Artussage
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Statue König Artus’ am Grabmal Kaiser Maximilians I. (Peter Vischer, 1512)

Artus (engl. Arthur), eine berühmte englische Sagengestalt, ist ein mythischer britischer König, der um 500 n. Chr. gegen die eindringenden Angeln und Sachsen gekämpft haben soll und dabei die verschiedenen britischen Königreiche anführte, wobei ältere wie jüngere Elemente Spuren in der Artus-Sage hinterlassen haben dürften.

Inhaltsverzeichnis

Mythos und Geschichte

Artus ist eine wichtige Figur in der Mythologie Britanniens („Matière de Bretagne“) – vergleichbar in der die Literatur inspirierenden Bedeutung sind die Geschichte um den Kreuzritter König Richard Löwenherz und Robin Hood – er wird mit anderen Mythen wie den Sagen um Merlin, um den Heiligen Gral und die Wilde Jagd in Verbindung gebracht.

Die Geschichten um König Artus, wohl erstmals erwähnt in walisischen Dichtungen des 6./7. Jahrhunderts, gehen teilweise auf keltische Märchen und Fabeln zurück. Sie haben aber wahrscheinlich auch historische Grundlagen um die Einigungskämpfe der Königreiche Britanniens in der Zeit nach dem Untergang der Römischen Besatzung und der Völkerwanderungszeit, während das berühmte Motiv der Tafelrunde erstmals in Waces „Roman de Brut“ (= Roman über Brutus) um 1155 auftaucht.

Artus wird besonders seit der Historia Regum Britanniae („Geschichte der Könige Britanniens“) des Geoffrey of Monmouth (um 1135) Gegenstand zahlreicher französischsprachiger höfischer Versepen und Prosaromane. Diese französisch-englische Artusepik befruchtet vom 12. bis zum 14. Jahrhundert die volkssprachigen Literaturen fast ganz Europas.

Die Artussage

Die Artussage wurde in verschiedenen mittelalterlichen Dichtungen nacherzählt und ausgeschmückt. Hier wird die „Standard-Version“ der Sage nacherzählt, das heißt, weder sind alle hier erzählten Begebenheiten in allen Dichtungen zu finden, noch sind hier alle in Dichtungen erzählten Begebenheiten erzählt.

Entstehung, Geschichte und Inhalt der Artussage

Die Artussagen dürften folgendermaßen entstanden sein: Im späten 5. Jahrhundert flüchteten viele Briten vor der Sachseninvasion auf das Festland, in die heutige Bretagne, und übten Einfluss auf die Kultur der dortigen Bewohner aus. Um 1066 kamen die Bretonen mit den normannischen Eroberern nach England, wodurch die keltisch-britische Tradition erneut belebt wurde. Die insel- und festlandkeltischen Traditionen verdichteten sich dann im späten 11. Jahrhundert zu einer einzigen Sagengestalt, die Geoffrey von Monmouth weiterentwickelte.

Der anglonormannische Dichter Wace schrieb eine Reimchronik (Roman de Brut) über die „Geschichte Britanniens“ in altfranzösischer Sprache, die auf dem Werk des Geoffrey of Monmouth basiert, und erweiterte sie um einige fantasievolle Motive, wie zum Beispiel die Tafelrunde oder die Entrückung Arthurs nach Avalon. Reisen lebender Personen in eine andere Welt waren ein fester Topos der keltischen Mythologie.

Wace' Version von Arthurs Leben geht wie folgt: Arthur war der Sohn von Uther und Igraine und wurde mit 15 König von England und Wales. Seine Ritter versammelte er an einem runden Tisch, um Rangstreitigkeiten zu vermeiden. Gegen die Sachsen führte er zahlreiche erfolgreiche Abwehrschlachten und gegen Irland, Island, Norwegen und Gallien Eroberungskriege. In Gallien besiegte er den römischen Tribun Frollo und hielt in Paris Hof. Er heiratete Guinevere, eine Tochter aus einer edlen römischen Familie. In der „Stadt der Legionen“ (Carlion) hielt er einen Hoftag für ganz Europa ab. Wegen seiner Angriffe auf das römische Imperium wurde er von Rom herausgefordert und erschlug auf dem Weg dorthin den Riesen vom Mont St. Michel. Die entscheidende Schlacht gegen die Römer gewann er bei Saussy. Beim Zug nach Rom erhielt er die Nachricht, dass sein Neffe Mordred daheim die Herrschaft übernommen und die Königin in seinen Besitz gebracht hatte. Arthur kehrte zurück und gewann zwei Schlachten gegen Mordred, bei der dritten fiel Mordred, und Arthur wurde lebensgefährlich verwundet. Er wurde zur Genesung auf die Insel Avalon gebracht. Was den Tod Arthurs betrifft, hielt sich Wace an die Mythologie von Merlin, dem Zauberer: Er zweifle am Tode Arthurs.

