Unsterblichkeit

Unsterblichkeit.

Eil', o eile mich emporzuflügeln

Wo sich unter mir die Welten dreh'n,

Wo im Lebensquell sich Palmen spiegeln,

Wo die Liebenden sich wiedersehn.

Sklavenketten sind der Erde Leiden,

Oefters ach, zerreißt sie nur der Tod!

Blumenkränzen gleichen ihre Freuden,

Die ein Westhauch zu entblättern droht!

Seitdem die Erde Geschöpfe ernährt, welche sich selbst zum Spiegelbilde ihrer Betrachtung erheben können, ist jene Fortdauer ihrer geistigen Persönlichkeit mit Bewußtsein und Willen, die wir U. nennen, stets der heiligste Wunsch der gesammten Menschheit gewesen. Vergebens suchen wir dafür einen Beweis mit unserm Verstand; überzeugender als alle Gründe spricht die innere, angeborene Stimme zu uns, daß wir zu etwas Besserem geboren; und gern beruhigt sich der gläubige Christ bei den Worten seines göttlichen Erlösers: »In meines Vaters Hause sind viel Wohnungen!« – Verschieden sind die Annahmen und religiösen Glaubenslehren der Völker über den Zustand nach dem Tode. Die indischen Religionen zeichnen sich durch ihre Theorien der Seelenwanderung (s. d.) aus. Der Orient gefällt sich vornehmlich in phantastischer Ausschmückung der Belohnungs- und Straforte. Bei den Buddhaisten (s. Buddha) ist das Reich der Seligen (Tanghri) in drei Welten mit verschiedenen Unterregionen getheilt; schauerlich bunt ist das Gemälde vom Fegefeuer (Birid) und der Hölle (Tamu). Die Chinesen versetzen das Paradies auf den Gipfel des Himmelsberges (Tienschan), wo liebliche Zephyre unablässig die herrlichen Bäume (Tong) sanft bewegen und die Quelle der Unsterblichkeit vier Flüsse entsendet. Die Anhänger der Lehre des Confucius unter den Chinesen glauben dagegen an gar keine Fortdauer. Sonderbarer Weise glauben die Birmanen, daß nach dem Tode die Bösen in der Hölle mit Mühlsteinen zerquetscht und dann als Lampendocht verbrannt würden. Die Siamesen haben 24 Himmel- und 8 Höllenabtheilungen. Nach der Meinung der Parsen wurde über die Seele drei Tage nach der irdischen Auflösung auf dem Gipfel des Albordje Gericht gesprochen: die Seele der Frommen ging dann über die Brücke Tschinewad in den Gorodman, das von Ormuzd erbaute Gewölbe der Seligen, ein; die des Bösen dagegen stürzte in den unter Gorodman befindlichen Duzahk, Ahriman's finsteren Wohnplatz. Am Tage des großen Gerichts, – so lehrt Muhammed (s. d.), – müssen die Auferstandenen über die schmale Brücke Sirath zur Gerichtsstätte gehen; die Gläubigen, sowie auch die Guten von anderer Religion, gelangen sodann schnell in das herrlich ausgeschmückte Paradies, Gennah al Jannat, mit seinen köstlichen Houris und dem stolzen Tuba (Baum der Glückseligk. Alle Schrecken vereinigt dagegen die Hölle (Gehennem), wo der gräßliche Baum Zakum emporstarrt, der statt der Früchte Teufelsköpfe trägt. In Altägypten hielt man das Fortdauern der Seele an das des Körpers gebunden, daher man die Leichname mumisirte; einige Secten nahmen für die abgeschiedenen Seelen einen von Wölfen bewachten Aufenthaltsort unter der Erde an, welchen Isis und Osiris beherrschten; außerdem werden auch noch Auen der Seligen bei Memphis, und Inseln der Seligen in der libyschen Wüste erwähnt. Ueber die Ansichten der Griechen welche mit einigen nationalen Veränderungen auch auf die Römer übergingen, findet man das Hauptsächlichste unter Hades, Elysium, Tartarus. Die Unterwelt der alten Hebräer hieß Scheol, – ein finsterer, trauriger Ort, in welchem die Seelen als Schatten in einem todähnlichen Schlummer freudenlos fortlebten. Später verbreiteten sich jedoch viele andere Ansichten in Palästina. So leugneten die Sadducäer ein vom Körper getrenntes Fortbestehen der Seele durch sich gänzlich. Die Pharisäer nahmen eine Auferweckung des Geistes und zugleich eine des Körpers an, und dachten sich unter dem Scheol einen gemeinschaftlichen Ort des Mittelzustandes mit 2 getrennten Abtheilungen für die Guten und Bösen. Dem Glauben der Essäer zufolge gelangte die Seele sofort nach dem Tode entweder in den Himmel oder in die Hölle; letztere, die Gehenna (s. d.), befand sich im Mittelpunkt der Erde. Bei den altnoxdischen Völkern (s. Mythologie) wurde der Ort der Seligen Walhalla (s. d) genannt: Meuchelmörder, Ehebrecher und Meineidige kamen nach Naströnd, einem gräßlichen Orte in der Unterwelt Niflheim (s. d.); für gewöhnliche Todte aber war nach einer späteren Mythe auch Hela's (s. d.) Reich bestimmt. Die heidnischen Lappen denken sich das Todtenland (Jabma Aima oder Saivo Aimo) unter der Erde; hier sieht man sich wieder, raucht Tabak, trinkt Branntwein etc. Die Mexicaner hielten nächst den Menschen- auch die Thierseelen für unsterblich; die Seelen der im Kampfe gebliebenen Krieger lebten nach ihrer Meinung ein ewig seliges Leben im Hause der Sonne, durften jedoch alle vier Jahre zur Erde zurückkehren und hier Vögeln schöne Federn und liebliche Stimmen verleihen. Nach dem Glauben der Grönländer kommen die Seelen aller Abgeschiedenen an einen Ort, wo sie in angenehmster Unthätigkeit leben und eitel Seehundsköpfe verzehren. – Und so breitet seine Aeste und Zweige in den verschiedensten Farben über alle Zeitalter und Nationen der Glaube an Unsterblichkeit aus, dieser goldene Baum, der mit seinem Gipfel den Himmel berührt, während er in den heiligen Tiefen des menschlichen Gemüthes seine Wurzeln schlägt, wo die innere Stimme, Gottes Stimme, spricht; – und

Was die innere Stimme spricht,

Das täuschet die hoffende Seele nicht!


http://www.zeno.org/DamenConvLex-1834.

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