Berry, Karoline, Herzogin von

Berry, Karoline, Herzogin von. Unter dem sonnenklaren Himmel, der sich über Sicilien wölbt, erblickte Karoline Ferdidinande Louise, Tochter des damaligen Kronprinzen von Neapel, der späterhin als Franz I. König beider Sicilien wurde, und Maria Clementine's, Erzherzogin von Oestreich, am 5. November 1798 zu Palermo das Licht der Welt. Schon in der frühesten Kindheit verlor sie ihre Mutter, doch Liebe und Sorgfalt umringten ihre Wiege und bemühten sich, sie für diesen Verlust zu entschädigen, und ihr eine treffliche Erziehung zu geben. Vorzügliche Eigenschaften des Geistes, die sie besaß, begünstigten den Unterricht. Muth, Festigkeit des Willens, Ausdauer und Bestimmtheit, gesellten schon in ihrer blühenden Jugend zur Anmuth und herzgewinnenden Güte, die ihr eigen war, den Ernst und die Kraft. Erzogen von einer Französin (Gräfin de Latour), dünkte Frankreich der Prinzessin schon im ersten Lebesalter ein Land, in dem sie heimisch war. Als daher im Jahr 1815 König Ludwig XVIII. von Frankreich, während seines Aufenthalts zu Gent dem Grafen Blacas, (damals Gesandter am neapolitanischen Hofe) den Auftrag gab, um die Hand derselben für seinen Neffen, den Herzog von Berry, anzuhalten, gab die Prinzessin ohne Bedenken ihr Jawort, und freute sich, künftig einem. Lande anzugehören, das sie schon unbekannter Weise geliebt hatte. Mancherlei Hindernisse, die aus der damals unruhig bewegten Zeit hervorgingen, schoben die Vermählung bis in das folgende Jahr hinaus, und erst im April 1816 verließ sie Palermo, und begab sich, von ihrem Vater begleitet, nach Neapel, wo sie den 12. desselben Monats anlangte, und wo ihr Großvater, König Ferdinand I., sie mit vieler Liebe empfing. Den 24. April wurde sie in der Kapelle des königlichen Palastes ihrem Oheim, dem Prinzen Leopold von Salerno, Beauftragtem ihres künftigen Gemahls, im Beisein des Königs und des ganzen Hofes, angetraut. Den 14. Mai schiffte sie sich nach der neuen Heimath ein. Ihre Ueberfahrt glich einer Lustreise, denn ein günstiger Wind schwellte ihre Segel, und ein immer heiterer Himmel, den ihre Fantasie im jugendlichen Wahn als ein Bild ihrer Zukunft betrachtete, lächelte zu der Fahrt, die sie an Frankreichs Küsten trug. Den 21. Mai landete sie im Hafen von Marseille, wo sie 9 Tage blieb, und sich dann über Toulon nach Fontainebleau wandte. Ihr Weg dahin glich einem Triumphzuge, überall beeiferte man sich, sie festlich zu empfangen, und mit Liebe zu begrüßen, wozu ihr herablassendes Wesen, ihr klarer Verstand, ihre unendliche Güte und ihre Wohlthätigkeit mehr noch als ihr Rang und als die Hoffnungen beitrugen, die durch ihre Erscheinung nun über Frankreich aufgingen. König Ludwig der Achtzehnte fuhr ihr entgegen, um sie selbst in Fontainebleau einzuführen. Die eheliche Einsegnung fand am 17. Juni zu Paris in der Kirche Notre-Dame Statt. In dieser Ehe, die, leider! so früh schon durch Meuchelmord wieder getrennt wurde, fand sie, wie alle Augenzeugen berichten, ein häuslich frohes Familiengück, das sich mit jedem Tage mehr zu befestigen schien. Auch auf die königliche Familie hatte ihr Eintreten in diesen Kreis den besten Einfluß. Ludwig XVIII. liebte sie der anmuthigen Munterkeit wegen, mit welcher sie kindlich um ihn scherzte, und sein durch Leiden und Gebrechlichkeit hinfälliges Alter belebte. Zweimal erregten die Mutterhoffnungen der Herzogin von Berry Frankreichs Erwartungen, doch jedes Mal vergebens, da die Prinzessin, von der sie am 13. Julius 1817 entbunden wurde, nur zwei Tage lebte, und der Prinz, mit welchem sie am 13. September 