Ungarn

Ungarn. Es ist ein seltsames Weib, die Donau, – aber ein königliches Weib mit königlichen Launen! Unter allen Flüssen Europa's behält sie allein stets ihren jugendlichen Charakter bei, der oft sogar zur excentrischen Unart wird. Bald groß, bald klein, bald eng und tief, dann wieder seicht und breit, stürzt sie sich nach U.; hier brausend über spitzige Klippen, treibt ihre Wasser gegen die Felsen und spritzt ihren Schaum spottend nach den Spitzen der durchbrochenen Berge, bohrt sich dort mit ihren Wirbeln tief in's Herz der Muttererde ein, wirft dann zürnend wieder ihre Wogen auf und trotzt endlich, weil sie keinen Ausweg gefunden. Der Donau gleicht U's kampfreiche Geschichte. Kriegslustig in stolzer Jugendkraft, doch ohne die wahre Ruhe innerlichen Gestaltens, braust durch die Jahrhunderte der ungrische Völkerstrom Unter jenem wilden Schwarme asiatischer Völker, welcher zur Zeit der Völkerwanderung sich aus dem Innern von Asien nach Europa drängte und gedrängt wurde, befanden sich auch die Magyaren oder Ungarn, – damals noch ein kleiner, unberühmter Volksstamm, in dessen Adern aber heißes Kriegerblut rollte, nach Waffen verlangend und Rossen. Im J. 894 kamen sie in das heutige U., und in wenigen Jahren hatte Herzog Arpad die hier ansässigen Völkerschaften besiegt und unterjocht. Kaum aber war die siegestrunkene Schar selbst dem heimathlosen Umherirren entgangen, als sie auch schon von der neuen Heimath aus wieder auf neue abenteuerliche Auszüge dachte. Wie Centauren, Roß und Mann eins, fielen sie räuberisch in die benachbarten Länder ein; gleich Wetterschlägen drangen sie in die nördlichen Gauen vor, und wurden unter dem Namen der Hunnen für ganz Deutschland ein geflügeltes Schrecken. Erst Heinrich I. gelang es, ihnen (934 bei Merseburg) eine Niederlage beizubringen; bald darauf wurden sie auch von den Franken und Sachsen besiegt, und endlich im J. 955 für immer aus den deutschen Gefilden zurückgedrängt nach jener Riesenschlacht am Lech, die Otto I., König der Deutschen, schlug. Glück genug für das wüste U »daß einsichtvolle Regenten, wie die Herzöge Taksony und Geysa, mit Ernst daran dachten, auf Bellona's Thron zugleich die Ceres zu erheben. Namentlich wurde es nach des Letztern Uebertritt zum Christenthum im Lande sabbathstiller; seine liebliche Gemahlin, Sarolta, war es vor allen, welche, wie Olga in Rußland, mit liebender Hand die Segnungen des Friedens verbreitete; und was beide nicht vermochten zur Zeit der noch ungereiften Saat, führte näher zum schönen Ziele ihr Sohn Stephan, welcher zuerst den Titel eines apostolischen Königs annahm. Doch fehlte noch viel, um sagen zu können: die Sonne der Civilisation sei über die Südländer der Donau aufgegangen; noch lange Zeit breitete Asiens barbarische Nacht ihre dunkeln Schwingen über Pannonien aus; und eine Frau sollte es abermals sein, welche ein kurzes Lächeln der Morgenröthe auf das Land zauberte. Margarethe, eine Schwester des Königs Heinrich von Frankreich und Witwe des Königs Heinrich von England, vermählte sich mit dem Könige Bela III. (1186) und verbreitete zuerst am ungar. Hofe französische Eleganz. Die obern Stände der Nation wurden für feinere Genüsse empfänglich und viele Söhne des Adels reisten nach Frankreichs Hauptstadt, um sich hier zu Jüngern der lächelnden Weisheit umzubilden. Aber nur zu bald sollte der Samum der Wüste diese zarten Blüthen wieder versengen. Mörderisch brachen die Mongolen (1241) ein; schwache Fürsten, wie Andreas II. und III., gaben die Nation allen Zerwürfnissen Preis, und nicht eher wurde es wieder lichter in dieser Erisnacht, als bis nach dem Aussterben des Arpad'schen Mannsstammes mit Karl I. (1301) das Haus Anjou den Thron bestieg. Doch nie sollte sich der Staat ruhig in sich selbst gestalten können. An die Stelle der Mongolen traten nun die Türken; U. bildete die Vormauer Europa's gegen die Ungläubigen; unsterblich glänzt Johannes Hunyad als Osmanensieger. Als daher nach König Ladislaus' Falle bei Varna (1444) Johannes Sohn, Matthias Corvinus, von den Ständen zum König erwählt worden war, pries, eingedenk der Heldenthaten seines Vaters, die ganze Nation laut diese Wahl als die glücklichste. In der That war Matthias ein großer König; Feldherr, Diplomat und Vater des Vaterlandes zugleich, war die äußere wie innere Größe seines Reichs sein stetes Augenmerk; und noch jetzt sagt ein ungarisches Sprichwort in stiller Wehmuth: »König Matthias ist todt; mit ihm die Gerechtigkeit dahin!