Navi Pillay

Navi Pillay

Navanethem Pillay (* 23. September 1941 in Durban) ist eine südafrikanische Richterin am Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag. Seit dem 1. September 2008 amtiert sie als Hohe Kommissarin der Vereinten Nationen für Menschenrechte (UNHCHR).

Inhaltsverzeichnis

Leben

Familie

Navanethem Pillay, genannt „Navi“ Pillay, stammt aus einem Elternhaus, das der südafrikanischen Minderheit der Tamilen angehört. Ihr aus Indien eingewanderter Vater war Busfahrer. Die Eltern wohnten mit ihren insgesamt vier Töchtern in einem armen Stadtviertel der Hafenstadt Durban, das zur damaligen Zeit aufgrund der Rassentrennungspolitik Südafrikas (Apartheid) den Angehörigen der südostasiatischen Minderheiten zugewiesen war. Pillay ist heute verwitwet und hat zwei Töchter.

Erstes Studium in Südafrika

Pillay studierte zunächst Recht an der Law School der Universität von Natal. Das dafür benötigte Geld bekam sie von ihrer Gemeinde als Belohnung für einen Schulaufsatz, in dem sie die seinerzeit außergewöhnliche Meinung vertrat, dass es die Aufgabe der Frauen in Südafrika sei, den Kindern auch ein richtige Einstellung zu Menschenrechten zu vermitteln. Die Immatrikulationsstelle der Universität wollte sie zunächst nicht Jura studieren lassen, da es in Südafrika unmöglich sei, dass eine nichtweiße Anwältin Anweisungen an weiße Angestellte gebe, und sie daher später keinen Job finden werde.

In der Universitätsbibliothek las sie auch Niederschriften der Nürnberger Prozesse nach dem Ende des „Dritten Reiches“. Das in den dortigen Anklagen angewandte Prinzip, nicht ein Kollektiv, sondern den Einzelnen für Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit verantwortlich zu machen, übernahm sie in ihrer späteren Tätigkeit. Das Studium schloss sie mit dem Bachelor of Arts (B.A.) und Bachelor of Law (LL.B.) ab.

Rechtsanwältin während der Apartheid

1967 eröffnete Pillay als erste farbige Frau in der Provinz Natal eine eigene Kanzlei als Rechtsanwältin, weil sie aufgrund ihrer Hautfarbe keine Anstellung in einem Anwaltsbüro bekam. Zu dieser Zeit war die Justiz von Weißen, vor allem Männern, dominiert. Unter anderem durften damals nichtweiße Anwälte kein Richterzimmer betreten; daher blieb auch ihr die Richterlaufbahn 28 Jahre lang verwehrt.

Pillay war Strafverteidigerin vieler Opfer der Rassentrennung und Aktivisten der Anti-Apartheid-Bewegung – darunter ihres eigenen Mannes, der fünf Monate in Isolationshaft (Incommunicado) gehalten wurde – sowie von Gewerkschaftern und Frauenrechtlerinnen. Pillay war Verteidigerin in einer Reihe von Präzedenzprozessen zu den Auswirkungen von Isolationshaft (sie argumentierte, dass die angewandte Isolationshaft sich negativ auf die Zuverlässigkeit von Zeugenaussagen auswirke), dem Recht politischer Häftlinge auf einen fairen Prozess (sie bemängelte rechtswidrige Methoden der Befragung) und zur innerfamiliären Gewalt. 1973 hatte eine Appellation von ihr gegen den Leiter der Strafanstalt von Robben Island Erfolg, die den politischen Gefangenen – darunter Nelson Mandela – Zugang zu Anwälten ermöglichte.

Wie Erzbischof Desmond Tutu und andere Menschenrechtsaktivisten kam sie aufgrund ihres Engagements als staatsgefährdend auf eine Liste der Staatssicherheit. Jahrelang wurde Pillay aufgrund ihres Einsatzes der Reisepass entzogen.

