Artgemeinschaft - Germanische Glaubensgemeinschaft

Die Artgemeinschaft – Germanische Glaubens-Gemeinschaft wesensgemäßer Lebensgestaltung e.V. ist eine völkische, religiöse und neuheidnische Gemeinschaft.[1] Der Verfassungsschutz warnt vor ihr als einer rechtsextremistischen Organisation, welche rechtsextreme Ideologie und neuheidnische Religiosität mischt.[2]

Inhaltsverzeichnis

Allgemein

Der Sitz der Organisation ist Berlin (Amtsgericht Berlin (Charlottenburg) VR 2706). Sie entfaltet ihre Aktivitäten von Hamburg aus. Bundesweit hat sie etwa 150 Mitglieder.[3] Sie wird von dem Hamburger Rechtsanwalt Jürgen Rieger geführt, der Mitglied der NPD ist und in der Neonazi-Szene bedeutende Aktivitäten entfaltet. Auf regionaler Ebene ist sie in sogenannte Gefährtschaften gegliedert.[4] Es bestehen personelle Verflechtungen und Verbindungen zum rechtsextremen Spektrum, insbesondere zu den Freien Kameradschaften.[4] Die Mitgliedschaft ist nach rassistischen Gesichtspunkten geregelt. Nur „nordentstammte“ Menschen können Mitglied werden. Die Mitglieder gehören verschiedenen Strömungen der rechten Szene an, von militanten Neofaschisten bis zu Vertretern der Neuen Rechten.[5] Publizistisches Organ der Gruppe ist die Nordische Zeitung, die in kleiner Auflage für Mitglieder erscheint.[4] Sie gibt eine Buchreihe und zwei Schriftenreihen heraus. Außerdem wurden einige Einzelschriften herausgegeben.[1]

Geschichte

Die Artgemeinschaft wurde 1951 von Wilhelm Kusserow in der Tradition der deutschgläubigen Nordischen Glaubensgemeinschaft unter dem Namen „Vertrauenskreis freigläubiger Gefährten''“ gegründet. Seit 1957 ist sie als eingetragener Verein unter dem Namen Artgemeinschaft tätig.[6]

Die Geschichte der Artgemeinschaft ist von mehreren Zusammenschlüssen und Spaltungen geprägt. So schlossen sich 1965 die Nordisch-Religiöse-Gemeinschaft (1954 in Nordisch-religiöse Gemeinschaft umbenannt) von Norbert Seibertz und in den 1980er Jahren die 1924 gegründeten Nordungen der Artgemeinschaft an. Nachdem 1980 Kusserow von jüngeren Mitgliedern abgesetzt wurde, verließ er die Artgemeinschaft und gründete mit ihm verbliebenen Anhängern den Treuekreis Artglaube Irminsul.[7][8] Neuer Leiter wurde Guido Lauenstein. Seit 1989 wird sie von dem Rechtsextremisten Jürgen Rieger, einem Gegner Kusserows[7], geleitet.[9] 1989 wurde der Vereinsname durch den Zusatz Germanische Glaubens-Gemeinschaft wesensgemäßer Lebensgestaltung erweitert.[10] Der Rechtsextremist Jürgen Rieger versuchte die Rechtsnachfolge der alten Germanischen Glaubens-Gemeinschaft anzutreten, und führte in dieser Frage einen Rechtsstreit mit der Germanischen Glaubens-Gemeinschaft Géza von Neményis, die sich von Faschismus, Rassismus und völkischer Ideologie distanziert.[11][12] Die Gerichte entschieden in erster und zweiter Instanz für die GGG Neményis.[11]

Zu den Vorläufern der Artgemeinschaft gehört vor allem die Nordische Glaubensgemeinschaft, die im Mai 1928 gegründet wurde, nachdem bereits 1927 eine Gemeinschaft unter diesem Namen aus der Deutsch-religiösen Gemeinschaft ausgeschieden war [13] und den Versuch unternommen hatte, verschiedene nordische Gruppen zu vereinigen, zu denen neben den Nordungen auch die Germanische Glaubens-Gemeinschaft Ludwig Fahrenkrogs sowie Teile der Deutschgläubigen Gemeinschaft Otto Sigfried Reuters mit Norbert Seibertz gehörten. Die Nordungen, die neben Norbert Seibertz wesentlich an der Gründung beteiligt waren, traten 1932 aus. Die Nordische Glaubensgemeinschaft dürfte etwa 1000 Mitglieder gehabt haben.[14]