Später wurden die Sagen um König Artus mit anderen keltischen Sagen (u. a. der Gralssage) verknüpft und entwickelten sich von einem Lebensbericht eines möglicherweise realen Mannes zu einer Sammlung von Heldentaten und der Beschreibung eines idealen Königs, wie ihn sich viele wünschten.

Einige Versionen unterscheiden sich in der Schilderung sittlichen Verhaltens. Während in der vornehmen Fassung Artus das Kind Uthers und seiner Frau ist, Mordred der Neffe Artus’ und Lancelot Guinevere einfach nur verehrt (Minne), besucht Uther in der vulgären Fassung die Frau eines Herzogs in dessen Gestalt, Lancelot und Guinevere begehen Ehebruch und Mordred (manchmal auch Lancelot) ist der Sohn Arthurs und seiner Schwester Morgan le Fay.

Am Endpunkt der Ausschmückungen stellte sich die Sage etwa so dar: Artus wurde als Säugling von Merlin von seinen Eltern weggeholt und von Merlins Freund Hector zusammen mit dessen Sohn Kay erzogen. Artus hält sich für den Sohn Hectors. In Roberts de Boron Merlin, später gefolgt von Thomas Malory, erhielt Artus den Thron, nachdem er ein Schwert aus einem Stein oder einem Amboss gezogen hatte. In diesem Bericht konnte diese Tat nur durch den „wahren König“ vollzogen werden, was den vorausgesagten König und wahren Erben von Uther Pendragon bedeutete. Dieses Schwert war vermutlich das berühmte Schwert Excalibur; seine Identität wurde später in der so genannten Vulgate Merlin beschrieben. In der Post-Vulgate Merlin’s Continuation steht jedoch geschrieben, dass Excalibur von einer Hand, die aus einem See kam, entgegengenommen wurde und es Artus' Vater Uther von einer jungfräulichen Zauberin, der Herrin vom See, kurz nach dessem Regierungsbeginn gegeben worden war. Als Uther seinen Tod nahen sieht, stößt er das Schwert in einen Stein mit den Worten, dass nur der rechtmäßige König das Schwert wieder aus dem Stein ziehen kann. In dieser Post-Vulgata-Version konnte die Klinge durch jedes Material schneiden und seine Scheide machte den Träger unsichtbar, nach anderer Überlieferung unverwundbar.

Gegen den Rat Merlins, der Unglück voraussieht, heiratet Artus Guinevere, die manchmal die Tochter des Königs eines Nachbarreiches ist.

Die Ritter der Tafelrunde

In den Versionen der Sage, die mit dem beginnenden 12. Jahrhundert populär wurden, ruft Artus die Ritter der Tafelrunde zusammen (Iwein, Erec, Lancelot, Gawain, Galahad und andere). An seinem Hof, der am häufigsten in Camelot gehalten wird, können auch der Zauberer Merlin und Parzival gefunden werden. Diese Ritter beschäftigen sich mit fabelhaften Suchen, wie zum Beispiel der nach dem Heiligen Gral, oder der Jagd auf das „Questentier“ Glatisant. Andere Geschichten aus der keltischen Welt wurden mit Artus assoziiert, wie die Sage von Tristan und Isolde. Merlin beschützt ihn bei all seinen Unternehmungen, bis er von seiner Geliebten zurückgehalten wird. Danach werden fast keine Großtaten König Artus’ mehr berichtet.