1818 niederkam, bereits nach einigen Stunden wieder verschied. Endlich erfreute sie ihren Gemahl am 21. September 1819 mit einem lebenden Kinde, der Prinzessin Maria Louise Therese von Artois, und es war, als sei ihre ohnehin zufriedene Ehe durch diesen neuen Zuwachs häuslicher Freuden nun auf die höchste Stufe gelangt. So kam der 13. Februar 1820 heran, ein Tag, bei dessen Beginn Niemand ahnete, welch bitteres Weh sein Abend bringen werde. Der Herzog von Berry besuchte mit seiner Gemahlin die Oper, da inzwischen die Herzogin den größten Theil der vorhergehenden Nacht auf einem Balle zugebracht hatte, und sich ermüdet fühlte, so schlug er zärtlich für sie besorgt, ihr vor, sich während eines Zwischenaktes nach Hause zu verfügen. Es war etwas über zehn Uhr; die Herzogin war nur von der Gräfin Béthisy, und von ihrem Stallmeister, dem Grafen Mesnard, begleitet. Der Kammerherr des Herzogs, Graf de Clermont Lodève, und einer seiner Adjutanten, Graf César de Choiseul, folgten dem fürstlichen Paare. Die Herzogin stieg mit ihrer Hofdame ein; man schlug den Fußtritt des Wagens zurück, und wollte eben die Thür desselben schließen, als ihr Gemahl, im Begriff, in das Opernhaus zurückzukehren, um den Schluß des Ballets zu sehen, ihr noch freundlich zurief: »Adieu, Karoline! wir sehen uns bald wieder. – In diesem Moment drängte sich ein Mensch in seine Nähe, packte ihn an der linken Schulter, und stieß, ihn festhaltend, einen Dolch in die rechte Seite der Brust. »Ich bin des Todes! ich bin ermordet!« rief der Herzog, indem er das Heft des Dolches erblickte, der in seiner Brust fest saß. Von diesen gräßlichen Worten wie von einem Blitzstrahl berührt, stieß die Herzogin die Wagenthür zurück, und stürzte sich heraus, den bereits wankenden und einer Ohnmacht nahen Gatten in ihre Arme zu schließen. Ihr Anblick rief seine erlöschenden Lebensgeister zurück. Er zog selbst noch das tödtliche Eisen aus seiner Brust, doch das hervorströmende Blut, das sich über das Gewand der Herzogin ergoß, und das Grausen dieser Scene vermehrte, verwirrte für einen Augenblick seine Sinne, und ließ ihn nur die Worte lallen: »ich sterbe – einen Priester! – komm, armes Weib, laß mich in Deinen Armen sterben!« – Hierauf sank er zusammen und seine Begleiter trugen ihn fast bewußtlos in einen Nebensaal des Opernhauses, wo man ihn in einen Lehnstuhl niedersetzte, bis man in der größten Eile ein aufgeschlagenes Gurtbett herbeigebracht, hatte. Die herbeigerufenen Aerzte halfen ihm behutsam auf dieß ärmliche Lager, und untersuchten nun seinen Zustand. Da alle Symptome eine innerliche Blutergießung verriethen, sahen sie sich genöthigt, die Wunde zu erweitern, um den Abfluß des Blutes nach Außen zu leiten. Eine Menge desselben war geronnen, und verschloß die Wunde. Es trat eine kurze Erleichterung ein, als es wieder frei sich ergießen konnte. Es wurde an beiden Armen zu Ader gelassen. Während aller dieser Vorgänge, obgleich vom tiefsten Schmerz erfüllt, hatte die Herzogin doch schnell wieder jene äußere Fassung gewonnen, die zu besonnener Thätigkeit nothwendig ist. Wie ein hilfreicher Engel stand sie zur Seite des Leidenden, ihm jeden Dienst zu leisten, jeden Trost zuzuflüstern, der nur immer seine Qualen mildern konnte. Mit einer Festigkeit des Tons und der Haltung, die beinahe ihre Kräfte überstieg, wendete sie sich an einen der Aerzte, um ihn zu befragen, ob die Wunde tödtlich sei. Ich habe Muth, Alles zu ertragen, sagte sie, nur keine Täuschung – lassen Sie mich die Wahrheit wissen. – Doch da die ersten Wundärzte der Stadt und des Hofes noch nicht eingetroffen waren, deren Meinung die untergeordneten Aerzte erst als entscheidend betrachten wollten, so wich man ihrem Forschen aus, und suchte ihr einige Hoffnung zu machen. Indeß dauerte die Linderung, welche ärztlicher Beistand dem Kranken gewährte, nicht lange und das Vorgefühl des nahen Todes bemächtigte sich des Herzogs. Das erste Wort, als er wieder zur Besinnung gelangte, war die Versicherung: »ich verzeihe meinem Mörder, wer es auch sein mag.