Weissstickerei

Weissstickerei, von allen zierlichen Frauenarbeiten die nützlichste, doch auch langwierigste, wurde, ehe die vielen bunten Stickereien an die Tagesordnung kamen, von den Damen eifrig betrieben. Jetzt ist das Weißsticken, indem es doch gewöhnlich Garderobegegenstände betrifft, in die Hände der Kammerjungfern und Lohnarbeiterinnen gegeben. Das ehemalige Weißsticken in Plattstich, verziert durch Knötchen und durchbrochene ausgenähte Muster, hat schon lange der franz. W. Platz gemacht, und diese ist gleichsam doppelt. Auf einen durch Stiche umzogenen Grunde nämlich wird das Muster durch dichte, gleichlaufende Querstiche ausgeführt. Die Stiele des Gezweigs, oder der Blume. müssen wie seine Schnürchen aussehen und nur die höchste Accuratesse vermag allen Anforderungen an eine gute W. zu entsprechen. Beim plötzlichen Beliebtwerden des englischen Spitzengrundes griff man daher, von jener mühsamen Arbeit gelangweilt, zu allerlei neuen Erfindungen, unter denen das Nachahmen der Spitzenmuster, das sogenannte Blondiren vermittelst Glanzgarns und schottischen Zwirns, sich lange modisch erhielt. Nebenbei stickte man immer auch französisch in Spitzengrund, der zuvor mit einem dichtern Zeuge, als Mull oder Jacconnel, überlegt ward. Letzteres ward bei vollendeter Arbeit mit seinen Scheeren von der Oberfläche weggeschnitten oder auch, wenn er unterlegt war, von der Rückseite. Kleine Börtchen in Arabesken aufzunähen, gehörte ebenfalls zu diesen Weißstickereien, so wie das Durchziehen mit baumwollenen Schnürchen und endlich das niedliche Auszählen der Spitzenmuster in Tüll. Gegenwärtig sind alle diese Abarten des eigentlichen Weißstickens verschwunden und dieses feiert in allen Mode-Magazinen und bei eleganten Toiletten den vollständigsten Triumph. Noch nie sind auch wirklich die modernen Muster der franz. W. zierlicher und mühsamer gewesen, und vor Allem herrlich erscheinen in Frauenaugen die neuesten Verzierungen der Taschentücher. Ihre Vignetten haben nicht aufgehört das besondere Studium der Stickerinnen auszumachen, und schon längst nicht mehr zufrieden mit den niedlichsten Copien aus Flora's Reiche, ahmen die kunstreichen, baumwollenen Stiche Landschaften und Thiere nach, ja sie versteigen sich sogar zum Conterfei von Opernhelden und Göttern der Fabel. Was die Kragen, Garnituren, Schürzchen etc. betrifft, so spukt auch in ihren Verzierungen der beliebte neu-alte Rococogeschmack, denn man entlehnt dem 18. Jahrhunderte das Umrändern der Weißstickereien und die Vorliebe für Punkte in den Zeichnungen. Wohl möglich, daß auch das Tambouriren, welches nicht minder zu dieser Kategorie gehört, wieder einmal Mode wird.

F.


http://www.zeno.org/DamenConvLex-1834.

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