Die Romanze zwischen Artus’ Held Lancelot und der Königin Guinevere ist der zentrale Grund für den Fall der Welt Artus’: Guinevere soll wegen eines Ehebruchs mit Lancelot (nach anderen Angaben, weil sie einem der Ritter angeblich einen vergifteten Apfel geschenkt hatte) auf dem Scheiterhaufen hingerichtet werden. Lancelot befreit sie und tötet dabei zwei Brüder Gawains, der zuvor ein guter Freund Lancelots war. Dieser schwört Rache. Obwohl sich Artus später wieder mit Guinevere versöhnt, verfolgt sein Heer auf Gawains Drängen hin den aus der Tafelrunde ausgestoßenen Lancelot. Gawain verzeiht Lancelot, da dieser ihn in einem Zweikampf besiegt und ihn dennoch nicht tötet. Trotzdem ist die Krise noch nicht zu Ende. Artus erhält Nachricht, dass Mordred mit dem Vorwand, Artus sei tot, Guinevere zur Frau genommen hat und sich nun „König Britanniens“ nennt. Artus kehrt nach Hause zurück. Schließlich tötet er Mordred in der Schlacht von Camlann, ist aber selbst tödlich verwundet. Er bittet einen der letzten Ritter, die noch am Leben sind, sein Schwert, das er von der „Dame vom See“ erhalten hat, dieser zurückzugeben, was der Ritter, nachdem er mehrmals versucht hat, Artus zu belügen und das Schwert zu behalten, auch tut. Dann wird Artus von drei Priesterinnen der Andersweltinsel Avalon abgeholt. Ob er dort stirbt oder überlebt, wird in den meisten Sagen nicht näher erklärt.

Fortleben des Mythos

Lange Zeit glaubten jedenfalls die Briten – und nicht nur sie – an eine Wiederkehr Arthurs (vergleiche Friedrich Barbarossa). Arthur war ein Idol der Waliser, die gegen die Engländer rebellierten.

Und im 12. Jahrhundert noch fragte der Gelehrte Alanus:

„Wo ist ein Ort innerhalb der Grenzen des Christenreiches,
zu dem die beflügelten Lobpreisungen des Briten Artus
noch nicht gelangt sind?
Geht und verkündet, dass Artus tot sei. Ihr werdet kaum
unbeschädigt davonkommen, ohne von den Steinen eurer Zuhörer
zerschmettert zu werden“.

König Artus und der Heilige Gral

König Artus wird immer wieder mit dem Heiligen Gral in Verbindung gebracht. In einer Fassung der Sage soll der „Runde Tisch“ immer an dem Königshof gestanden haben, dessen Ritter nach dem Gral suchten. Das sei zuerst Uther Pendragon gewesen, dann Guineveres Vater Leodagan und schließlich Artus.

In der anonym überlieferten Dichtung Quête du saint Graal, die Teil des Prosa-Roman-Zyklus Lancelot-Graal (geschrieben um 1215/30) ist, fanden schließlich drei von Artus’ Rittern, nämlich Perceval, Bors de Ganis und Galahad, der Sohn des Lancelot, den Gral und brachten ihn an seinen Platz in einer Kirche im Nahen Osten.

Literaturgeschichte der Artussage

Früheste Überlieferungen von Artus

Artus wird das erste Mal in walisischer Literatur erwähnt. Im ältesten überlieferten walisischen Gedicht, dem Y Gododdin, schreibt der Dichter Aneirin (etwa 575 bis 600) über eine seiner Personen, dass sie „schwarze Raben über Wälle führte, obwohl sie nicht Artus war“. Aber dieses Gedicht, wie es heute existiert, besteht aus vielen Interpolationen und es ist nicht möglich zu entscheiden, ob diese Passage nicht ein Einschub aus einer späteren Periode ist.

Eine andere frühe Referenz zu Artus ist die Historia Brittonum („Geschichte der Briten“), die (was aber ziemlich sicher widerlegt werden kann) dem walisischen Mönch Nennius zugeschrieben wird, über den gesagt wurde, dass er die frühe walisische Geschichte um das Jahr 830 erfasst hat. In seiner Arbeit wird Artus als 'Anführer von Schlachten' bezeichnet, also als Heerführer nicht als König. Artus erscheint auch in der walisischen Fabel Culhwch und Olwen, einer Erzählung, die üblicherweise mit dem Mabinogion assoziiert wird.

Später erwähnen Teile der Trioedd Ynys Prydein (Walisische Triaden) Artus und legen seinen Hof nach Celliwig, das in Cornwall liegt. Celliwig wurde von älteren cornischen Altertumsforschern mit Callington identifiziert, aber Rachel Bromwich, der letzte Bearbeiter der walisischen Triaden, setzt es mit Kelly Rounds, einer Höhenbefestigung in der cornischen Gemeinde von Egloshayle gleich.

König Artus wird manchmal (statt des Jägers Herne) auch als Führer der Wilden Jagd bezeichnet, nicht nur auf den britischen Inseln, sondern auch in der Bretagne, Frankreich und Deutschland.

Auch in Wolfram von Eschenbachs „Parzival“ wird der gleichnamige junge Ritter mit Artus in Verbindung gebracht.