Harvard-Studium und Richterin am Obersten Gerichtshof Südafrikas

Ende der 1970er Jahre wurde sie sich der Tatsache bewusst, dass ihre Ausbildung unter der Apartheid ein Karrierehindernis bedeutete, weil sie in Südafrika kein Wissen über wesentliche Teile des Rechtsgebietes Völkerrecht bekam. Eine Wende in ihrer Berufslaufbahn zeichnete sich ab, als Pillay für ein Graduiertenprogramm an der Harvard Law School in den USA zugelassen wurde, wo sie 1982 einen Master-Abschluss erreichte und anschließend 1988 – als erste nichtweiße Südafrikanerin – den Doktorgrad der Rechtswissenschaften (S.J.D.). Ihre Doktorarbeit schrieb sie über die Schwierigkeiten, Gerechtigkeit zu erreichen, wenn in einem Staat Recht als Instrument der Politik missbraucht wird.

Dieser Abschluss an der Elite-Universität Harvard ermöglichte ihr eine Rückkehr nach Südafrika mit größerem Prestige in der Justiz. In den 1980er Jahren (ab 1980) hatte Pillay einen Lehrauftrag an der Universität von KwaZulu-Natal inne. 1992 gehörte sie gemeinsam mit der US-Amerikanerin Jessica Neuwirth zu den Mitgründerinnen der internationalen Frauenrechtsorganisation Equality Now (sofortige Gleichheit), wo sie sich für die Verankerung von Freiheits- und Bürgerrechten in der Verfassung Südafrikas einsetzte; von 1992 bis 1995 war sie Vorstand der Organisation. 1995, also bereits kurz nach dem Ende der Rassentrennung, wurde Pillay als erste Farbige und erste Frau zur Richterin am Obersten Gerichtshof (Supreme Court) Südafrikas ernannt.

Darüber hinaus agierte sie zwischen 1995 und 1998 in weiteren öffentlichen Funktionen: als Treuhänderin des The Legal Resources Centre (einer Nichtregierungsorganisation für Rechtshilfe) und als Vizepräsidentin der University of Durban Westville (der heutigen Universität von KwaZulu-Natal). Außerdem half sie – im Rahmen der 1995 von Präsident Nelson Mandela initiierten National Economic Initiative, heute National Business Initiative – mit, zur wirtschaftlichen Förderung von Frauen 1996 das Unternehmen Nozala Investments zu gründen, eine regionale Partnerorganisation des WBCSD.

Richterin am Internationalen Strafgerichtshof für Ruanda

Wenige Monate später (noch 1995) wurde sie – auch hier als erste und damals einzige Frau – als Richterin der Anklageabteilung an den zur Aufarbeitung des Völkermords von 1994 neu eingerichteten Internationalen Strafgerichtshof für Ruanda (ICTR) mit Sitz in Arusha (Tansania) abgeordnet. Zu den unter ihrer wesentlichen Mitwirkung gefällten Entscheidungen des Ruanda-Tribunals zählen drei für das internationale Strafrecht wegweisende Urteile:

  • Jean-Paul Akayesu, Bürgermeister der ruandischen Gemeinde Taba, wurde – als erste jemals von einem internationalen Strafgericht verurteilte Person – des Völkermords schuldig gesprochen (Details siehe unter: Akayesu-Urteil). Die Bedeutung des Urteilsspruches liegt darin, dass er die weltweit erste Verurteilung wegen Völkermord – auf der Basis einer 1948 beschlossenen UN-Konvention – darstellt und erstmals Vergewaltigungen während kriegerischer Auseinandersetzungen als ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegswaffe anerkennt, die – sofern sie systematisch mit dem Ziel der Auslöschung einer bestimmten Bevölkerungsgruppe angewandt werden – darüber hinaus auch als Völkermordhandlungen einzustufen sind.
  • Jean Kambanda, der ehemalige Premierminister von Ruanda, wurde – als erster Chef einer Regierung überhaupt – des Völkermords für schuldig befunden.
  • Drei Ruander wurden verurteilt, weil sie die Massenmedien benutzten, um zum Völkermord anzustacheln.

1999 wurde sie Präsidentin des Gerichtshofes. Sie übte dieses Amt bis 2003 aus. Ihr Nachfolger wurde der Norweger Erik Møse.

Richterin am Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag

Im Jahr 2003 wurde Pillay auf Vorschlag der afrikanischen Staatengruppe von den Vertragsstaaten des Rom-Statuts für eine sechsjährige Amtsperiode zur Richterin der Berufungskammer am Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag gewählt. Zuletzt war sie Vorsitzende dieser aus 18 Richtern bestehenden Kammer. Ihre Ernennung ist insofern bemerkenswert, als vor diesem Gericht bis dahin nur Fälle aus Afrika behandelt wurden.