Im Jahr 1932[15] schloss sich die Nordische Glaubensgemeinschaft der Nordisch-Religiösen Arbeitsgemeinschaft an, deren Führer Norbert Seibertz und Kusserow wurden und welche die Absicht verfolgte, die Nordisch-Religiösen aller Gemeinschaften zu sammeln, um sich die Gleichberechtigung im Staat zu erkämpfen. Sie stellte sich von Anfang an in eine Front mit dem Nationalsozialismus. Im Christentum sah sie ein „gefährliches Einfallstor des Asiatismus, des Judentums und des Marxismus[16] Nachdem die Nordisch-Religiösen im Rahmen der neuen Religionspolitik von Seiten der NSDAP aber keine Förderung erfuhren[17], wurde die Nordisch-Religiöse Arbeitsgemeinschaft schließlich Mitglied in der im Juli 1933 gegründeten Arbeitsgemeinschaft Deutsche Glaubensbewegung, die von Jakob Wilhelm Hauer geführt wurde, wo sie dem radikalen Flügel angehörte und sich gegen die Beteiligung der Freireligiösen aussprach. Die erhoffte radikale Bekämpfung der christlichen Konfessionen war jedoch nicht das Ziel der Bewegung Hauers, sondern deren Gleichberechtigung mit den Kirchen[17] als Dritte Konfession. Trotz der Radikalisierung der Arbeitsgemeinschaft Deutsche Glaubensbewegung trat sie aus, nachdem im Mai 1934 die Gründung einer eigenen Organisation der Deutschen Glaubensbewegung beschlossen wurde. Unter Seibertz, der eng mit Kusserow zusammenarbeitete,[17] organisierte sich die Nordische Glaubensgemeinschaft im Oktober 1934 neu. Deren Zeitung wurde die Nordische Zeitung, die heftig gegen Hauer polemisierte und ihm seine frühere Zusammenarbeit „mit dem Juden Martin Buber“ vorwarf. Abzeichen der Nordischen Glaubensgemeinschaft war die silberne Hagalrune auf blauem Grund.[18] Während Kusserow 1951 die Artgemeinschaft gründete, bestand die Nordische Glaubensgemeinschaft unter Seibertz weiter und nannte sich 1954 in Nordisch-religiöse Gemeinschaft um. Vereinigungsversuche mit der Artgemeinschaft scheiterten. Nach dem Tod Seibertz trat die Nordisch-religiöse Gemeinschaft der Artgemeinschaft bei.

Charakterisierung

Die Artgemeinschaft mischt rechtsextreme Ideologie mit heidnischer Religiosität.[19] Im Unterschied zu einer politischen Organisation wird der Aspekt des heidnischen Glaubens in den Vordergrund gestellt. Ihre neuheidnisch geprägte Weltanschauungslehre dient aber auch als Gefäß für eine gesellschaftspolitische Verbreitung rechtsextremen Gedankengutes.[19] Dabei tritt neben einer scheinbar unverfänglichen, gesellschaftspolitischen Neutralität eine latent xenophobe antisemitische Weltanschauung auf.[19] Sie vertritt einerseits einen „artgemäßen Glauben“, der die Überlegenheit der „arisch-nordischen“ oder „germanischen Rasse“ behauptet. Andererseits pflegt sie die Idee einer Rekonstruktion einer nach dem Grundsatz des Führerprinzips aufgebauten Volksgemeinschaft.[4] Dies unterscheidet die Artgemeinschaft von den meisten anderen heidnischen Gemeinschaften in Deutschland, die lediglich eine Renaissance germanischer Religion anstreben[19] (siehe auch Artikel Asatru). Von der Artgemeinschaft werden auch populäre Verschwörungstheorien einer Verknüpfung von Zionismus, Plutokratie und Weltherrschaftsstreben aufgegriffen.[19] Sie bekämpft jüdisch- und christlich-humanistische Moralvorstellungen zugunsten eines der Natur und der Tierwelt entlehnten Rechtes des Stärkeren (Sozialdarwinismus).[20] Die Artgemeinschaft beschäftigt sich vorrangig mit religiösem Brauchtum und heidnisch-religiösen Themen, die auf einer rassistischen Grundlage beruhen. Bei den jährlichen Sonnwendfeiern nehmen zahlreiche Personen und ehemalige Aktivisten aus der rechtsextremen Szene teil.[19] Kleidungstypische Merkmale der rechtsextremen Skinheads sind zumindest bei öffentlichen Veranstaltungen verpönt. Verfassungsschützer warnen davor, trotz der geringen Mitgliederzahl und der marginalen Außenwirkung die Bedeutung der Artgemeinschaft in der rechtsextremen Szene zu unterschätzen.[4] Sie wird im "Lexikon der Sekten, Sondergruppen und Weltanschauungen" als neonazistische Organisation geführt.[21]