Ausbreitung der Artussage und Artusromantik

1133 erstellte Geoffrey von Monmouth ein Manuskript, die Historia Regum Britanniae. Dieses Werk war das mittelalterliche Äquivalent eines Bestsellers und half, die Aufmerksamkeit anderer Schriftsteller wie Wace und Layamon auf diese Geschichten zu lenken, welche die Geschichten um Artus daraufhin erweiterten.

Während viele Gelehrte glauben, dass Geoffrey die Quelle der mittelalterlichen Bedeutung Artus’ ist, argumentiert mindestens einer, Roger S. Loomis, dass viele der Sagen um Artus eigentlich aus bretonischen mündlichen Überlieferungen stammen, die über die königlichen und adligen Höfe Nordfrankreichs und Britanniens durch professionelle Geschichtenerzähler (Jongleurs) verbreitet wurden. Der französische Dichter Chrétien de Troyes arbeitete nach der Mitte des 12. Jahrhunderts Geschichten aus dem Mythos in eine literarische (Roman-)Form um, wie auch Marie de France es in ihren kürzeren Erzählgedichten (Lais) tat. Auf jeden Fall scheinen die Geschichten dieser zwei teilweise unabhängig von dem zu sein, was Geoffrey von Monmouth schrieb.

Der Artusmythos breitete sich, zunächst mit den Normannen, weit über den Kontinent aus. Ein Bild von Artus und seinen Rittern, die eine Festung angreifen, wurde zwischen 1099 und 1120 über dem nördlichen Durchgang der Kathedrale in Modena, Italien, in eine Archivolte gehauen. Ein Mosaikpflaster in der Kathedrale von Otranto nahe Bari, auch Italien, wurde 1165 mit der rätselhaften Beschreibung Arturus Rex erstellt, der ein Zepter hält und eine Ziege reitet. Erst am Ende des 12. Jahrhunderts setzt eine spezifisch literarische Rezeption ein, zunächst am Niederrhein, dann in Oberdeutschland (Hartmann von Aue, Ulrich von Zatzikhoven, Wolfram von Eschenbach, Wigalois des Wirnt von Grafenberg), im 14. Jahrhundert auch beispielsweise in Skandinavien (Riddarasögur). Die spätmittelalterliche Hanse scheint eine Hochburg der Artus-Verehrung gewesen zu sein. Händler des 15. Jahrhunderts bauten zu Artus’ Ehren den Artushof in Danzig, Polen. Die Geschichten um Artus fanden auch im mittelalterlichen Tirol Verbreitung und sind dort hauptsächlich durch Wandmalereien dokumentiert. So findet sich Artus zwischen 1388 und 1410 in der Burg Runkelstein dargestellt und auch eine vorzüglich erhaltene Darstellung seiner Tafelrunde (um 1393) findet sich dort.

Spätestens in der Barockzeit scheint das „Wissen“ um König Artus dann zur Allgemeinbildung gesellschaftlich Höherstehender gehört zu haben.

„Darauf wischte Olivier mit seinem notfesten Schwert, welches Haar schure (und wohl des Königs Arturi von England Caliburn verglichen werden möchte) von Leder […]“

schreibt beispielsweise Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen in seinem Simplicissimus Ende des 17. Jahrhunderts und stellt Artus damit in eine Reihe mit ebenso beiläufig erwähnten antiken Persönlichkeiten wie Julius Caesar. Die Mythen um König Artus wurden auch von anderen Herrschern verwendet, um sich selbst populärer zu machen. Beispiele dafür sind der Orden vom Goldenen Vlies, der Artus’ Tafelrunde nachgebildet sein soll, und König Richard Löwenherz, dem der Besitz Excaliburs nachgesagt wurde.

Nacherzählungen beinhalten auch Arbeiten von Sir Gawain und der Grüne Ritter und Thomas Malorys Le Morte d'Arthur.

Heute ist die Artussage praktisch der einzige bekannte Bestandteil der britischen Sagenwelt (Matière de Bretagne), die im Englischen (neben „Matter of Britain“) auch „Arthurian Legend“ genannt wird – „Artuslegende“.

Neuzeitliche Verwertung und Umformung des Stoffes

Auch in unserer Zeit faszinieren die Sagen um König Artus und haben einige Autoren zu eigenen Arbeiten angeregt. Während manche, wie Rosemary Sutcliff, sich auf eine Nacherzählung der Sage beschränken, gehen andere sehr souverän damit um und bauen Motive aus Sagen in eigene Arbeiten ein. Die derzeit wohl bekanntesten sind Die Nebel von Avalon von Marion Zimmer Bradley, der von der Kritik gelobte Film Excalibur von John Boorman sowie der Film King Arthur vom Produzenten Jerry Bruckheimer, der versucht, den historischen Hintergründen nachzugehen, allerdings auf umstrittene Weise.