Hohe Kommissarin der Vereinten Nationen für Menschenrechte

Im Juli 2008 wurde sie von UN-Generalsekretär Ban Ki Moon für die Position der Hohen Kommissarin der Vereinten Nationen für Menschenrechte (UNHCHR) vorgeschlagen und am 28. Juli ihre Ernennung von der UN-Generalversammlung einstimmig bestätigt. Ihr Amtsantritt erfolgte am 1. September 2008. Sie ist Nachfolgerin der Kanadierin Louise Arbour, die nach Ablauf ihrer Amtszeit Ende Juni 2008 nicht erneut zur Verfügung stand, sodass das Amt einige Monate vakant bleibt.

Im Vorfeld der Ernennung von Pillay gab es nach Angaben von UN-Diplomaten Vorbehalte vor allem aus den USA. Kritisiert wurde unter anderem Pillays Einsatz für das Recht auf Abtreibung, zudem gab es Befürchtungen, sie werde aufgrund ihrer Herkunft die von den USA abgelehnte Politik des südafrikanischen Präsidenten Thabo Mbeki gegenüber Simbabwe unterstützen. Auch einige Menschenrechtsorganisationen, wie z. B. UN Watch, äußerten in dem letzteren Punkt zunächst Bedenken. Sie sind skeptisch, ob Pillay so offensiv wie ihre Vorgängerin auftritt und intensiv genug gegen schwere Menschenrechtsverletzungen tätig wird.

Veröffentlichungen

  • Law and economic change in Africa: change through trade unions in South Africa, Harvard Law School, 1982
  • B. Muna, N. Pillay, T. Rudasingwa: The Rwanda Tribunal and its Relationship to National Trials in Rwanda. American University International Law Review, 13, S. 1469ff., 1997
  • The accountability of those in leadership for human rights violations – the experience of the ICTR. Dublin: Trinity College School of Law, 2000
  • International criminal tribunals as a deterrent to displacement, In: A.F. Bayefski, J. Fitzpatrick (Hrsgg.): Human Rights and Forced Displacement, Kluwer Law International, Martinus Nijhoff Publishers, 2000, S. 262–266, ISBN 90-411-1518-8
  • Sexual Violence in Times of Conflict: The Jurisprudence of the International Criminal Tribunal for Rwanda. In: Simon Chesterman, International Peace Academy (Hrsgg.): Civilians in war. S. 165ff., Lynne Rienner Publishers, Boulder, Colorado (USA) 2001, ISBN 1-55587-965-9
  • The rule of international humanitarian jurisprudence in redressing crimes of sexual violence. In: Man's inhumanity to man. The Hague [u.a.]: Kluwer Law International, 2003, S. 685–692, ISBN 90-411-1986-8

Mitgliedschaften

Pillay wurde Mitglied und war in leitenden Funktionen bei zahlreichen Organisationen, darunter der Vereinigung Schwarzer Rechtsanwälte (Black Lawyers Association), der Women's National Coalition (südafrikanische Frauenorganisation), der Women Lawyers Association (Rechtsanwältinnenvereinigung), des Advice desk for Abused Women (Beratungsstelle für vergewaltigte Frauen) und der Lawyers for Human Rights (Rechtsanwälte für Menschenrechte).

Ehrungen

  • 2003 erhielt sie aufgrund ihres Einsatzes für die Menschen- und besonders Frauenrechte als erste Preisträgerin den Women's Rights Prize der US-amerikanischen Peter-und-Patricia-Gruber-Stiftung, dessen Beirat sie heute selbst angehört.
  • 2005 bekam sie einen Ehrendoktor (LLD) der südafrikanischen Rhodes University
  • Im Juni 2007 verlieh ihr die britische University of Durham einen Ehrendoktor des Zivilrechts.
  • Die American Society of International Law ernannte sie zum Ehrenmitglied.
  • Weitere Ehrungen erhielt sie von der International Bar Association (Internationale Rechtsanwaltsvereinigung) und der National Bar Association.

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