Arthur Harris
Luftmarschall Sir Arthur T. Harris im April 1944

Sir Arthur Travers Harris, Bt., genannt Bomber-Harris, (* 13. April 1892 in Cheltenham; † 5. April 1984 in Henley-on-Thames) war Commander-in-chief (Oberbefehlshaber) des RAF Bomber Command und ab 1943 Air Chief Marshal der Royal Air Force. Er ist wegen der von ihm angeordneten Flächenbombardements deutscher Städte umstritten.

Inhaltsverzeichnis

Leben

Arthur Travers Harris wurde im englischen Cheltenham während eines Urlaubs seiner Eltern geboren. Der Vater war Angehöriger der englischen Beamtenschaft in Indien (Indian Civil Service (ICS)). Nach der Schulzeit in Dorset stand laut Biographie von Norman Longmate für Harris im Alter von 16 Jahren eine Entscheidung zwischen der Armee und den Kolonien an. Harris entschied sich 1908 für die Kolonien, wo er in Rhodesien nach eigener Auskunft mit Goldwäsche, Kutschfahrten und Viehzucht beschäftigt war.

Erster Weltkrieg

1914 trat er als Trompeter in das 1st Rhodesian Regiment der Britischen Armee ein. Er diente in der Südafrikanischen Union und im Krieg in Deutsch-Südwestafrika, bevor er 1915 nach England zurückkehrte. Dort kam er zum neu aufgestellten Royal Flying Corps. Harris war in Frankreich und England im Einsatz und errang auf der Sopwith 1½ Strutter und Sopwith Camel fünf Luftsiege, worauf ihm das Air Force Cross (AFC) verliehen wurde. Bei Kriegsende hatte er den Rang eines Majors.

Zwischenkriegszeit

1919 verblieb er bei der neu gegründeten Royal Air Force und wurde im April 1920 Staffelführer und Kommandant des Fliegerhorstes Digby und der No. 3 Flying Training School.

Später diente unter anderem in Britisch-Indien, in Mesopotamien und in Persien.

In Mesopotamien kommandierte er ein Geschwader Vickers Vernon. Von 1930 an war er im Luftstab für den Nahen Osten tätig, wo er an der blutigen Niederschlagung verschiedener Aufstände der dortigen Bevölkerung gegen die britische Kolonialherrschaft beteiligt war. Dabei setzte er Streubomben, Zeitzünder, Tretminen und Giftgas gegen die Zivilbevölkerung ein. Er begründete dies damit, dass seiner Ansicht nach Araber und Kurden nur eine „Politik der harten Hand" verstünden („The only thing the Arab understands is the heavy hand“).[1]

Zweiter Weltkrieg

Am 14. Februar 1942 erfolgte die Anweisung „Area Bombing Directive“ des britischen Luftfahrtministeriums. Harris wurde im Februar 1942 zum Oberkommandierenden des Bomber Command der RAF ernannt. Basierend auf Vorlagen von Frederick Lindemann, einem engen Berater Churchills, von dem die Wortschöpfung Flächenbombardements (Carpet Bombing) stammt, war Harris der Ansicht, allein durch die Flächenbombardierungen der Städte das Deutsche Reich zur Kapitulation zu zwingen.

Harris unterstützte maßgeblich die Entwicklung eines geplanten Feuersturms (Zitat A. Harris bei den Planungen des Luftangriff auf Lübeck am 29. März 1942: „Historischer Stadtkern brennt gut"). In der ersten Welle wurden große Luftminen (Blockbuster - „Wohnblockknacker") abgeworfen, die die Dächer abdeckten und Fenster zerstörten, um den Kamineffekt zu verstärken. In einer zweiten Welle wurden Brandbomben abgeworfen, die in kürzester Zeit einen Flächenbrand entstehen ließen. Dies gelang jedoch aufgrund meteorologischer und städtebaulicher Faktoren nicht immer.

Um die deutsche Flugabwehr und die nach dem sog. „Himmelbett-Verfahren“ arbeitende Nachtjagd, z. B. entlang der Kammhuber-Linie durch lokale Überlastung zu überrumpeln, entwickelte er die Methode der Bomberströme, bei der möglichst viele Bomber auf demselben Kurs einfliegend in kurzer Zeit ein Ziel angriffen, statt einzeln und in breiter Front einzufliegen. Zur Demonstration der Wirksamkeit seines Konzeptes zog Harris im Frühjahr 1942 für die Operation Millennium alle verfügbaren Bomber zusammen, um Ende Mai mit 1047 Maschinen auf Köln den ersten „Tausend-Bomber-Angriff" durchzuführen. Dieser Angriff war entscheidend, um die zahllosen britischen Skeptiker von der Wirksamkeit von Luftangriffen zu überzeugen und die betriebene Auflösung des Bomber Command zu verhindern.

