Barri, Gräfin du

Barri, Gräfin du, Marie Jeanette, Gräfin du, wurde im Jahr 1744 zu Vaucouleurs in Frankreich geboren, wo ihr Vater, der Gomart de Vaubernier hieß, bei dem Steuerpachtwesen Commis war. Er starb zu früh, als daß man ihm die Schuld ihrer verwahrlosten Erziehung und des daraus hervorgehenden Hanges zur ungebundensten Sittenlosigkeit beimessen dürfte. Sie kam nach seinem Tode zu einer Modehändlerin nach Paris, die sich bemühte, ihrem Aeußeren zu der glänzendsten Entwickelung zu verhelfen, die aber weder durch Ausbildung ihres Verstandes, noch durch Grundsätze wahrer Ehre und Tugend ihr Waffen an die Hand gab, die Gefahren ihrer Vereinzelung mitten in dem Pfuhl einer verdorben und verführerischen Welt würdig zu bestehen. Ohne Religion, ohne Moralität, und von den schlechtesten Beispielen umgeben, kam sie bald so weit, daß jugendliche Scham nur noch ein Fremdling auf ihren Wangen, so wie in ihrem Herzen war. Die Elende, welche sich angeboten hatte, ihr als Führerin durch die Labyrinthe des Lebens zu dienen, benutzte ihre aufblühende Schönheit nur, um Wüstlinge heranzulocken, und sich auf Kosten ihrer Unschuld zu bereichern. Späterhin machte sie sich von diesem sittenlosen Kreise los, aber nicht um einen bessern Weg zu betreten, sondern um zu einer noch weit berüchtigteren Frau zu ziehen, welche Gourdan hieß, in deren Hause Marie Jeanette fortan als ein Stern der ersten Größe glänzte. Ihre ausgezeichneten Reize machten allgemeines Aufsehen, und Alles, was in der pariser Männerwelt jung, reich und ausschweifend war, drängte sich zu ihr hin, ihr – der man den Namen: l'ange, beigelegt hatte, zu huldigen. Unter ihnen fand sich auch der Graf du Barri, der weniger von Leidenschaft für sie hingerissen, als von Eigennutz erfüllt, sie als den Gegenstand einer vortheilhaften Speculation betrachtete, die er zu wagen beabsichtigte. Er wählte sie zu seiner Maitresse, und suchte Veranlassung, die Aufmerksamkeit König Ludwig's XV. auf sie hinzuleiten, der, von ihrem ersten Anblick schon entzückt, ihn bewog, sie ihm abzutreten, und ihr sogleich den eben erledigten Platz der Marquise von Pompadour einräumte. Der entnervte, den Genüssen der Sinne bereits halb abgestorbene Monarch fand in ihrem Umgange einen neuen Zauber, der seine Lebenslust für Momente wieder auffrischte. Die neue Geliebte wurde ihm unentbehrlicher wie jede frühere, aber um sie am Hof einzuführen, erforderte die Etiquette, welche man damals weniger als Zucht und Sitte vernachlässigte, daß sich ein Gemahl für sie fand, der vermittelst eines angesehenen Namens, den er ihr lieh, ihre bisher so bescholtenen und verachteten vernichtete. Der Bruder des Grafen von Barri gab sich dazu her, diese schimpfliche Verbindung zu schließen, und erntete den Lohn für dieses Opfer durch den Einfluß, den er so wie sein Bruder über die urplötzlich sehr mächtig werdende Favoritin übte. Von beiden Brüdern Anfangs unterrichtet, wie sie sich auf dem ihr fremden Standpunkt zu benehmen habe, hatte sie sehr bald keine Zurechtweisung mehr nöthig, sondern maßte sich ein Ansehen und eine Gewalt an, wie es niemals eine regierende Königin gewagt hatte. Indem sie den schwachen König beherrschte, regierte sie ganz Frankreich, ja einen Theil von Europa, da manche Kabinette weder Schmeicheleien noch Bestechungen scheueten, um ihre Verwendung für sich zu gewinnen. Doch gefiel sich ihre üppige Natur nicht eigentlich in den Tiefen der Politik, sondern bloß in den Vortheilen, die sie aus ihnen schöpfte, und im Kreise steter Vergnügungen. Nicht hellsehend genug, um zu merken, daß sie oft bloß das Werkzeug war, das eine fremde Hand lenkte, stürzte und erhob sie die Menschen, die – ihr gleichgiltig – Anderen aber, die sie zu leiten wußten, lästig oder angenehm waren. Den stolzen Herzog von Choiseul, der sich weder vor ihr noch vor ihren Kreaturen beugte, drängte sie auf diese Weise von seinem hohen Posten, und den Herzog von Aiguillon erhob sie, und half ihm Rache an dem Parlament nehmen, das gegen ihn gewesen war, und nun unter ihren Verfügungen im Jahr 1771 aus Paris verbannt, und bald darauf aufgelöst wurde. – Die von ihr Gekränkten und Vertriebenen suchten ihr durch die Geißel des Hohns und der Satire das Böse zu vergelten, das sie ihnen zufügte, und Mancher büßte den Verdacht, der ihn traf, sie auf diese Art verletzt zu haben, schuldig oder unschuldig, in der Bastille. Unter andern Spottgedichten, wodurch sich der Haß und die Verachtung gegen sie Luft machte, zeichnete sich eines, welches man dem Herzoge von Nivernois zuschrieb, durch seine sarkastische Bitterkeit aus. Es begann folgender Maßen:

Lisette, ta beauté seduit

et charme tout le monde,

en vain ta bourgeoisie en gémit

et la Duchesse en gronde,

Chacun sait que Venus naquit

De l'écume de l'onde etc.

Daß mit dem Tode des Königs ihr Reich zusammensank, war natürlich. Ein Verhaftsbefehl, der gegen sie erlassen wurde, war die erste herbe Erfahrung, die sie von dem Wechsel ihres Glücks überzeugte. Hierauf wurde sie in die Abtei Pont aux Dames, bei Meaux, verbannt; doch gestattete man ihr späterhin, in Louveciennes unweit Marly zu wohnen, wo sie ein prächtiges Haus besaß. Ihre Reichthümer waren ihr geblieben, und sie freute sich ihrer, ohne zu ahnen, daß diese – frevelhaft erworben – einst die Ursache ihres schmählichen Untergangs werden würden. Sie überlebte die Stürme der Revolution unangefochten, bis zu Robespierre's Regierung, wo dringendes Geldbedürfniß auf Alle die aufmerksam machte, die Vermögen besaßen, und wo man ohne Bedenken zu den grausamsten Mitteln schritt, um sich es anzueignen. Die Verbindung der Gräfin du Barri mit den Brissotisten gab den Vorwand her, sie zu arretiren, ihre Güter einzuziehen, und sie der Guillotine zu überliefern. Keck und übermüthig in den Tagen ihres Glanzes zeigte sich jetzt der Charakter der Gräfin durch ein verzweiflungsvolles Sträuben gegen das Unabänderliche in seiner ganzen Gehaltlosigkeit. Schreiend, und ihr Haar zerraufend, weigerte sie sich, das Gefängniß zu verlassen, und mußte mit Gewalt zur Richtstätte geschleppt werden, wo sie noch unterwegs das Volk um Hilfe und um Mitleiden anrief. Ihre Todesfurcht und ihr Kleinmuth waren so unbezwinglich, daß man sie im Augenblick der Hinrichtung noch mit angstvoll kreischender Stimme bitten hörte: »Monsieur le Bourreau, encore un moment!« – Dieser ihr letzter Ton hienieden war aber kaum verhallt, als ihr Haupt, getrennt vom Rumpfe, zur Erde fiel. Sie starb in ihrem 49. Jahre den 9. December 1793.

A.


http://www.zeno.org/DamenConvLex-1834.

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