Arnold Joseph Toynbee
Arnold J. Toynbee, 1961

Arnold Joseph Toynbee (* 14. April 1889 in London; † 22. Oktober 1975) war ein britischer Kulturtheoretiker und einer der bedeutendsten Geschichtsphilosophen des 20. Jahrhunderts. Er gilt als letzter großer Universalhistoriker.

Inhaltsverzeichnis

Leben und Werk

Arnold J. Toynbee wird oft mit seinem Onkel, dem Wirtschaftshistoriker Arnold Toynbee (1852–83) verwechselt, der den Begriff Industrielle Revolution prägte. Der Neffe studierte Geschichte in Winchester, in Heidelberg und am Balliol College in Oxford und arbeitete sowohl im Ersten als auch im Zweiten Weltkrieg für das britische Außenministerium. Er war Berater des War Propaganda Bureau und schrieb selbst gegen die Mittelmächte und das Osmanische Reich gerichtete Propaganda-Pamphlete [1].

Nach dem Krieg nahm er 1919 an der Friedenskonferenz von Versailles teil. Gleich anschließend übernahm er eine Professur für byzantinische Geschichte an der University of London und 1924 den Lehrstuhl für Internationale Geschichte an der London School of Economics and Political Science. Von 1925 bis 1956 war er zudem Direktor des Royal Institute of International Affairs.

Der Gang der Weltgeschichte

Zwischen 1934 und 1961 arbeitete Toynbee an seinem epochemachenden 12-bändigen Hauptwerk A Study of History (dt.: Der Gang der Weltgeschichte), in dem er die Bedingungen von Entstehung, Aufstieg und Verfall von Kulturen (civilizations) umfassend analysierte. Dabei widmet er in Abkehr von einer eurozentristischen Geschichtsschreibung den außereuropäischen Kulturen ebenso viel Aufmerksamkeit wie der europäischen. Das monumentale Werk begründete Toynbees Ruf als einer der letzten großen Universalhistoriker in der Tradition Jacob Burckhardts und Oswald Spenglers.

Toynbees Kulturtheorie

Der Gang der Weltgeschichte knüpft an Spenglers (Der Untergang des Abendlandes) an, vertritt aber nicht dessen kulturpessimistisch-deterministische Sicht, nach der alle Kulturen eine quasi naturgesetzliche und voneinander unabhängige Entwicklung von Aufstieg, Blüte und Verfall durchlaufen. Vielmehr propagiert Toynbee eine evolutionäre, prinzipiell ergebnisoffene und damit differenzierte Sichtweise. Danach entwickeln sich nicht alle Kulturen in einem steten Kreislauf von Aufstieg und Verfall, sondern jeweils unterschiedlich - je nach ihrer Fähigkeit, „Antworten“ (responses) auf „Herausforderungen“ (challenges) zu finden.

Er vertritt die Auffassung: Je höher der Anreiz zur Entwicklung einer Kultur, desto höher deren spätere Entwicklungsstufe. Die Herausforderung könne aber auch zu stark sein und zu einer Überdehnung der Kräfte führen. Demnach entwickelten sich Kulturen, die vor zu einfache oder zu schwere Herausforderungen gestellt werden, überhaupt nicht oder fallen in Stagnation. Letzteres sei beispielsweise bei den Polynesiern und den Inuit der Fall, die sich der extremen Herausforderung gestellt hätten, die Wasserwüsten des Pazifik bzw. die Eiswüsten der Arktis zu besiedeln.

Andere Kulturen hätten dagegen eine Lösung für eine zu bewältigende Aufgabe gefunden - wie etwa die altägyptische Kultur auf die jährlich wiederkehrenden Überschwemmungen des Nillandes - und seien dadurch zu großer Blüte gelangt. Einige davon gehen laut Toynbee auch wieder unter, andere dagegen erleben eine Transformation in eine oder mehrere Tochterkulturen. So seien etwa die abendländische und die byzantinische Kultur aus der römisch-hellenistischen hervorgegangen. Wieder andere erwiesen sich als sehr langlebig - weil anpassungs- und wandlungsfähig - wie etwa die chinesische Kultur. Als entscheidende Triebkraft der Geschichte sieht Toynbee keine abstrakten Ideen oder Gesetzmäßigkeiten, sondern das Wirken konkreter Menschen.