« – Seine Leiden waren furchtbar. Jetzt erschien Herr Dupuytren, der berühmteste Wundarzt in Paris; er fand die höchste Gefahr, und verbarg dem Vater des Unglücklichen nicht, daß es nur ein einziges Mittel gebe, von dem sich aber eben so leicht augenblicklicher Tod als augenblickliche Hilfe versprechen lasse. Es sei dieß, eine noch viel bedeutendere Erweiterung der Wunde zu machen, um dem Blut, das sich innerlich angehäuft habe, den schnellsten Abfluß zu verschaffen. In seinem tiefen Jammer erwiederte der beklagenswerthe Vater: ich verlasse mich ganz auf Ihren Eifer und auf Ihre Geschicklichkeit. Und auf mein Herz, setzte Herr Dupuytren hinzu, indem er zur Operation schritt. Der Herzog ertrug auch noch diese Schmerzen mit der größten Geduld, fühlte aber immer mehr, wie gezählt seine Stunden hienieden waren und verlangte nach dem Könige. Während man ihn erwartete, konnte der Herzog die Dankbarkeit für alle die Beweise der Liebe, Theilnahme und Pflichterfüllung nicht unterdrücken, die seine Gemahlin ihm gab, indem sie jede Kraft ihrer Seele für diesen großen Zweck zusammenraffte. Er bat sie, sich für ihr Kind zu erhalten, und indem er mit Blicken der innigsten Zärtlichkeit hinzusetzte: »auch für das Kind, welches Du unter Deinem Herzen trägst, entschleierte er das zarte Geheimniß der Zukunft, das man bis jetzt noch nicht gemuthmaßt hatte. Die Innigkeit, die sie ihm widmete, gab ihm das Vertrauen, ihre Liebe noch auf eine herbe Probe zu stellen. Er bat sie nämlich, zu gestatten, daß er zwei junge, ihm während seines Aufenthalts in England geborene Mädchen sehen dürfe, die er heimlich nach Paris hatte kommen lassen, weil er sie väterlich liebte. Ohne sich einen Augenblick zu bedenken, rief die Herzogin: wo sind sie, diese Kinder, die Dir angehören; ich habe das Recht, ihre Mutter zu sein, und ich werde mütterlich für sie sorgen. Die Kinder wurden geholt, und sie selbst führte sie ihrem Gemahl zu, der ihnen seinen letzten Segen gab. Um drei Uhr Morgens erhielt der Herzog die letzte Oelung. Als diese Ceremonie vorüber war, langte auch die junge Prinzessin an, welche die zärtliche Mutter hatte kommen lassen, damit auch sie den Segen des sterbenden Vaters empfange. Sie trug sie hin zu seinem Schmerzenslager. Mühsam erhob er seine matte Hand, und berührte die Stirne des Kindes. »Möchte das Unglück, das meine Familie heimsucht, dich verschonen!« sprach er leise. »Ach wie lange läßt der Tod auf sich warten!« seufzte er öfters, und, anspielend auf die beiden, schnell nach ihrer Geburt wieder verlorenen Kinder, die an einem dreizehnten zur Welt kamen, sagte er zu seiner Gemahlin: »theure Karoline, der 13. ist ein sehr schlimmer Tag für uns!« Er nahm hierauf von allen den Seinigen, so wie von seinen Dienern Abschied, und empfahl diese Letzteren, denen er für ihre Treue dankte, dem Schutz und der Fürsorge seines Vaters. Jetzt schlug die Uhr 5, der König trat herein. Eben hatte man angefangen, die Gebete der Sterbenden zu lesen; man erwartete den letzten Athemzug, aber die Nähe des Königs gab dem Herzog noch einmal Kraft zu reden. »Gnade, Sire!