Artamanen

Als Artamanen bezeichneten sich die Mitglieder des formal 1926 in München gegründeten „Bund Artam e. V.“, einer Jugendorganisation im deutschnationalen Flügel der Deutschen Jugendbewegung und radikal-völkischen Siedlungsbund.

Inhaltsverzeichnis

Bezeichnung

Die Namensgebung bezog sich unmittelbar auf einen Aufruf von Willibald Hentschel, der in den Blättern aus Niegard 2 (1923) gefordert hatte: „Eine ritterliche deutsche Kampfgemeinschaft auf deutscher Erde – ich nenne sie Artam.“ Wilhelm Kotzde-Kottenrodt und Bruno Tanzmann druckten im Frühlingsheft 1924 der Deutschen Bauernhochschulen diesen Aufruf nach und richtete ihn an die gesamte völkische Jugendbewegung.

Spätere Deutungen von ‚Artam‘ versuchten die Namensgebung auf die althochdeutschen Wörter ‚art‘ (Ackerbau) und ‚manen‘ (Männer) zurückzuführen. Jedoch hatte Hentschel bereits vor 1910 und später in verschiedenen Auflagen von "Varuna" 'Artam' angeblich aus dem Persischen abgeleitet, aber in den verschiedenen Auflagen mit unterschiedlichen Deutungen. Das legt nahe, dass es sich um ein von ihm geschaffenes Kunstwort handelt. Die Parole der Artamanen lautete: „Gläubig dienen wir der Erde und dem großen Stirb und Werde.“

Tätigkeit

Die erste Artamanschaft kam im April 1924 auf dem Rittergut Limbach in Sachsen unter Leitung des Siebenbürgener Jungbauern August G. Kenstler zum Einsatz; ihr folgten weitere Gruppen. 1926 wurde ein Stand von 650 Freiwilligen auf 65 Gütern und Höfen erreicht. 1929, auf dem Höhepunkt der Bewegung, sind es rund 2000 auf rund 300 Gütern.

Die Gruppe vertrat eine völkische, agrarromantische Blut-und-Boden-Ideologie und propagierte einen freiwilligen Arbeitsdienst in der Landwirtschaft. Ihr Weltbild war von rassenideologischen und esoterischen Vorstellungen geprägt.[1] Nach ihrem Selbstverständnis bedeutete „Artam“ „die Erneuerung aus den Urkräften des Volkstums, aus Blut, Boden, Sonne und Wahrheit“. Die Artamanen strebten an, in den deutschen Ostprovinzen in einer möglichst autarken Gemeinschaft zu leben, auf dem Lande und von bäuerlicher Tätigkeit, um auf diese Weise einen Wall gegen das Eindringen und die Beschäftigung von polnischen Saisonarbeitern zur Erntezeit zu bilden. Die Gemeinschaft der Artamanen war seit 1927 hierarchisch nach dem Führerprinzip gegliedert. Nach ihrer Überzeugung würde sich das Schicksal Deutschlands nicht im Westen entscheiden, nicht an Rhein und Ruhr, sondern an der Weichsel und Memel.

Die Großgrundbesitzer im Osten bezahlten die Freiwilligen jedoch oftmals schlecht, gaben ihnen schlechte Unterkünfte und behandelten sie auch schlecht. Deshalb ging der Bund Artam dazu über, die Einkünfte der Mitglieder bis auf ein kleines Taschengeld in eine gemeinsame Kasse einzuzahlen. Aus diesen Mitteln wurden heruntergekommenen Großgüter aufgekauft und in einer mehrjährigen Übergangszeit ertragfähig gemacht, dann aber in einzelne Höfe zu durchschnittlich 15 Hektar aufgeteilt. In Koppelow in Mecklenburg wurden so nach vierjähriger Zwischen- und Aufbauwirtschaft 38 Familien angesiedelt.[2] Diese von den Artamanen bevorzugte Gruppensiedlung bedeutete keine Kollektivwirtschaft. Nur bei Erschließung und Aufbau der Siedlung wurde gemeinschaftlich vorgegangen.

Mitglieder

Hentschel leitete zwar formal den Verein bis 1927, als 'Kanzler' fungierte jedoch Friedrich Schmidt, bis dann das NSDAP-Mitglied Hans Holfelder das Amt übernahm. Hauptsitz war Halle (Saale). Weitere führende Köpfe im Verein waren die schon genannten Bruno Tanzmann von der Deutschen Bauernhochschule, Wilhelm Kotzde-Kottenrodt, Gründer und Führer der Adler und Falken, und August Georg Kenstler, Herausgeber der Zeitschrift Blut und Boden. Viele Artamanen waren zugleich Mitglieder der Adler und Falken, die ein eigenes Artamanenamt einrichteten und in ihrem Zwiespruch die Sonderbeilage Der Artamane herausgaben. Zuständig dafür war Hans Teichmann, der spätere Hauptschriftleiter Der Kommenden.[3]