Die technischen Voraussetzungen für präzise Schläge gegen strategische Punkte wie Fabriken für Flugzeuge, Panzer und anderes Rüstungsmaterial befanden sich in der Mitte des Krieges noch in der Entwicklung. Die schweren Verluste der 8. USAAF bei ihren Angriffen 1943 und Anfang 1944 bestätigten sein Festhalten am Nachtangriff vorerst bis zum Einsatz von neuen amerikanischen Langstreckenbegleitjägern, wobei die Nachtangriffe der RAF durch die Schaffung der 24-Stunden-Bedrohung auch für den Erfolg der amerikanischen Tagesangriffe auf strategische Punktziele weiterhin bedeutend blieben.

Unter seiner Führung wurden von der RAF zahlreiche deutsche Städte schwer zerstört, so bei der Operation Gomorrha gegen Hamburg im Juli/August 1943, Kassel (22. Oktober 1943), Braunschweig (15. Oktober 1944), Magdeburg (16. Januar 1945), Dresden am 13./14. Februar 1945, sowie Pforzheim (23. Februar 1945), Mainz (27. Februar 1945), Würzburg (16. März 1945) und Hildesheim (22. März 1945).

Bei den Flächenbombardements wurde neben den im Stadtgebiet befindlichen Industrieanlagen die Zivilbevölkerung und die Infrastruktur der Stadt primäres Ziel der Angriffe. Seiner Meinung nach sollten ganz bewusst zivile Ziele angegriffen werden, um die Moral und den Widerstandswillen der deutschen Bevölkerung zu brechen (so genanntes Moral Bombing). Zu Beginn der Bombardierungen äußerte Harris zu seiner Motivation: „Die Nazis starteten (‚entered’) den Krieg mit der ziemlich kindischen Wahnvorstellung, dass sie jeden anderen nach Belieben bombardieren könnten und niemand würde zurückbomben. In Rotterdam, London, Warschau und an beinahe einem halben Hundert anderer Stätten führten sie ihre ziemlich naive Theorie aus. Sie säten Wind und jetzt ernten sie Sturm“. In seinen Memoiren schrieb er später: „Trotz all dem, was in Hamburg geschehen ist, bleibt das Bomben eine relativ humane Methode“.

Neben den Bombenangriffen auf Deutschland wurden insbesondere in Italien mehrere Großstädte bombardiert, was etwa in Mailand, Neapel und Palermo beträchtliche Schäden auch in Wohngebieten verursachte.

Denkmal für Arthur Harris in London

Nach dem Krieg

Am 15. September 1945 schied Harris im Streit mit dem neuen Premierminister Clement Attlee aus der Royal Air Force aus und zog sich verbittert nach Südafrika zurück. Seine Ehrungen durch die Ernennung zum Baronet 1953 (eine Erhebung zum Peer hatte er abgelehnt) sowie die Enthüllung eines von Veteranen finanzierten Denkmals 1992 vor der Kirche St. Clement Danes in London durch die Königinmutter Elizabeth waren in der britischen Bevölkerung stark umstritten. Innerhalb von 24 Stunden wurde das Denkmal mit roter Farbe überschüttet und später noch mehrfach beschädigt, woraufhin es für mehrere Monate unter Bewachung stand.[2] [3] In diesem Zusammenhang ist auch von Bedeutung, dass seine Luftkriegs-Strategie für die Besatzungen der Flugzeuge verlustreich war. Jeder Zweite kehrte nicht heim, insgesamt kamen 55.000 Flieger bei den Angriffen auf Deutschland um. Auch deswegen wurde Harris oft „Butcher“ (engl. für Metzger oder Schlächter) genannt.

Militärhistorische Wertung

Die historische wie rechtliche Qualifizierung der alliierten Luftkriegsstrategie und damit der Position Harris' bleibt umstritten. Nach sachlichen oder militärischen Kriterien war die gezielte Zerstörung von Wohngebieten und Innenstädten zweifelhaft. Die Angriffe waren ein schwerwiegender Verstoß gegen das Kriegsrecht. Zwar waren militärisch gesehen die strategischen Folgen des Luftkriegs allgemein erheblich, da angesichts der Angriffe die deutsche Rüstungsproduktion zu umfangreichen produktionsbehindernden Verlagerungen gezwungen wurde – laut Albert Speer führten die alliierten Luftangriffe bei den Luftfahrzeugen zu einer Halbierung der möglichen Produktion. Über eine Million Soldaten wurden bei der Flakartillerie eingesetzt und fehlten dadurch an den Fronten, zusätzlich wurde eine halbe Million Behelfspersonal herangezogen[4], darunter viele Jugendliche als Flakhelfer. Weiterhin wurde das Ausbluten der von ihren militärischen und politischen Befehlshabern weitgehend im Stich gelassenen deutschen Jagdflieger schon ab 1943 durch die Bedrohungslage rund um die Uhr beschleunigt.