« Traurig genug, daß unter seinen schwächern Nachfolgern durch bürgerliche Unruhen, Religions- und Wahlstreitigkeiten, fremde Einflüsse aller Art und die ewigen Angriffe der Türken das Land immer wieder auf's Neue der Anarchie verfiel. Zum Glück ergriff endlich das Haus Oestreich die Herrscherzügel; auf dem Landtage zu Preßburg (1687) wurde das unglückselige Wahlrecht der ungar. Stände für immer aufgehoben, und Eugen's denkwürdiger Sieg bei Zentha über die Türken (11. Sept. 1697)sicherte endlich Oestreich den ruhigen Besitz von ganz Ungarn. Mit dem Laufe der Donau verglichen wir U's Geschichte; auch seine Zukunft wird der ihrigen gleichen. Gesprengt sind ihre gedrangen Felsen; sicher und ruhig gleiten die Schiffe über ihre Wogen. So verfließen jetzt still, aber segensreich, die Stunden; still reist U. der schönern Zeit entgegen; und wie die Donau sich in 7 Armen in den Ocean ergießt, wird das Magyarenreich einst mit nur einem, aber sicher mächtigen, Arme eingreifen in die Oceanwogen der Weltgeschichte! – Die ungarischen Staaten, Ober- und Niederungarn, Kroatien (s. d.), Slavonien (s. d.) mit der Militärgrenze, Siebenbürgen (s. d.) und Dalmatien (s. d.) in sich begreifend, liegen zwischen den deutsch-östreichischen Provinzen und der Türkei mitten inne. Das eigentliche Königreich U. (3830 Quadrat M. mit 9½ Mill. Ew.), mit dem wir es hier nur zu thun haben, zerfällt in das westliche oder Nieder-, und in das östliche oder Oberungarn, und wird in 4 Kreise mit 46 Comitaten oder Gespannschaften getheilt. Einen großen Theil des Landes bedecken ungeheuere Gebirgsmassen, zwischen welchen gegen die Mitte und gegen Süden zu weitläufige Ebenen eingeschlossen sind; darum ist auch das Klima im Verhältniß zu anderen Ländern gleichen Breitengrades ungleich kälter. Das wegen seiner reichen Metallgänge wohl, als wegen der merkwürdigen Grotten, Höhlen und unterirdischen Gänge die sich in seinem Innern befinden, so merkwürdige Gebirge der Karpathen (s. d.) schließt ganz U. gegen Norden ein. trennt es hier von Schlesien und Galizien, durchzieht ganz Siebenbürgen und endet sich in U. an der Donau in dem sogenannten Banate. Mitten aus ihnen erhebt sich das Hochland des Tatragebirges mit der 8300 F. hohen Lomnitzer Spitze. Im Süden des Tatra zieht sich das ungarische Erzgebirge bis zur Theiß und Donau herab: am östlichen Fuße des letzteren breiten sich die lieblichen Tokaierhügel aus; und zwischen Steiermark, der Donau und Drau lagern wie die versteinerten Ueberreste einer Riesenschlacht die steilen und meist zerstreut liegenden cetzischen Gebirge. In U's Hauptstrom, die Donau, welche in ihrem Wirbellaufe zahlreiche liebliche Inseln bildet, ergießen sich von Norden her die March (Morava) und die wildstrudelnde Waag, von Süden und Westen die Raab, die Drau mit der Mur und die Sau mit der Kulpa und Unna; ganz im Süden aber vereint sich mit ihr der Temes und die stolze Theiß. Dabei schlagen hundert liebliche Seen ihre freundlichen Sterne zum Tageslicht empor: wie der 7 M. lange, salzhaltige Neusiedler, der mit beweglichem Rasen bedeckte Hansag, der unruhige, fischreiche, 10 M. lange Plattensee; und die Fruchtbarkeit des Bodens ist in den meisten Gegenden, mit Ausnahme der Hochgebirge und Pußten (Steppen), so groß, daß man U. mit Recht das europäische Canaan genannt hat. Allein während in jenen, namentlich in den Steppen (wo kein Strauch, kein Baum, Bach oder Fels das ungemessene Haidemeer unterbricht, und die Luft, erzürnt, daß sie nichts zu kühlen oder zu küssen finde, zum Sturme wird, der nur Sand und Staub aus dem versengten