Siehe auch: Medienliste zu Artus, Merlin und dem Gral

Wissenschaftlicher Hintergrund

Artus – Identifikationsversuche

Von vielen Forschern wird bezweifelt, dass Artus überhaupt existierte, und tatsächlich werden sich in diesem Fall kaum jemals etwas anderes als mehr oder weniger plausible Hypothesen aufstellen lassen. Es gibt aber mehrere Ansätze, mit denen die Figur des Artus oder zumindest einzelne Aspekte seiner Geschichte in die reale Geschichte eingebunden werden; es ist dabei wahrscheinlich, dass mehrere historische und sagenhafte Persönlichkeiten zu der Figur des „Artus“ verdichtet wurden.

Nach dieser Deutung könnten die folgenden historischen Personen zur Entstehung der Sagengestalt „Artus“ beigetragen haben:

Höchst unwahrscheinlich ist, dass der oder ein „Artus“ den Titel „König“ trug; in den frühesten Erwähnungen und walisischen Texten wird auch einem der möglichen Vorbilder für König Artus, Enniaun Girt, nie der Titel „König“ gegeben. Hochmittelalterliche walisische Texte bezeichneten ihn normalerweise als Amerauder („Imperator“). Das keltische Krönungsritual, bei dem, wie Gerald von Wales (12. Jahrhundert) berichtet, eine weiße Stute geschlachtet und zu einer Suppe, in der der künftige König baden musste, gekocht wurde, kommt ebenfalls in der Artussage nirgends vor.

Das Motiv des aus dem Stein gezogenen Schwerts als Gottesurteil zur Erlangung der Königswürde steht eher mit den Sarmaten in Verbindung, die eigentümliche Riten (Verehrung eines im Boden steckenden Schwertes etc.) ausübten; 5500 sarmatische Lanzenreiter waren zu römischer Zeit auch in Britannien stationiert, um 180 wurden sie offenbar von einem römischen Ritter namens Lucius Artorius Castus kommandiert – möglicherweise eines der ältesten Vorbilder für Artus (siehe „Das Schwert aus dem Stein“). Die militärische Laufbahn des Artorius Castus ist aufgrund seiner Grabinschrift bekannt [1], die in Dalmatien gefunden wurde. Demnach diente er seit 158 n. Chr. in Syrien und Pannonien, bis er 175 nach Britannien versetzt wurde, wo sich die (sarmatischen) Hilfstruppen unter seinem Kommando bei der Abwehr skotischer Angriffe hervortaten. Er beendete seine Karriere schließlich in Dalmatien. Es ist durchaus denkbar, dass die in Britannien verbliebenen römisch-sarmatischen Truppen sein Andenken bewahrten und verklärten.

Für die Mitte des 5. Jahrhunderts ist dann ein britisches „Hochkönigtum“ recht gut belegt: Nach dem endgültigen Abzug der römischen Truppen 410 mussten die im Land verbliebenen Römer und romanisierten Kelten ihre Verteidigung selbst organisieren. Der spätantike Historiker Jordanes, der 551 eine „Geschichte der Goten“ (Getica) verfasste, berichtet von einem Riothamus (das heißt: „höchster Anführer“) – einige Gelehrte, vor allem Geoffrey Ashe und Léon Fleuriot, setzen diesen mit Artus gleich –, der mit 12.000 Mann dem weströmischen Kaiser Anthemius zuhilfe geeilt sei und an anderer Stelle als „König der Brettonen“ bezeichnet wird. Unglücklicherweise ist dieser „Riothamus“ eine Schattenfigur, von der wenig bekannt ist. Es ist noch nicht einmal klar, ob die „Brettonen“, die er angeführt haben soll, Briten oder Bretonen waren. Riothamus war wahrscheinlich der letzte Kommandeur von nach römischer Art organisierten Truppen in Britannien, der vor der Schlacht auf den katalaunischen Feldern (451) von seinem gallischen Vorgesetzten Aetius mit allen verfügbaren Kräften nach Gallien gerufen wurde. Er kam nach dieser Schlacht nicht wieder nach Britannien zurück, sondern ließ sich mit seinen Gefolgsleuten und Soldaten in der heutigen Bretagne nieder, wo er um 460 in einigen Quellen als "König" der Bretagne oder der Bretonen bezeichnet wird. Im Jahre 471 zieht Riothamus mit seinen Truppen in eine Schlacht gegen den Westgotenkönig Eurich. Riothamus unterliegt zusammen mit den übrigen römischen Einheiten und deren Verbündeten und wird selbst schwer verwundet. Riothamus stirbt während des Rückzuges seiner bretonischen Armee auf das burgundische Städtchen Avallon. Es ist zu vermuten, dass der Sterbeort Avallon in der bretonisch-britischen Überlieferung zur Insel Avalon umgedeutet wurde.