All dies war aber in erster Linie auf die gegen die Rüstungsindustrie geführten Tagangriffe der USAAF und nicht auf die gegen die Zivilbevölkerung gerichteten und von Arthur Harris verantworteten Nachtangriffe der Royal Air Force zurückzuführen. Die erfolgreichsten Aktionen der RAF waren allesamt Aktionen, die nicht Harris' Strategie entsprachen: Die Angriffe auf die Talsperren, die Versenkung der Tirpitz, die Zerstörung von U-Boot- und V-Waffen-Bunkern sowie direkte taktische Unterstützung der Landung in der Normandie.

Harris hat seinen Standpunkt insbesondere in seinem Buch Bomber Offensive dargestellt, das seinen Lebensweg beschreibt. Er argumentiert, das Deutsche Reich habe damit begonnen, die Zivilbevölkerung zum Objekt von Terrorangriffen zu machen (Guernica, Coventry, Rotterdam, Warschau, London). Aufgabe der britischen Verantwortlichen sei es gewesen, für eine schnellere Kriegsbeendigung zu sorgen und eigene Opfer zu vermeiden, die etwa ein Landkrieg oder Stellungskrieg wie im Ersten Weltkrieg mit sich gebracht hätte. Angesichts seiner Insellage und vor dem Eintritt der Vereinigten Staaten in den Krieg beziehungsweise vor der alliierten Landung in der Normandie hätte einzig die Offensivstrategie der Royal Air Force die Sicherheit Britanniens garantieren können.

Des Weiteren unterstreicht Harris die Bedeutung der Luftunterstützung für einen erfolgreichen Einsatz von Landtruppen. Er verweist zum Vergleich auf die deutsche Blitzkriegstrategie zu Beginn des Krieges, bei der das schnelle Vordringen des Heeres, insbesondere der Panzer, nur aufgrund massiver und rasch abrufbarer Luftunterstützung (Bomber und Jagdflieger) möglich gewesen sei. Die Tatsache, dass die deutsche Luftwaffe gegen Ende des Krieges zum großen Teil zerstört oder durch die Verteidigung des eigenen Territoriums gegen die alliierten Bomber gebunden waren, habe dazu geführt, dass den Bodentruppen der deutschen Wehrmacht die notwendige Hilfe durch ihre Luftwaffe fehlte. Dies habe den alliierten Landstreitkräften, auch der Sowjetarmee, entscheidend dabei geholfen, die Wehrmacht zurückzudrängen.

Sonstiges

In dem 1954 gedrehten britischen Spielfilm Mai '43 – Die Zerstörung der Talsperren (The Dam Busters) von Michael Anderson wird Arthur T. Harris von Basil Sydney dargestellt.

Siehe auch

Schriften

  • Bomber offensive. Collins, London, 1947.
  • Despatch on war operations, 23rd February, 1942, to 8th May, 1945, F. Cass, London; Portland, 1995. ISBN 071464692X.

Einzelnachweise

  1. James S. Corum, Wray R. Johnson: Airpower in Small Wars: Fighting Insurgents and Terrorists (Modern War Studies), S. 65, University Press of Kansas, 2003
  2. Air Marshall Arthur Harris bei historylearningsite.co.uk]
  3. Sir Arthur 'Bomber' Harris Statue bei ukattraction.com
  4. Horst Boog (Hrsg.): Das Deutsche Reich in der Defensive. Strategischer Luftkrieg in Europa, Krieg im Westen und in Ostasien 1943–1944/45. (=Militärgeschichtliches Forschungsamt (Hrsg.): Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg. Band 7.) Deutsche Verlags-Anstalt, München 2001, ISBN 3421055076, S. 198.

Literatur

  • Ralph Barker und die Redaktion der Time-Life-Bücher: Die RAF im Krieg. Bechtermünz, Eltville am Rhein 1993, ISBN 3-86047-051-5.
  • A. C. Grayling: Die toten Städte. Waren die alliierten Bombenangriffe Kriegsverbrechen? Bertelsmann, München 2007, ISBN 978-3-570-00845-4.
  • Robin Neillands: Der Krieg der Bomber. Arthur Harris und die Bomberoffensive der Alliierten 1939–1945. Edition q, Berlin 2002, ISBN 3-86124-547-7.
  • Henry Probert: Bomber Harris. His Life and Times. Greenhill, London 2001, ISBN 1-85367-555-5.
  • Dudley Saward: „Bomber“ Harris: The Authorized Biography. Sphere Books, London 1996, ISBN 0907675336.
  • Stanley White: The means of victory. Charterhouse, London 1992, ISBN 0951878115.

Weblinks

 Commons: Arthur Travers Harris – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

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