« rief er seinem Oheim zu »Gnade meinem Mörder! Es ist die letzte Gunst, um die ich flehe – verweigern Sie mir sie nicht. Vielleicht habe ich unwissentlich diesen Menschen beleidigt – lassen Sie ihn nicht das Leben verlieren – ich beschwöre Sie darum!« – Mein Sohn, versetzte der König, ich hoffe, du wirst dich wieder erholen; dann wollen wir weiter davon sprechen. Für jetzt aber kann ich nur an Dich denken. Nun trat der Todeskampf ein – die Aerzte baten den König, sich zu entfernen – er verweigerte es, war aber besorgt für die Herzogin, die sich an das Bett des Sterbenden anklammerte, und ihn durchaus nicht verlassen wollte. Sein ernster Befehl vermochte sie bloß für einige Momente, von ihren Damen begleitet, in ein anderes Zimmer zu gehen. Schneller als man wünschte, kehrte sie zurück, aber doch zu spät, um ihren Gatten noch unter den Lebenden zu finden. Als sie ihn entseelt vor sich sah, erlag ihre starke Seele einige Momente dem Wahnsinn der Verzweiflung. Sie stürzte vor dem Bette nieder, küßte tausendmal seine kalte Hand, und überströmte sie mit den Thränenfluthen, die unaufhaltsam aus ihren Augen brachen. Jetzt waren ihre Kräfte erschöpft – man trug sie in den Wagen und führte sie in Begleitung der Herzogin von Angoulème und der Herzogin von Orleans nach dem Pallast Elysee-Bourbon, wo sie endlich, wie aus einem schweren Traume erwachte, und nun ihr unabänderliches Unglück mit. dem Entschlusse betrachtete, den mannichfachen Pflichten, welche es ihr auferlegte, alle ihre Kräfte zu widmen. Ihre gute Natur siegte über die Schrecken der eben überlebten Katastrophe – ihre Gesundheit hatte nicht darunter gelitten. Alle ihre Gedanken und Gefühle wandten sich jetzt dem Berufe als Mutter zu, und es schien, als statte sie eine höhere Macht mit unbegreiflicher Umsicht, Ruhe und Seelenstärke aus, ihn in seiner vollsten Bedeutung zu erfüllen. Um das Andenken ihres Gemahls zu ehren, ließ sie zu Roßny ein Gebäude aufrichten, das sie dem heiligen Karl Borromäus widmete, und das einen dreifachen Zweck in sich vereinte. Der eine Flügel war zu einem Hospital für arme Kranke, der andere zu einer Erziehungsanstalt für hilflose Kinder, und der beide Flügel verbindende mittlere Theil des Gebäudes zu einer Kapelle bestimmt, wo sie späterhin Messen für die Ruhe des geliebten Todten stiftete, und in einem Xenotaphium von weißem Marmor das Herz desselben beisetzen ließ. Die Bildsäule des heiligen Karl Borromäus, welcher der Schutzpatron ihres Gemahls war, ziert dieß Grabmal, und auf dem Piedestal derselben liest man diese von ihr selbst entworfene Inschrift: Ici est déposé le coeur de C. F. d'Artois, Duc de Berry, digne fils de Saint-Louis, et du grand Henri. Il eut la valeur et la vertu de son auguste race. Père des pauvres, appui des malheureux, il périt avant lage, sous le poignard des factieux. La mort fut héroique Mit Ergebung erwartete sie den Zeitpunkt ihrer Niederkunft. Am 29. September 1820 wurde sie in der Nacht von einem Prinzen entbunden. Doch weder die Schmerzen der Geburt, noch die Freude, einem Sohne das Dasein gegeben zu haben, ließ sie die politischen Rücksichten vergessen, welche sie ihm als einstigem Thronerben Frankreichs schuldig zu sein glaubte. Sie bestand auf das Herbeirufen unbefangener und glaubwürdiger Zeugen, um die Echtheit dieses Kindes zu beweisen, und erst, nachdem dieß geschehen, und die Rechtmäßigkeit der Ansprüche ihres Sohnes gegen jeden Zweifel geschützt war, überließ sie sich dem wehmuthvollen Glücke, mit dem der Besitz eines Kindes sie erfüllte, dessen Vater bereits in höheren Regionen seine Heimath gefunden hatte. – Einen