Die politische Statur eines Artus hat Riothamus aber niemals besessen. Eine Figur, die eine annähernde Namensgleichheit mit "Artus" aufweist und sowohl das militärische Genie, als auch die politische Lichtgestalt eines Artus aufweist, fände man, wenn man akzeptierte, dass in Wahrheit die Handlung der Artussage ursprünglich in Gallien spielt. Gallien wurde bis 454 in ständig neuen Abwehrschlachten vom römischen General und Konsul Flavius Aetius verteidigt. Dieser war bis 454 Vorgesetzter des Riothamus und kann daher in der Überlieferung leicht mit ihm verschmolzen worden sein.

Es gibt auch einige – wenn auch sehr wenige – Parallelen mit dem römisch-britannischen Kaiser bzw. Usurpator Carausius († 293); einige Elemente seiner Geschichte könnten vielleicht auch in die Artussage eingegangen sein.

Einige Historiker gehen heute davon aus, dass es den Namen „ARTUS“ als Eigenname gar nicht gab, sondern dass es sich dabei um eine Kombination aus lateinischen und keltischen Ehrennamen handelt. Bei keltischen Stammesführern oder berühmten Kriegern war es durchaus üblich, sich einen oder mehrere Beinamen zuzulegen, die sich auf spezielle Eigenarten oder Fähigkeiten der damit bezeichneten Person bezogen. Diese Tradition gab es auch noch im Mittelalter und sogar bis ins späte Barock und zwar in ganz Europa. Beim Namen ARTUS glaubt man heute, dass er sich aus dem keltischen ART (Bär) und dem lateinischen URSUS, das ebenfalls Bär bedeutet, zusammensetzt. Demnach lautete der Name ursprünglich also ARTURSUS und wurde irgendwann zum heute bekannten ARTUS gekürzt. Diese Doppelbenennung war notwendig, um sowohl die Anhänger der alten keltischen Traditionen als auch die latinisierten Briten zufriedenzustellen. Diese Interpretation würde auf die These hindeuten, dass Artus einer der letzten römischen Statthalter bzw. ein Keltenfürst war, der sich auf die römische Tradition berief.

Der Bär galt den Inselkelten als „Königstier“, vergleichbar etwa dem Löwen als „König der Tiere“ in der Fabel. Einen Titel „König“ im Sinne eines Staatsoberhauptes kannte man noch nicht. Jeder Stammesfürst war König und auf seinem Gebiet sein eigener Herr. Lediglich zu Kriegszeiten, wenn es galt, mehrere Stammesverbände unter ein gemeinsames Kommando zu stellen, wurde einer zum Feldherren (lat.: Imperator) ausgerufen, der dann oft auch noch einen mythologischen Titel zugesprochen bekam.

Tatsächlich gibt es auch schriftliche Hinweise auf einen britischen Feldherrn im 5. Jahrhundert, den man als den „Bären“ bezeichnete. Sein tatsächlicher Name lautete wohl Enniaun Girt, und er stammte aus Nordbritannien. Von ihm ist überliefert, dass es ihm gelang, genügend britische Krieger zusammenzubekommen um den Sachsenfürst Hengest (dessen Existenz allerdings vielfach bezweifelt wird) und seine Krieger zu besiegen. Den wenigen Chroniken, die aus dieser Zeit erhalten geblieben sind, ist zu entnehmen, dass Enniaun Girt niemals König war, da es zu dieser Zeit noch keinen britischen König gab. Stattdessen wurde Britannien offenbar gemeinsam vom Rat der Stämme und dem Comes Britanniarum (Gouverneur Britanniens) regiert, dessen Name ebenfalls überliefert ist: Ambrosius Aurelianus, ein romanisierter Brite hohen Ranges, dessen in der Historia Britonum überlieferten „Taten“ in allen späteren Nacherzählungen auf Merlin übertragen wurden. Vor allem aus diesen beiden – historisch verbürgten – Figuren entstand höchstwahrscheinlich später die Sage von Artus Pendragon, Großkönig von Britannien. Auch Enniauns Sohn Owain Ddantgwyn könnte man nach manchen Quellen als einen „historischen Artus“ bezeichnen.

