Vallière, Herzogin von

Vallière, Herzogin von, Luise Francisca von la Baume le Blanc, Herzogin von la, geb. am 6. August 1644 in der Touraine, kam, 17 Jahr alt, als Hoffräulein zu Henrietten von England, der Gemahlin des Herzogs von Orléans. Schon damals zeichnete sie sich durch ein kluges und gesetztes Wesen vor den anderen jungen Damen ihres Alters aus, und machte sich am Hofe weniger durch äußere Schönheit, als durch Sanftmuth, Güte und eine natürliche Offenheit beliebt. Sie war weder mit glänzendem Verstand, noch mit großer Charakterstärke begabt: sie war nur Weib, das aber auch im vollkommensten Sinne des Wortes. Sie liebte die Tugend, aber ihr weiches und zärtliches Herz ward an ihr zum Verräther; denn als sie Ludwig XIV. sah, vermochte sie der Neigung, die sie zu ihm hinzog, nicht zu widerstehen. Der König wurde gesprächsweise von der Leidenschaft des Hoffräuleins für ihn unterrichtet; er suchte sie näher kennen zu lernen, und faßte eine heiße Liebe für sie, in der er lange das schönste Glück seines Lebens fand. Wenn gleich nicht schön zu nennen, – ihr Körper war klein und zart, sie hinkte ein wenig, und ihr Gesicht trug leichte Spuren der Blattern, – machte sie doch einen sehr angenehmen und freundlichen Eindruck. Ihre Haut war von blendender Weiße, und volles blondes Haar umschattete ein mildes schwarzes Auge; ihr ganzes Wesen war sanft, treuherzig und wohlwollend. Wenn sie sich unbefangen bewegen durfte, war sie heiter und lebhaft, und wußte ihrer Unterhaltung einen ungewöhnlichen Zauber zu verleihen; aber selbst die Gewohnheit am Hofe zu leben, konnte ihr nie jene Schüchternheit rauben, die weichen und gefühlvollen Frauen eigen zu sein scheint. Zwei Jahre hindurch war Fräulein von la Vallière in's Geheim der Gegenstand aller der glänzenden Vergnügungen und Feste, die Ludwig seinem Hofe gab, und jeder Tag brachte neue Huldigungen des königlichen Geliebten. Aber Neid und Eifersucht entdeckten endlich das lang bewahrte Geheimniß ihrer Herzen. Unter den Feinden des Fr. von la Vallière war besonders die Herzogin von Orléans thätig, ihr die Gunst des Monarchen streitig zu machen, die selbst, wiewohl vergebens, sich um dieselbe bemüht hatte. Das Fehlschlagen ihrer Plane erbitterte sie in einem so hohen Grade, daß sie die Begünstigte mit beispielloser Härte und Schmähungen verfolgte. Aus Verzweiflung hierüber entschloß sich Fr. von la Vallière, ihren Schmerz in die Mauern eines Klosters zu begraben. Ohne Jemand diesen Plan mitzutheilen, begab sie sich nach Chaillot in das Kloster der heiligen Maria. Kaum ist diese Nachricht bis zum König gedrungen, als er plötzlich die fremden Gesandten, denen er eben Audienz gab, entläßt und sich auf ein Pferd wirft, um der Geliebten nachzueilen. Diesem Beweise seiner Liebe und seinen dringenden Bitten konnte das zärtliche Herz der Geliebten nicht widerstehen. Ludwig führte sie zur Herzogin zurück und empfahl sie ihrem Schutze mit den Worten, daß diese Frau das Theuerste sei, was er auf Erden sein nenne. Er überhäufte sie mit Geschenken, ernannte sie zur Herzogin von la V., und bewog sie endlich, einen prächtigen, für sie eingerichteten Palast zu beziehen, um sowohl den stets sich erneuernden Kränkungen ihrer Feinde, als auch dem allzugroßen Zwange in ihrem gegenseitigen Umgange zu entgehen. Ludwig's Leidenschaft für sie war jetzt auf das Höchste gestiegen; er betete sie an; außer ihr schien ihm Alles gleichgiltig und gehaltlos zu sein; wo sie nicht war, zeigte er sich finster und untheilnehmend; ihre Unterhaltung zog ihn dagegen so sehr an, daß er ganze Tage lang bis zum späten Abende im Gespräche mit ihr zubrachte. Vielleicht ist aber auch Ludwig nie wahrer und uneigennütziger geliebt worden, als von Fr. von la V.; ihr Glück bestand einzig darin, den geliebten Gegenstand zu überzeugen, daß sie ihn nur um seiner selbst willen liebe, und er auch ohne Scepter und Krone stets in ihrem Herzen herrschen würde. Nie mißbrauchte sie ihre Macht, um für sich und die Ihrigen Gnaden und Aemter zu erbitten; nie mischte sie sich in die Intriguen des Hofes, oder wenn sie es that, so geschah es nur für einen guten Zweck. Doch war auch die sanfte la V. bestimmt, den Kelch des Leidens zu leeren. Ost hatte sie dem Könige mit thränendem Blicke gesagt, wie groß ihr Unglück sein würde, wenn er jemals aufhören könnte, sie zu lieben; sie ahnte damals nicht, daß sie Zeugin des Sieges ihrer Nebenbuhlerin werden sollte; dennoch sah sie, wie die schmeichlerische Frau von Montespan, die sich ihr freundlich genähert hatte, mit jedem Tage in der Gunst des Monarchen stieg. Lange ertrug sie ohne Klage in sanfter Hingebung diesen bittern Schmerz, dem endlich ihr zarter Körper unterlag. Eine schwere Krankheit brachte sie an den Rand des Grabes. Nur langsam erholte sie sich, aber von dieser Zeit reiste der Entschluß in ihr, sich von der Welt zurückzuziehen, durchdrungen von dem Gefühle, daß nach ihrem königlichen Geliebten nur Gott in ihrem Herzen herrschen dürfe. Sie wählte das Kloster der Carmeliterinnen zu Paris zu ihrem künftigen Aufenthalt. Hier unterzog sich die vom Glück und allen Bequemlichkeiten des Lebens verwöhnte Frau den strengsten Pflichten und Büßungen des Ordens, und weder ihre zunehmende Kränklichkeit, noch die Bitten ihrer Vorgesetzten konnten sie je bewegen, in ihrer Härte gegen sich nachzulassen. So lebte sie unter dem Namen der barmherzigen Schwester Luise von 1675 bis 1710, wo der Tod in einem Alter von 66 Jahren ihren Büßungen ein Ende machte. Die Bekehrung und die Reue der Herzogin von la V. waren eben so aufrichtig, als es ihre Liebe gewesen war. Ein sprechender Beweis davon ist die Antwort, welche sie gab, als man ihr den Tod ihres Sohnes, des Herzogs von Vermandois, meldete: »Ich muß,« sagte sie, »schmerzlicher seine Geburt, als seinen Tod beweinen.« Mit gleicher Fassung und Ergebung ertrug sie den Tod des Prinzen von Conti, des Gemahles ihrer Tochter. Während ihrer Zurückgezogenheit erschien unter ihrem Namen ein Werkchen, welches den Titel: »Betrachtungen über die göttliche Barmherzigkeit« führt, und ihre Abneigung gegen die Welt und ihre Liebe zu Gott beweist. Auch sind uns im 7. Bande der Galérie universelle mehrere Briefe von ihr aufbewahrt, die unverkennbar das Gepräge eines gefühlvollen und liebenden Herzens tragen.

E. v. E.


http://www.zeno.org/DamenConvLex-1834.

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