neuen Beweis ihrer heroischen Denkungsart gab sie noch wenige Tage vor ihrer Niederkunft, wo sie Herrn Deneux, ihren Geburtshelfer, zu sich kommen ließ. Ruhig trat sie ihm entgegen, und sagte: »Ich weiß, daß »es bei schweren Entbindungen der Gebrauch ist, der Mutter auf »Kosten des Kindes das Leben zu retten. Obmeine Stunde »schwer sein wird – – wer kann das wissen? – Aber wie dem »auch sei, so vergessen Sie nie, daß das Kind, welches. ich zur Welt »bringen soll, das Eigenthum Frankreichs ist, und zögern Sie keinen »Augenblick, ich beschwöre Sie und mache Sie dafür verantwortlich, »es selbst auf Kosten meines Lebens zu erhalten.« Alle diese Zeugnisse ihres Muthes, ihrer Selbstverläugnung, ihrer Güte und ihrer großartigen Gesinnung erwarben ihr das öffentliche Vertrauen und die Liebe des Volkes, und hätte man ihr erlaubt, sich, wie sie wollte, nach dem Blutbad jener schrecklichen Julitage nach Paris zu begeben, um ihren Sohn dem Volke zu zeigen, das seine Geburt so jubelnd aufgenommen, und ihr so ergeben war, vielleicht Karl der Zehnte aber untersagte ihr die Ausführung dieser kühnen Idee, und nun sah sie sich genöthigt, der königlichen Familie in's Ausland zu folgen. Sie schifften sich nach England ein, wo ihnen von der Regierung das Schloß Holy-Rood bei Edinburg zum Aufenthalt angewiesen wurde. Hier in dieser Einsamkeit, die nur allzu lebhaft die Bilder ihres verlorenen Glücks an ihrer Seele vorüber führte, suchte ihre Phantasie durch Träume einer Möglichkeit, daß eine Masse Treugesinnter aufstehen könne, die Rechte ihres Sohnes zu vertheidigen, das zagende Mutterherz zu beschwichtigen. Es fehlte nicht an Briefen bewährter Freunde, die ihre Hoffnungen belebten, nicht an Winken, und endlich sogar an dringenden Aufforderungen zu kommen. Man betheuerte, Gut und Blut für ihren Sohn zu wagen, wenn sie nur selbst sich mit ihrem Sohne an ihre Spitze stellen wolle, eine noch allgemeinere Begeisterung durch ihren Anblick zu wecken. Ihr an sich ritterlicher Sinn, der sich stets in einer zweckmäßigen Thätigkeit gefiel, und von der monotonen Gegenwart voll Müßiggang und Langeweile schmerzlich gepeinigt wurde, fühlte sich durch die Wünsche ihrer Getreuen und durch die vielen Beweise ihrer Ergebenheit wieder lebendig aufgeregt, und Liebe und Pflicht stellten ihr das gefahrvolle Unternehmen, plötzlich in Frankreich zu erscheinen und die königliche Fahne siegreich aufzupflanzen, in der höchsten Verklärung irdischer Seligkeit dar. Aber ach, es war nur die Fahne des Aufruhrs, die sie in das Land brachte, das sie und die Ihrigen feindlich von sich gestoßen – nur die Wunden, die eine gewaltsam unterdrückte Insurrection schlägt, blieben als Spuren eines Daseins zurück, das für die edelsten Absichten sich zu opfern bereit war. So groß indessen die Zahl ihrer Anhänger auch war, so war doch die der Gegner noch größer, und die ausübende Gewalt in den Händen der Letztern. Viel Blut ist geflossen – heldenmüthige Aufopferungen wurden freudig dargebracht – aber weder dies, noch die persönliche heroische Entschlossenheit und Hingebung der Herzogin vermochte die Sache zu fördern, die zu vertheidigen sie ihr Leben nicht schonte. Alle ihre kühnen Pläne scheiterten, und sie mußte nur dem Himmel danken, daß sie sich, obgleich mit Schmerz, in Karl's des Zehnten Willen gefügt, und den Herzog von Bordeaux zurück gelassen hatte. Gedrängt von allen Seiten, und in den sonderbarsten Verkleidungen bald der Gefahr entgegen gehend, bald ihr ausweichend, führte sie jetzt ein Leben, das an's Abenteuerliche gränzte. Ost entging sie auf eine fast