Andere Theorien siedeln „das“ reale Vorbild für Artus nicht in Nordbritannien, sondern in Wales, Cornwall oder im Westen Englands an. Die walisische Tourismuswirtschaft beansprucht Artus hier eindeutig für ihre Zwecke als touristische Besonderheit des Landes Wales.

Eine andere These geht davon aus, dass Artus am ehesten eine halb vergessene keltische Gottheit war, die sich in eine menschliche Person (hier wird die Wandlung des Seegottes Lir in König Lear zitiert) oder eine fiktive Gestalt wie Beowulf verwandelt hat. Anhänger dieser Richtung argumentieren, dass ein anderer Romano-Brite dieser Zeit die Truppen führte, die die Sachsen um 500 in der Schlacht von Mons Badonicus bekämpften, wie zum Beispiel Ambrosius Aurelianus.

Die Stelle, an der sich Artus’ Grab befunden haben soll.

1191 gaben Mönche der Abtei von Glastonbury bekannt, dass sie die Grabstätte von Artus und Guinevere gefunden hatten. Wahrscheinlich ist das aber eine fromme Lüge, die dazu diente, sich das nötige Geld für den Wiederaufbau der Abtei, die 1184 durch ein Feuer zerstört worden war, zu beschaffen. Das Grab wurde jedenfalls vielen Leuten gezeigt und die vermeintlichen Überreste wurden 1278 in eine neue Gruft umgebettet. Diese Gruft wurde während der Reformation zerstört und die Gebeine gingen verloren. Der Antiquar John Leland gab an, dass er das Kreuz, welches mit den Überresten gefunden worden war, sah – ob das Kreuz wirklich existierte, ist unklar; falls ja, dürfte es sich um eine (vermutlich mittelalterliche) Fälschung gehandelt haben.

Die übersetzte Inschrift auf dem Kreuz lautete (laut Leland):

Hic iacet sepultus inclitus rex Arturius in insula Avalonia

auf Deutsch:

„Hier liegt der berühmte König Artus auf der Insel Avalon begraben“

Camelot – Identifikationsversuche

Camelot ist der Hof von König Artus. Wo Camelot gelegen hat, wird spekuliert, einige vermuten den Hof in Tintagel in Cornwall (die Burgruine dort stammt jedoch aus dem 12. Jahrhundert) oder in Caerleon (heute: Gwent in Wales, das römische Isca Silurum). Professor A. Jackson meinte 1959 mit sprachwissenschaftlichen Methoden Cadbury Castle in Somerset als Camelot identifizieren zu können. Die Reste der keltischen Festungsanlage aus dem 5. Jahrhundert auf dem Glastonbury Tor werden ebenfalls mit König Artus in Verbindung gebracht.

Heutige Überreste von Tintagel Castle.

Das Schwert aus dem Stein

Das Motiv des aus dem Stein gezogenen Schwerts Excalibur als Gottesurteil zur Erlangung der Königswürde steht möglicherweise in Verbindung mit dem Einsatz 5500 schwerer sarmatischer Lanzenreiter (Kataphrakte) in römischen Diensten in Britannien seit Kaiser Marc Aurel. 183 waren sie unter dem Kommando des – aufgrund seiner Grabinschrift belegten – römischen Ritters Lucius Artorius Castus (s.o.) wesentlich an der Abwehr eines Angriffs der Skoten beteiligt. Die sarmatische Reiterei war noch bis ins vierte Jahrhundert im römischen Britannien stationiert; sie und möglicherweise auch ihre Nachfahren lebten in eigenen Siedlungen und übten eigentümliche Riten aus. So berichtet Ammianus Marcellinus im späten vierten Jahrhundert davon, dass die Sarmaten nicht nur für ihre Schmiedekunst berühmt seien, sondern auch ein in den Boden gerammtes Schwert wie einen Gott verehrten.