Selbstverständnis

Die Artgemeinschaft versteht sich als Glaubensgemeinschaft von Menschen, die von nordisch-germanischer Art (Rasse) sind und sich zu der in den Publikationen der Gemeinschaft postulierten "Art" religiös bekennen wollen. Sie orientiert sich nicht am germanischen Polytheismus, sondern pflegt wie andere Deutschgläubige eher einen arteigenen Monotheismus[7] und bezeichnet ihr „nordisch-germanisches Heidentum“ als Artbekenntnis.[1] Die Vereinigung beruft sich auf „germanische Sittengesetze“. So fordert Jürgen Rieger ein „Sittengesetz unserer Art“, das die „gleichgeartete Gattenwahl, die Gewähr für gleichgeartete Kinder“ sowie „Härte und Hass gegen Feinde“ vorschreibt[22].

Dieses Sittengesetz entspricht dem mythologisch überhöhten "Ariertum" der Nationalsozialisten.

Die Glaubenslehren der Artgemeinschaft vertreten ein Leben im Einklang mit den Naturgesetzen und die Auffassung, dass das Leben ständigen Kampf bedeutet.[5] Beschreibungen über ein Leben nach dem Tod werden abgelehnt. Stattdessen wird gelehrt, dass jeder Mensch in den Erbanlagen seiner Nachkommen weiterlebt.[5] Daher kommt der Ahnenverehrung wesentliche Bedeutung zu. Weitergabe des genetischen Erbes der Art (Rasse) an die Nachkommen ließe sich sicherstellen, wenn die Ehepartner weitgehend identisch aussehen, d.h. von "nordisch-fälischer" Rasse seien.[5] Als schwerer Verstoß gegen das postulierte Sittengesetz gelten Rassenschande, Verrat und Meineid.[5]

Die Artgemeinschaft knüpft in Ihrem "Glaubensbekenntnis" (so genanntes "Artbekenntnis") unmittelbar an die Rassenlehre des Dritten Reiches an.[4] Die Evangelischer Informationsstelle schreibt:

"Im Artbekenntnis und in anschließenden erläuternden Texten heißt es u.a.:

  • "1. Alles Leben wirkt nach Naturgesetzen. Uns offenbart sich das Göttliche in diesen ewigen, ehernen Gesetzen, gegen die zu verstoßen widersinnig ist. Wir bekennen uns zu einem Leben im Einklang mit den Naturgesetzen."
  • 2."Kampf ist Teil des Lebens; er ist naturnotwendig für alles Werden, Sein und Vergehen. Jeder einzelne von uns wie unsere gesamte Art stehen in diesem Ringen. Wir bekennen uns zu diesem nie endenden Lebenskampf."
  • 3."Die Menschenarten sind verschieden in Gestalt und Wesen. Diese Verschiedenheit ist sinnvolle Anpassung an die unterschiedlichen Naturräume. Wir bekennen uns zur Erhaltung und Förderung unserer Menschenart als höchstem Lebensziel, denn auch sie ist eine Offenbarung des Göttlichen..."
  • 12."Der Mensch ist unsterblich in den Nachkommen und Verwandten, die sein Erbe teilen. Nur sie können unsere von den Ahnen erhaltenen Anlagen verkörpern. Wir bekennen, daß der höchste Sinn unseres Daseins die reine Weitergabe unseres Lebens ist."[1]

Glaubenspraxis und Symbolik

In Verbindung mit der charakterisierten völkischen Ideologie mit religiöser Hülle bemüht sich die Gemeinschaft um Pflege neugermanischen Brauchtums. Es werden vor allem germanisch-heidnische Festtage wie Wintersonnenwende, Ostern, Sommersonnenwende und Erntedank, Tagundnachtgleichen im Frühjahr und Herbst, sowie eine Reihe Einzelfeiertage begangen.[1] [5] [19]

Zu der verbreiteten heidnischen Symbolik gehört die Irminsul, das Symbol für den Weltenbaum oder die Weltenesche, die das Dach der Welt trägt. Sie gilt als Gegensymbol zum christlichen Kreuz und war im Nationalsozialismus Symbol des Ahnenerbes, einer pseudowissenschaftlichen Forschungseinrichtung unter Leitung der SS. Heute ist sie das Symbol der heidnisch-germanischen Artgemeinschaft.