unbegreifliche Weise den Verfolgungen ihrer Feinde, und erschien theils zu Roß, theils zu Fuß, theils zu Wagen wohlbehalten mitten unter ihren Getreuen, welche bereits zitterten, sie verloren zu haben. Doch einen gefährlicheren Feind erweckte sie sich selbst; es war ihr Ruf, der nach und nach von seiner Lauterkeit einbüßte, je mehr ihr Betragen sich durch dieses unstäte Umherschwärmen gewissermaßen vermännlichte, und die zarte Grenzlinie weiblicher Zucht und Sitte überschritt. Man wußte, daß ein Edelmann, der bei ihr in Gunst stand, ihr in der Verkleidung eines Kammerdieners folgte, unter dem Vorwande, ihr unter dieser Maske desto sicherer zum Schutz gereichen zu können. Man kannte, oder ahnte wenigstens, auch andere Verhältnisse, und Viele von denen, die sich ehemals glücklich gepriesen haben würden, den Staub ihrer Sohlen zu küssen, gestatteten sich, um der Gegenpartei zu huldigen, das feige Vergnügen, sie auch noch zu verleumden, oder doch ihre Schwächen an das Licht zu ziehen. So trieb sie sich unter immer vergeblichen Versuchen, einen allgemeinen Aufstand zu organisiren, von Ort zu Ort, bis endlich der Verrath eines Undankbaren (eines getauften Juden, Deuz genannt, den sie zuweilen zu Aufträgen gebraucht, und mit Wohlthaten überhäuft hatte) diesem chevaleresken Treiben ein Ende machte. Sie hatte sich in Nantes mit einigen Vertrauten in den Hintergrund eines Kamins geflüchtet, wo sie unter den größten Martern, vom Rauche fast erstickt, von der Flamme schon mehrmals versengt, unter Hunger und Durst, und ohne Schlaf, in der unbequemsten Stellung von einem Morgen bis zum Mittag des andern Tages geduldig ausgeharrt hatte. Umsonst war das Streben, sie zu entdecken, gewesen. Doch mußten die in einem so unerträglichen Zustande sich Befindenden endlich selbst die Thür öffnen, die ihren Schlupfwinkel von dem Raume trennte, wo ihre Verfolger verweilten. Die Herzogin trat mit einer Würde und Unbefangenheit aus ihrem Versteck, welche den Soldaten, die sie als Gefangene empfingen, Ehrfurcht und die wärmste Theilnahme einflößte. »Ich bin die Herzogin von Berry,« sprach sie ruhig, »und Ihr seid Franzosen und Soldaten. Ich vertraue mich Eurer Ehre an.« Von hier an scheint sich ihre politische Laufbahn zu schließen. Man gönnte ihr drei Tage zur Erholung, und schiffte sie nach Ablauf derselben, am 9. November 1831 in der Brigg la Capricieuse ein, um sie in dem festen Chateau de Blaye in sichere Verwahrung zu bringen. Dort sah sie sich nach einiger Zeit genöthigt, die geheime Verbindung zu bekennen, die sie mit dem Grafen Lucchesi Palli geschlossen hatte, da die Folgen derselben sich nicht länger verbergen ließen. Im Mai 1832 wurde sie von einer Tochter entbunden, und bald nach ihrer Wiederherstellung sandte man sie, ihr nun die Freiheit gebend, sammt ihrem Kinde, (welches aber schon im ersten Jahre seines Lebens starb) nach ihrem Vaterlande, wo sie sich mit ihrem neuen Gatten wieder vereinigte. – Hoffentlich wird sie nun in stiller Zurückgezogenheit das Glück finden, das sie im Gewühl der Abenteuer und der Kämpfe vergebens suchte. Doch scheint ihre kraftvolle Seele noch immer nicht von dem milden Einflusse einer ruhigen Resignation durchdrungen zu sein, denn selbst nach ihrer Befreiung noch schrieb sie an einen ihrer Anhänger: »Alles ist verloren, nur die Ehre nicht! sagte einer »meiner Vorfahren. Ich aber sage: Nichts ist verloren, so lange »man noch Muth und treue Freunde hat.« Im Sommer 1834 besuchte sie ihre Familie in Prag.

A.


http://www.zeno.org/DamenConvLex-1834.

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