Eine kritische Aufnahme seiner Ideen findet sich bei Franz Borkenau (Ende und Anfang).

Weltkultur und Weltstaat

Toynbee sah eine allgemeine Weltkultur im Entstehen, deren große Herausforderung seiner Ansicht nach darin besteht, einen den Frieden garantierenden Weltstaat zu schaffen. Viele sehen in Toynbee daher einen frühen Propheten der Globalisierung. In seinem letzten, universalgeschichtlichen Werk Menschheit und Mutter Erde von 1974 schreibt er:

„Die gegenwärtigen unabhängigen Regionalstaaten sind weder imstande, den Frieden zu bewahren, noch die Biosphäre durch die Verunreinigung durch den Menschen zu schützen oder ihre unersetzlichen Rohstoffquellen zu erhalten. (...) In einem Zeitalter, in dem sich die Menschheit die Beherrschung der Atomkraft angeeignet hat, kann die politische Einigung nur freiwillig erfolgen. Da sie jedoch offenbar nur widerstrebend akzeptiert werden wird, wird sie wahrscheinlich so lange hinausgezögert werden, bis die Menschheit sich weitere Katastrophen zugefügt hat, Katastrophen solchen Ausmaßes, dass sie schließlich in eine globale politische Einheit als kleinerem Übel einwilligen wird.“ (S. 501f.)

Familie

Toynbee ist Großvater der bekannten atheistischen Bürgerrechtlerin und Journalistin Polly Toynbee.

Werke

(Auswahl)

  • Armenian Atrocities: the Murder of a Nation, Hodder & Stoughton. 1. Jan. 1915. NY
  • A Study of History, Bd. I-X, London 1934-1954, Zusatzbde. XI-XII ebda. 1959/61 (Von D.C. Somervell gekürzte und von Toynbee autorisierte jeweils einbändige Ausgaben der Bände I-VI sowie VII-X erschienen 1946 bzw. 1957 bei Oxford University Press, London)
  • Der Gang der Weltgeschichte, 2 Bde., Zürich 1949 u. 1958 (im Europa Verlag erschienene dt. Fassung der Somervell-Ausgabe, übersetzt v. Jürgen von Kempski)
  • Civilisation on Trial, New York 1948 (dt. Kultur am Scheidewege, Zürich 1949)
  • War and Civilization (dt.: Krieg und Kultur. Der Militarismus im Leben der Völker, Stuttgart 1950)
  • East to West: A Journey Round the World, New York 1958 (dt.: Von Ost nach West. Bericht einer Weltreise, Stuttgart 1958)
  • The Present-day Experiment in Western Civilisation, London 1962 (dt.: Die Zukunft des Westens, München 1964)
  • Ströme und Grenzen. Eine Fahrt durch Indien, Pakistan, Afghanistan, Stuttgart 1963
  • Menschheit - woher und wohin? Plädoyer für den Weltstaat, Stuttgart 1969
  • Mankind And Mother Earth - A Narrative History Of The World, Oxford University Press, Oxford, 1976 (dt. Menschheit und Mutter Erde. Die Geschichte der großen Zivilisationen, Claassen Verlag GmbH, Düsseldorf, 1979
  • Lectures on the Industrial Revolution in England.
  • Turkey: Past and Future.

Literatur

  • Othmar Anderle, Das universalhistorische System Arnold Joseph Toynbees, Frankfurt, Wien 1955
  • Joseph Vogt, Wege zum historischen Universum. Von Ranke bis Toynbee, Stuttgart 1961
  • José Ortega y Gasset, Eine Interpretation der Weltgeschichte. Rund um Toynbee München 1964

Weblinks

Quellen

  1. German and English Propaganda in World War I Nymas

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