Grase emporjagt), die Natur ihre Hilfe versagte, läßt es wiederum in den fetten Districten der Mensch fehlen an der nachhelfenden Kunst. Doch baut man Getreide, besonders Weizen, im Norden auch Buchweizen und Kartoffeln, und in verschiedenen Provinzen herrliches Obst aller Art, Flachs, Hanf, Krapp, Waid, Safran, Hopfen, Tabak und Wein (beide letztere als Hauptproducte) in großer Menge und Güte. Holz liefern die Gebirge. Ueberaus wichtig ist die Viehzucht: gesucht sind U's schöne Rinder, die kleinen, aber schnellen und ausdauernden Pferde, die Schafe mit geraden Hörnern und herabhängender Wolle, und die in den Wäldern sich mästenden Schweine. Hierzu kommt noch eine unglaubliche Menge wilden und zahmen Geflügels, Wild aller Art (in den Gebirgen auch Gemsen, Bären, Wölfe, Luchse), Fische, namentlich herrliche Karpfen und Lachse, in Menge, Schildkröten in den Seen, das Gold des Erzgebirges, der ansehnliche Silber- und Kupferertrag, die vielen Gruben auf Blei, Eisen, Arsenik, Kobalt, Quecksilber, Braunstein, Steinkohlen etc., das Koch-, Stein- und Glaubersalz, die Mineralquellen, Marmor, Bernstein, die Edel- und Halbedelsteine.... So unendlich ist der Reichthum des Landes, während die Industrie noch ganz in der Kindheit liegt. – Die Einwohner sind theils eigentliche Ungarn, Magyaren, theils Slaven (wie die Slowaken, Ruthenen, Wenden, Kroaten, Slavonier, Serbler, Bulgaren), Deutsche, Walachen, Griechen, Armenier, Juden und Zigeuner. Weit in der Volkskultur zurückstehend, gibt es in manchen Gegenden Ungarns noch halbwilde Hirten, und in dem südöstlichen Gebirge eine Menge von Räubern. Die Magyaren, mit denen wir es hier vorzugsweise zu thun haben, zählen gegen 4 Millionen Köpfe, beschäftigen sich besonders mit Ackerbau und Viehzucht, wohnen größtentheils in Ebenen, jedoch nirgends unvermischt; selten in den Städten weilend, sind nur die beiden Städte Debreczin und Szathmar Nemethi ausnahmsweise von lauter Magyaren bewohnt. Ihre Sprache hat unter den Sprachen des christl. Europa's die Spuren ihrer asiatischen Abkunft am treuesten bewahrt. Im hohen Grade vereinigt sie Wohllaut und Kraft, Reichthum und Bildsamkeit. Einsichtsvolle Reisende rühmen an dem eigentlichen Ungar eine schlanke, große Gestalt, schöne Körperhaltung, Behendigkeit, Leichtigkeit, und eine Anmuth der Bewegung, wie sie nur wenigen Völkern eigen ist. Dabei sei er äußerst gerade solid, aufrichtig, gastfrei, gefällig gegen den Fremden, und zugleich so stolz, wie es seine hohe Nationaleitelkeit erwarten lasse, vereinige sich in ihm Biederkeit und Herzlichkeit mit südasiatischer Kraft und Gluth, so daß selbst eine gewisse Unbeständigkeit, die er mit dem Franzosen theile, ihn nur liebenswürdiger mache. Bekannt ist das herrliche Costüme des ungrischen Edelmanns, vielleicht das schönste in Europa, – die herrliche, knapp anliegende, halb kriegerische Kleidung, welche die schönen Körperformen als schönste und passendste Draperie umhüllt. Der gemeine Magyar, welcher selbst sehr wohlgenährt aussieht, liebt auch fette Frauen; in der That sind auch die meisten Mädchen und Frauen dieser Klasse mit einem ziemlichen Embonpoint ausgestattet. Bei den höheren Ständen ist das weibliche Geschlecht mit allen weiblichen Reizen geschmückt. Vorzüglich können die pesther Frauen im Allgemeinen schön genannt werden. Zwar ist ein dunkles Kolorit vorherrschend, aber schöne Augen, ein griechisches Profil und besonders eine üppige Gestalt sieht man sehr häufig; dazu kommt ein feuriger Ausdruck und viel Natürlichkeit in Haltung und Wesen. Die Landestracht thut dabei das Ihrige, die Reize der Natur noch zu erhöhen, indem sie alles in sich vereinigt, was der reine, gute Geschmack billigen muß; und nicht ohne den gefälligsten Eindruck der Würde und Anmuth kann man die Frauen sehen, wenn der sittsame Schleier, das Häuslichkeit bezeichnende, anmuthige Schürzchen sich so schön zur Pracht und kostbarem Schmucke gesellt.

B.


http://www.zeno.org/DamenConvLex-1834.

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