife sind die wichtigsten Industriezweige die Fabrikation tunesischer Mützen, seidener und wollener Zeuge, von trefflichem Leder, Teppichen, Stickereien und seiner Leinwand. Starker Handel wird mit Tombuktu getrieben, sowie mit den europ. Staaten. – Auf einem Kreideberge, 12 Stunden vom Meere entfernt, am seichten tuniser See, Boghaz genannt, erhebt sich die Hauptstadt T. mit ihren 3..0 Moscheen, 135.000 Ew. und dem großen Schlosse des Bei. Längs der Ufer des tuniser Sees gelangt man in Tunis' Hafen Goletta mit dem Fort gl. N. im Golf von T. Der See selbst ist durch einen Canal mit dem Meere verbunden, so daß flache Schiffe die Waaren bis an die Stadt T. führen können. Rechts von diesem Hafen erhebt sich das merkwürdige Kap Karthagine, wo der Hauch der Vernichtung den denkenden Wanderer durchrieselt, wenn er die Todtenstille durchschreitet von Altkarthago. Nördlicher, bei dem Hafenort Mersa, liegen die Trümmer der röm. Kolonie Neukarthago; und an dem östlichen Ufer des Medscherdestromes, wo er sich in das Meer ergießt, sieht man einen ungeheuren Steinhaufen, der als Steinbruch benutzt wird – die Ruinen von Utica, wo der felsenfeste Cato seine große, tugendhafte Seele aushauchte! Ueberhaupt ist die ganze Gegend mit Ruinen, röm. Villen, Landhäusern und Städten bedeckt; ja, dieß gilt vom ganzen Lande; denn fast jeder Fußtritt führt zu den Ueberresten vergangener Herrlichkeit, jeder Stein predigt laut, daß man sich auf dem klassischen Boden der Kultur und Menschengeschichte befindet. – Die übrigen Hauptorte sind Gabes mit 30,000 Ew., Sfar, Monastir, Toser etc.

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http://www.zeno.org/DamenConvLex-1834.

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