1927 gründete Georg Wilhelm Schiele eine „Gesellschaft der Freunde der Artamanenbewegung“ und warb in finanzkräftigen Kreisen um Unterstützung.[4]

Zu den Mitgliedern der Artamanen gehörten einige später prominente Nationalsozialisten wie der Reichsbauernführer Richard Walther Darré, der Auschwitz-Kommandant Rudolf Höß, der Ministerpräsident von Mecklenburg Walter Granzow,[5] der Leiter des Hauptschulungsamtes der NSDAP, der schon erwähnte Friedrich Schmidt und der Reichsführer-SS Heinrich Himmler, der am 21. Dezember 1929 auf dem Reichsthing der Artamanen in Freyburg an der Unstrut als Gauführer des Bundes Artam in Bayern bestätigt wurde, als der er Mitte 1928 von Holfelder ernannt worden war. Als Redner auf der Veranstaltung in Freyburg waren versammelt: Der völkische Schriftsteller Georg Stammler, Max Robert Gerstenhauer, Hans Severus Ziegler, Ernst Niekisch, Friedrich Muck-Lamberty, Kleo Pleyer, Alfred Rosenberg und Baldur von Schirach.[6]

Artam.jpg

1942 genehmigte der Reichsjugendführer "in Würdigung des Verdienstes der Artamanenbewegung", dass das alte Artamanen-Abzeichen (blaues Schild mit Rune und Siebengestirn) zum Dienstanzug der HJ von ehemaligen Angehörigen des NS-Bundes der Artamanen und des Bundes Artamanen e.V. getragen werden kann. Das Abzeichen wurde auf der linken Brusttasche unterhalb des Parteiabzeichens getragen.[7]

Niedergang

Auf dem Reichsthing 1929 kam es zur Spaltung der Artamanen. Die Mehrheit um die Bundesführung schloss die Minderheit aus, die sich daraufhin als eigener Bund mit Fritz Hugo Hoffmann als Bundesführer konstituierte ('Die Artamanen. Bündische Gemeinden für Landarbeit und Siedlung'.). Damit beginnt der Niedergang der Bewegung.[8] Die noch im Anfang stehende Siedlungstätigkeit der Artamanen kam zu Ende.

Nach der Auflösung und dem Verbot aller übrigen Organisationen der bündischen Jugend und der freien Jugendbewegung im Zuge der Gleichschaltung durch die Nationalsozialisten wurde der „Bund der Artamanen“ als einzige Ausnahme im Oktober 1934 korporativ in die Hitlerjugend (HJ) übernommen und bildete später den Kern des Landdienstes der HJ.

Rezeption

Die Gesamtzahl junger Menschen, die im Laufe der 12 Jahre ihres Bestehens in der Artamanenbewegung tätig gewesen sind, liegt zwischen 25.000 und 30.000.[9]

Im September 1966 wurde der erste „Artam-Rundbrief“ von und für alte Artamanen verschickt, aus dem später die „Artam-Blätter“ eines Freundeskreises und der „Freundeskreis der Artamanen“ hervorgingen, der bis 2001 bestand. Bis zu diesem Jahr fand jährlich ein Bundestreffen statt.[10] Seit Anfang der 1990er Jahre haben sich mehrere Familien als sogenannte „Neo-Artamanen“ zwischen Teterow und Güstrow in Mecklenburg-Vorpommern angesiedelt.[11][12][13] Das Portal „Endstation Rechts“ nennt die Gruppierung „völkisch[14] und „rechtsgesinnt“.[15]

In Form von Geschichten und als Science fiction wurden die völkischen Ideen von Artam durch Volkmar Weiss wieder aufgegriffen.

