ODESSA

Hinter der Bezeichnung Organisation der ehemaligen SS-Angehörigen (ODESSA, Odessa, O.d.e.SS.A oder O.D.E.S.S.A.) verbirgt sich die Vorstellung, dass es eine gut organisierte, schlagkräftige Dachorganisation gegeben habe, unter der sich ehemalige SS-Angehörige, wie SS-Standartenführer Otto Skorzeny und andere Vertreter oder Sympathisanten des NS-Regimes kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges zusammengeschlossen hätten. Unter dem Eindruck des nahenden, unabwendbaren Zusammenbruchs des Dritten Reiches habe man das Überleben ihrer Angehörigen nach Kriegsende sichern wollen, unter anderem durch Flucht nach Südamerika oder durch gegenseitige konspirative Unterstützung im besiegten Deutschland.

Beweise für eine derartige Dachorganisation gibt es anscheinend nicht, allerdings sind andere Arten der Zusammenarbeit ehemaliger SS-Angehöriger bekannt, unter anderem die Fluchtlinien ins Ausland.

Inhaltsverzeichnis

Bewertung der Glaubwürdigkeit

Die entscheidende Frage, ob es sich dabei lediglich um einen plausibel klingenden Mythos oder eine tatsächlich existierende Organisation gehandelt hat oder sogar heute noch handelt, ist nicht leicht zu beantworten.

In einer Dokumentation des ZDF wurde der bekannte „Nazi-Jäger“ Simon Wiesenthal mit den Worten zitiert: „ODESSA war eine verschwörerische Geheimorganisation der SS, die dazu diente, Kriegsverbrecher aus Deutschland herauszuschleusen und nach Südamerika zu bringen“. Die Dokumentation kommt jedoch zu dem Schluss, es habe keine „weltumspannende Geheimorganisation“ dieser Form gegeben, dafür aber eine Vielzahl kleinerer konspirativer Strukturen, Zusammenschlüsse und Seilschaften, die nach dem Zweiten Weltkrieg NS-Verbrechern Flucht und Untertauchen ermöglicht haben. Zu diesem Ergebnis kommt auch H. Schneppen, der in seine Untersuchung auch erstmals Erkenntnisse aus dem Archiv der DDR-Staatssicherheit einbezieht. Die Stasi hat offenbar ungeprüft die Angaben Wiesenthals übernommen, der seinerseits den Angaben von Informanten zu sehr Glauben geschenkt habe.

Wohl mit Hilfe solcher Verbindungen gelang etwa die Flucht von Josef Mengele nach Brasilien, von Adolf Eichmann und Ludolf-Hermann von Alvensleben nach Argentinien, von Klaus Barbie nach Bolivien und von Alois Brunner nach Syrien.

In der Kritik stehen bis heute zudem amerikanische Geheimdienste wie das CIC, die erwiesenermaßen bereits kurz nach dem Krieg Kenntnis der Fluchtwege (Rattenlinien) hatten, dieses Wissen aber nicht zur Verhaftung der Flüchtigen nutzten. Teilweise übernahmen die ehemaligen SS-Offiziere sogar mit Wissen amerikanischer Behörden Ämter in den Regierungen lateinamerikanischer Staaten. Das prominenteste Beispiel für diesen Zusammenhang ist Klaus Barbie, der die bolivianische Militärregierung bei der Unterdrückung von Aufständen beriet - das nötige Wissen hatte er sich in der Zeit als Gestapo-Chef von Lyon angeeignet.

Letztlich scheint es also keine Beweise für die Existenz einer zentralen Dachorganisation unter dem Namen ODESSA zu geben. Das gilt wahrscheinlich umso mehr für die ebenfalls öfter diskutierte Version, wonach ODESSA womöglich nach der Art einer geheimbündlerischen Loge zwar im Verborgenen, aber doch offensiv und planmäßig nach Einfluss gestrebt haben könnte, um ihre Ideologie in Politik und Gesellschaft zu verbreiten.

Die Existenz im Sinne einer Dachorganisation verneint auch der argentinische Journalist Uki Goñi in seinem Buch „ODESSA. Die wahre Geschichte“.[1] Seine Recherchen ergaben, dass mit dem Wissen der Schweizer Regierung, der Kirche und des argentinischen Diktators Juan Perón, einem offenen Sympathisanten des NS-Regimes, organisierte Fluchtwege über die Schweiz existierten, über die mit Hilfe falscher Pässe NS-Verbrecher aus Deutschland nach Südamerika geschleust wurden, was den Mythos ODESSA begründete.

Unspektakulärer als "ODESSA", doch dafür auf gesicherten Fakten basierend, hat der Historiker Gerald Steinacher in seiner Habilitationsschrift die Zwischenstationen der Rattenlinien bis zur Ausreise in Genua und der Aufnahme in Argentinien anhand exemplarischer Personen recherchiert.[2]

Der Begriff ODESSA wurde mehrfach in der populären Literatur verwendet. Das bekannteste Beispiel dafür dürfte der auch verfilmte Roman „Die Akte Odessa“ des britischen Schriftstellers Frederick Forsyth sein.

Siehe auch

Literatur

  • Uki Goñi: Odessa - Die wahre Geschichte. Fluchthilfe für NS-Kriegsverbrecher. Aus dem Engl. v. Theo Bruns und Stefanie Graefe. Assoziation A, Berlin/Hamburg, 2006. ISBN 3-935936-40-0
  • Heinz Schneppen: Odessa und das Vierte Reich. Metropol-Verlag, Berlin, 2007. ISBN 978-3-938690-52-9
  • Gerald Steinacher: Nazis auf der Flucht. Wie Kriegsverbrecher über Italien nach Übersee entkamen, StudienVerlag, Innsbruck-Wien-Bozen 2008, ISBN 978-3-7065-4026-1

Belege

  1. Uki Goñi: Odessa: Die wahre Geschichte. Fluchthilfe für NS-Kriegsverbrecher. Aus dem Englischen von Theo Bruns und Stefanie Graefe. ISBN 978-3-935936-40-8 [1].
  2. Gerald Steinacher: Nazis auf der Flucht. Wie Kriegsverbrecher über Italien nach Übersee entkamen 1946-1955, StudienVerlag, Innsbruck-Wien-Bozen 2008, ISBN 978-3-7065-4026-1.

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