Ein weiteres von der Artgemeinschaft beanspruchtes Symbol ist das des Adlers, der mit seinen Klauen den ›christlichen Fisch‹ greift. Es gilt in der völkischen Rechten als „Wehrsymbol des jungdeutschen Heidentums gegen den seit über tausend Jahren vorgetragenen Vergewaltigungswillen der Christenheit.“ Das Symbol gewinnt an Popularität, da es von der extrem rechten Bekleidungsmarke Thor Steinar verbreitet wird.

Siehe auch

Literatur

  • Stefanie von Schnurbein: Göttertrost in Wendezeiten. Neugermanisches Heidentum zwischen New Age und Rechtsradikalismus, Claudius Verlag, München 1993, ISBN 3-532-64003-1
  • Stefan von Hoyningen-Huene: Religiosität bei rechtsextrem orientierten Jugendlichen, LIT Verlag, Berlin 2003, ISBN 3-8258-6327-1

Weblinks

Einzelnachweise

  1. a b c d e http://www.relinfo.ch/artgemeinschaft/info.html
  2. [1] Verfassungsschutzbericht 2005 des Bundesministerium des Inneren, Seite 54
  3. [2] Verfassungsschutzbericht des Freistaates Thüringen 2005
  4. a b c d e f Artikel vom Verfassungsschutzes NRW auf der Seite des Innenministeriums von NRW
  5. a b c d e f Das Parlament Nr. 45 / 07.11.2005
  6. Eintrag ins Vereinsregister in Berlin-Charlottenburg, vgl. Sylvia Siewert: Germanische Religion und neugermanisches Heidentum, Frankfurt a.M. 2002, S. 181
  7. a b c Stefanie von Schnurbein: Göttertrost in Wendezeiten. Neugermanisches Heidentum zwischen New Age und Rechtsradikalismus, München 1993, S. 46
  8. Sylvia Siewert: 'Germanische Religion und neugermanisches Heidentum, Frankfurt a.M. 2002, S. 181
  9. Stefan von Hoyningen-Huene, Religiosität bei rechtsextrem orientierten Jugendlichen, LIT Verlag 2003, S. 62
  10. Sylvia Siewert: Germanische Religion und neugermanisches Heidentum, Frankfurt a.M. 2002, S. 164
  11. a b Stefanie v. Schnurbein: Göttertrost in Wendezeiten. Claudius Verlag, München 1993, S. 44.
  12. Nils Grübel und Stefan Rademacher: Religion in Berlin. Ein Handbuch; Berlin: Weissensee Verlag, 2003; S. 523.
  13. Ekkehard Hieronimus: Von der Germanen-Forschung zum Germanen-Glauben. Zur Religionsgeschichte des Präfaschismus. In: Die Restauration der Götter. Antike Religion und Neo-Paganismus. Hrsg. von Richard Faber und Renate Schlesier, Verlag Königshausen und Neumann, Würzburg 1986, S. 253.
  14. Ulrich Nanko: Die Deutsche Glaubensbewegung. Eine historische und soziologische Untersuchung. Marburg 1993, S.49 („sicherlich aber unter 2000“).
  15. Ulrich Nanko: Die Deutsche Glaubensbewegung. Eine historische und soziologische Untersuchung. Marburg 1993, S. 49.
  16. Kurt Hutten: Christus oder Deutschglaube. Ein Kampf um die deutsche Seele. Steinkopf, Stuttgart 1935, S. 15f.
  17. a b c Hans Buchheim: Glaubenskrise im Dritten Reich. Drei Kapitel nationalsozialistischer Religionspolitik. Stuttgart: Deutsche Verlags-Anstalt, 1953, S. 169ff. und S. 171.
  18. Hans Buchheim: Glaubenskrise im Dritten Reich. Drei Kapitel nationalsozialistischer Religionspolitik. Stuttgart: Deutsche Verlags-Anstalt, 1953, S. 169ff. und S. 187f.
  19. a b c d e f g [Artikel des Verfassungsschutzes NRW auf der Seite des Innenministeriums von NRW]
  20. Fabian Virchow, Gegen den Zivilismus. Internationale Beziehungen und Militär in den politischen Konzeptionen der extremen Rechten, VS-Verlag 2006, S. 75
  21. Gasper/Müller/Valentin: Lexikon der Sekten, Sondergruppen und Weltanschauungen, Verlag Herder, Freiburg, 1990
  22. Johannes Jäger, Die rechtsextreme Versuchung, LIT-Verlag 2002, S.119

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