Literatur

  • Stefan Brauckmann: Artamanen als völkisch-nationalistische Gruppierung innerhalb der deutschen Jugendbewegung 1924–1935. In: Jahrbuch des Archivs der deutschen Jugendbewegung NF Band 2/05. Seite 176–196. Wochenschau-Verlag, Schwalbach 2006. ISBN 978-3-89974-310-4.
  • Stefan Brauckmann: Die Artamanenbewegung in Mecklenburg. In: Zeitgeschichte regional. Mitteilungen aus Mecklenburg-Vorpommern, Heft 2/08, S. 68 - 78, Rostock 2008. ISSN 1434-1794.
  • Stefan Breuer: Die Völkischen in Deutschland. Kaiserreich und Weimarer Republik. Wiss. Buchges., Darmstadt 2008. ISBN 978-3-534-21354-2
  • Walter Dietrich: Artam Siedler, Siedlungen, Bauernhöfe. Versuch einer Dokumentation über die Siedlungsgebiete der Artamanen in den Jahren 1926-1945, Selbstverlag, Witzenhausen 1982.
  • Michael H. Kater: Die Artamanen - Völkische Jugend in der Weimarer Republik. In: Historische Zeitschrift. Band 213, 1971, Seite 577–638.
  • Hanns Nickol: Das neue Leben oder Die Artamanen. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1936
  • Gudrun Pausewang: Rosinkawiese - damals und heute: Mit dokumentarischen Fotos: Die Rosinkawiesen-Trilogie in einem Band. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2004 ISBN 3-423-13203-5
  • Alwiß Rosenberg: Bäuerliche Siedlungsarbeit des Bundes Artam. Ein agrarpolitischer Versuch bündischer Jugend. In: Jahrbuch des Archivs der Deutschen Jugendbewegung. Band 9, 1977, Seite 199–229.
  • Peter Schmitz: Die Artamanen: Landarbeit und Siedlung bündischer Jugend 1920 - 1945. Bad Neustadt an der Saale 1985, ISBN 3-922923-36-4.
  • Über die Artamanen zur SS. In: Die Zeit, Nr. 42/1958

Weblinks

Einzelnachweise

  1. "Außerdem war das Weltbild der Artamanen von esoterischen Vorstellungen, ariosophischen und theosophischen Ideen geprägt, die später in das rassenideologische Konzept Heinrich Himmlers einflossen.“ Paula Diehl: Macht, Mythos, Utopie: die Körperbilder der SS-Männer. Akademie-Verlag, Berlin 2005 S. 59.
  2. Linse, Ulrich: Zurück, o Mensch, zur Mutter Erde. München: Deutscher Taschenbuch Verlag 1983, S. 327-339 Artamanengüter
  3. Stefan Breuer, Ina Schmidt: Die Kommenden. Eine Zeitschrift der Bündischen Jugend (1926–1933). Wochenschau Verlag, Schwalbach/Taunus 2010; S. 26ff: Bündnispartner: Artamanen und Schilljugend
  4. Wolfgang Schlicker: „Freiwilliger“ Arbeitsdienst und Arbeitsdienstpflicht 1919–1933. Die Rolle militaristischer und faschistischer Kräfte in den Arbeitsdienstbestrebungen der Weimarer Republik. Dissertation an der Pädagogischen Hochschule Potsdam, 1968, hier: Artamanenbewegung, Landwerk und „Ostmärkische Landarbeiter- und Siedlerschule“ – Vorläufer des faschistischen Arbeitsdienstes und Zentren des aggressiven Nationalismus und Faschismus auf dem Lande, Seite 82–105.
  5. Dietrich Bronder: Bevor Hitler kam. Marva, Genf 1975, S. 204
  6. Hans-Christian Brandenburg: Die Geschichte der HJ. Wege und Irrwege einer Generation. 2. Auflage. Verlag Wissenschaft und Politik, Köln 1982 1982, hier: Die Artamanen, Seite 77–80.
  7. UM-Uniformen-Markt. Fachzeitschrift des Uniformen-Handels. Folge 20 vom 15. Oktober 1942, Seite 157.
  8. Stefan Breuer: Die Völkischen in Deutschland. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2008, hier: Völkische Jugend, Seite 218–220.
  9. Werner Kindt (Hrsg.): Die deutsche Jugendbewegung 1920 bis 1933. Die bündische Zeit. Eugen Diederichs, Düsseldorf 1974, hier: Artamanen, Seite 909–930.
  10. Maik Baumgärtner und Jesko Wrede: „Wer trägt die schwarze Fahne dort ...“ Völkische und neurechte Gruppen im Fahrwasser der Bündischen Jugend. Bildungsvereinigung Arbeit und Leben Niedersachsen Ost, Braunschweig 2009, S. 115
  11. Maik Baumgärtner und Jesko Wrede: „Wer trägt die schwarze Fahne dort ...“ Völkische und neurechte Gruppen im Fahrwasser der Bündischen Jugend. Bildungsvereinigung Arbeit und Leben Niedersachsen Ost, Braunschweig 2009, S. 118
  12. Siedlungsprojekt in Mecklenburg-Vorpommern: Wohnen und Leben in Nazi-Tradition, Netz gegen Nazis, 1. September 2010
  13. Stephan Jurisch: Rückkehr. Die Artamanenbewegung als Beispiel alternativer Lebensgestaltung. Hier und Jetzt 11 (Sommer 2008), S. 34–39
  14. Oliver Cruzcampo: Siedlungsprojekt in Mecklenburg-Vorpommern: Wohnen und Leben in Nazi-Tradition, abgerufen 20. Dezember 2010
  15. André Mächler: Ökologische Rechtsgesinnte, abgerufen 20. Dezember 2010

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