Auswanderungen

Auswanderungen. Diese fanden schon in den ältesten Zeiten Statt. Durch sie wurden Welttheile bevölkert, Reiche zerstört, cultivirte Völker unterjocht, barbarische für die Kultur gewonnen. Die große nordische Völkerwanderung stürzte Roms Weltherrschaft und überflutete Europa mit neuen Menschengeschlechtern. Als Kolumbus Amerika und Vasco de Gama, Südafrika und den Weg nach Indien entdeckt hatten, wanderten Spanier, Portugiesen, Holländer, Franzosen und Engländer, Glück und Reichthum suchend, nach den neuen Weltgegenden, und bildeten dort Colonien, Pflanzschulen des Mutterlandes, die sich oft später selbst vom Mutterlande unabhängig machten. Auswanderungen in Masse geschahen in ältester Zeit, wenn die Uebervölkerung den Erwerb und die Existenz des Einzelnen bedrohte; später, namentlich nach der neuen Welt, waren sie abenteuerliche Züge; man hoffte ein Eldorado zu finden, im Moment Reichthümer zu erwerben, um sie im Vaterlande gemächlich verzehren zu können. Millionen solcher Hoffnungen sind betrogen worden; wenn Einem das Glück lächelte, so gingen dagegen Tausende durch die Ungunst des Klima's, die Reisemühseligkeiten, Kriege und Unfälle aller Art zu Grunde. Gleich mächtig wie die Liebe zur Heimath ist bei vielen Menschen der Drang in die Ferne, der Sehnsucht nach einem andern Lande, nach einem unbekannten, nur geahnten Glücke. Und so haben die Auswanderungen sich bis auf unsere Tage erhalten, haben durch neuere Ereignisse noch einen stärkeren Impuls bekommen. Arme schwäbische und badensche Landsleute zogen schon vor Jahren nach dem südlichen Rußland, wo ihnen die Regierung Ländereien angewiesen hat und wo bei Fleiß und Redlichkeit der Einwanderer blühende Colonien entstanden sind. In den letzten Jahren ging der Zug von, namentlich deutschen, Auswanderungen größtentheils nach Nordamerika; man hoffte dort, wo die Menschen noch lange nicht so dicht gesäet, wie in der alten Welt, bei geringer Mühe auf einem fruchtbaren Boden, in kurzer Zeit ein gemächliches Leben, Wohlstand, ja sogar Reichthum und Ueberfluß zu finden. Viele haben sich getäuscht, Einzelnen hat das Glück gelächelt; es kommen von dort eben so viel Berichte, welche von glänzendem Schicksalswechsel, wie von schreiendem Elende sprechen. Wem es im Heimathlande nicht mehr gefällt, wer im Familienverbande der Seinigen sich nicht mehr wohl fühlt, wer trotz des angestrengtesten Fleißes und der größten Sparsamkeit nicht im Stande ist, seine und der Seinigen Bedürfnisse zu decken, wer Alles versucht hat, was geeignet wäre, sein Loos zu verbessern, der wandere aus; aber er sei gesund und kräftig, muthvoll, auf jede Anstrengung, jede Entbehrung, jedes Elend gefaßt, sei im Besitze einer verhältnißmäßigen Summe, die ihn in der ersten Zeit, bevor er seinen Lebensbedarf dem unwirthbaren Boden zu entringen vermag, vor Mangel schützt – und man wird es unter solchen Verhältnissen entschuldigen, wenn er die erste, heilige Liebe, die Liebe zum heimathlichen Mutterboden, wo seine Wiege stand, sein Geschlecht geboren wurde, hingibt, um nach der Liebe eines neuen Vaterlandes zu streben. Nur mit tiefer Wehmuth sehen wir die Bewohner unserer Gauen auf ein Nimmerwiedersehen scheiden, einem ungewissen Loose entgegen gehen; des Menschen Wille ist sein Fatum, wir rufen ihnen Lebewohl und herzlichen Segen nach! – So folgt denn auch die treue Gattin und Mutter, wenn es des Hausherrn Wille erheischt oder bittere Nothwendigkeit erfordert, dem Gatten und Vater in die weite Welt, gehorsam ihrer Pflicht, und dem Spruche der Schrift: Du sollst Vater und Mutter verlassen und deinem Manne folgen in die weite Welt! – D ort aber ist ihr Loos fast noch herber, als das des Mannes Jeder süßen Gewohnheit des Familienbandes muß sie entbehren, in den öden Wüsteneien erfreuen ihr sorgsames Gemüth selten die Reize einer trauten Geselligkeit; nur auf den Kreis der Ihrigen ist sie angewiesen, auf dauernde Arbeit, die selten Erhohlung vergönnt, auf Entbehrungen aller Art; Preis gegeben den Einwirkungen eines fremden Klima's, fremder Sitten, fremder Bildung. Kaum findet sie Eine der Bequemlichkeiten und erlaubten Vergnügungen des Vaterlandes wieder! Aber wie das Weib im Leiden stets groß, so auch in der Entbehrung. Wo es galt, des Gatten und der Kinder Loos zu theilen, folgten edle Frauen ohne Murren, ohne Klagen dem Führer unter fremde Zonen, wußten zu lieben, zu leiden und zu sterben.

–d–


http://www.zeno.org/DamenConvLex-1834.

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