Die Sage vom Schwert aus dem Stein, das oft auch mit Excalibur gleichgesetzt wird (dem Schwert, mit dem Artus der Sage nach in seinem letzten Kampf seinen Neffen, nach einer anderen Version seinen eigenen Sohn, Mordred tötete), ist vielleicht aber auch auf einen Übersetzungsfehler zurückzuführen. Frühmittelalterliche Schreiber ließen oft Konsonanten aus, die stattdessen mit einem ´ (Akut) über den Buchstaben gekennzeichnet wurden. Darum geht man heute mitunter davon aus, dass dieses Schwert nicht von einem Stein (ex Saxo) sondern von einem Sachsen (ex Saxone) stammt. Für diese Variante spricht auch eine jütische Sage, nach der ein sächsischer Krieger das Wunderschwert des Schmieds Wieland, welches aus Sterneneisen geschmiedet war, an einen großen britischen König verloren haben soll, zusammen mit seinem Leben. Besagtes Schwert dürfte aus Meteoreisen bestanden haben, das sowohl von keltischen als auch germanischen Druidenschmieden als wunderkräftiges – weil vom Himmel gefallenes – Metall betrachtet wurde, das den Träger eines Schwertes aus diesem Material unbesiegbar machen sollte. Auch dürfte die Vorstellung von Excalibur als einem mittelalterlichen Kreuzfahrerschwert mehr als falsch sein. Viel eher dürfte es sich dabei um den Schwerttyp gehandelt haben, den die römischen Legionäre nach Germanien und Britannien mitbrachten, den Gladius oder noch die zur Zeit Artus’ übliche (und außerdem wohl von den Kelten übernommene) spätrömische Schwertform, die Spatha (75–110 cm lang und 5 cm breit).

Zur keltischen „Geschichtsschreibung“

Einen klaren und nachweislichen historischen Kontext herzustellen ist nicht zuletzt aufgrund der Abneigung der Kelten gegen das geschriebene Wort schwer bis unmöglich. Anstelle einer Geschichtsschreibung lernten die als Wahrer von Tradition und Geschichte zuständigen Barden oder Druiden während ihrer „Ausbildungszeit“ (laut Caesar und Strabo etwa 20 Jahre) alles überlieferte Wissen ohne schriftliche Unterstützung auswendig und erzählten es dann weiter – erzählen aus dem Gedächtnis war auch in späteren Jahrhunderten noch eine angesehene Kunst. Dabei pflegten sie stets Historie mit Mythologie zu verweben und umgekehrt. Wichtig war nicht der präzise historische Ablauf von Ereignissen, sondern deren historische, ethische und nicht zuletzt mythologische Bedeutung.

So lässt sich erklären, wie in keltischen Sagen Göttergestalten als Menschen agieren, historische Personen hingegen zu Halbgöttern werden können. Auch war es nicht unüblich, mehrere Personen und Zeitgeschehen in ein und derselben dramaturgischen Person (Protagonist) zusammenzufassen. Der Barde und Zauberer Merlin, der in der Artussage eine zentrale Rolle spielt, aber auch in eigenständigen und anderen Sagenkreisen auftaucht, ist hierfür ein gutes Beispiel.

Einzelnachweise

  1. CIL 3, 1919

Siehe auch

Literatur

zu den Quellen Siehe auch: Medienliste zu Artus, Merlin und dem Gral

Ausgaben
  • Thomas Malory: Die Geschichte von König Artus und den Rittern seiner Tafelrunde. 3 Bde. Frankfurt 1998. ISBN 3-458-31939-5
Sekundärliteratur
  • Geoffrey Ashe: König Arthur, Die Entdeckung von Avalon. Düsseldorf 1986. ISBN 3-430-11081-5
  • Stephanie L. Barczewski: Myth and national identity in nineteenth-century Britain: the legends of King Arthur and Robin Hood. Oxford University Press, Oxford 2000. ISBN 0-19-820728-X
  • Richard Brzezinski u. a.: The Sarmatians 600BC-450AD. Oxford 2002. ISBN 1-84176-485-X
  • Norma Lorre Goodrich: Die Ritter von Camelot – König Artus, der Gral und die Entschlüsselung einer Legende. C.H.Beck, München 1994. ISBN 3-406-38171-5
  • C. Scott Littleton: From Scythia to Camelot: A Radical Reassessment of the Legends of King Arthur, the Knights of the Round Table, and the Holy Grail. Garland reference library of the humanities. Bd 1795. New York 1994. ISBN 0-8153-3566-0
  • John Matthews: King Arthur. Dark Age Warrior and Mythic Hero. London 2004. ISBN 1-84222-934-6
Rezeption
  • Mark Twain: Ein Yankee am Hofe des Königs Artus. Insel, Frankfurt M 1997. ISBN 3-458-33593-5 (dt. Ausg.)

Weblinks


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