Vater unser

Vater unser. Tausend gebrochene Herzen waren es, die dich schon beteten, Gebet des Herrn, in der einsamen Mitternacht! Hinausgestoßen ward der Knabe von der heimathlichen Schwelle; harte Gläubiger nähmen die älterliche Hütte mit allen ihren wenigen Habseligkeiten; verwaist steht er in der weiten Welt; Niemand ist, der sich seiner annähme. Da erinnert er sich der goldenen Sprüche seines Lehrers und wendet sich an dich: »Vater unser, der du bist im Himmel.« Verronnen sind die sieben Werkeltage; schon hat der Sonnabend im schneeweißen Meßgewand die Sabbathstille eingelauten; es schmücken sich die Gläubigen und wallfahrten in den Dom; und tausendstimmig singt der andächtige Chor: »Geheiliget werde dein Name!« Geschlagen ist des stolzen Königs Macht; todtenbleich sinkt er nieder; nur noch einen Augenblick besitzt er, um zu athmen; alle seine Reiche sind in des Feindes Hand gefallen. Da beugt sich der Priester über den sterbenden Königsgreis, zeigt mit einer Hand auf die zerbrochene Krone, mit der anderen empor zu dem Himmelszelt und spricht: »Sein Reich komme!« An der Bahre des einzigen Kindes jammert eben die Mutter; sie jammert, doch es lächelt das bleiche Kindlein, und dieß Lächeln spricht: »Sein Wille geschehe!« und die Mutter setzt leise hinzu: »wie im Himmel, also auch auf Erden.« Weinend betrachtet die Witwe ihre verschmachtenden Kindlein; versiegt ist der letzte Quell; das Leben erstarrt zur Wüste; doch sie betet still und leise: »Unser tägliches Brod gib uns heute!« Zurück zur heimathlichen Schwelle kehrte der verlorene Sohn; liebend beugt sich der Vater über ihn, um ihn wieder zu drücken an das verwaiste, liebebedürftige Herz; alsobald stürzen die Brüder herbei und werfen sich zwischen beide und schmähen die Nachsicht als Unbill. Ernst und mild weist sie aber der Vater zurück mit den Worten: »Vergib uns unsere Schulden, wie wir vergeben unseren Schuldigern!« Was starrt am geöffneten Fenster dort der bleiche Mann nach dem Goldstück, welches auf dem Tische des Reichen liegt? Günstig ist die Gelegenheit; nur ein einziger Griff seiner Hand, – und vielleicht für immer ist seine darbende Familie gerettet. Da gemahnt es ihn plötzlich wie ein süßer Wiegentraum seiner Kindheit; melodisch ertönt es gleich einer uralten Kirchenmelodie; bang schlägt sein Herz, und gebrochenen Blicks fleht er: »Führemichnichtin Versuchung!« Wie eine verderbenschwangere Saat, wie ein Strom der Zerstörung haben sich die Feinde ausgebreitet über das ganze Land. Herr, Herr, ruft der geschlagene Fürst in ohnmächtiger Wuth: Zerschmettere diese Feinde, mache sie zum Schemel deiner Füße! Doch in gleicher Bedrängniß betet der Christ: »Erlöse uns von dem Uebel!« Ueber alle diese bangen Beter breitet sich aber der große Sternenhimmel aus mit seiner blaugoldenen Himmelsflagge und der in die Unendlichkeit hineinleuchtenden Inschrift der Sphären: »Sein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit! und alle Himmel rufen es sich zu selig und jauchzend: »In Ewigkeit, Amen!«

–r.


http://www.zeno.org/DamenConvLex-1834.

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